Sucht man in Deutschland heutzutage Untersuchungen über Judentum oder Antisemitismus, so stößt man ohne Zweifel auf ausgesprochen reichhaltige und gehaltvolle Arbeiten in ungeheurer Zahl und es stellt sich oftmals das Problem die für den jeweiligen Zweck passenden auszuwählen. Allerdings fällt auf, dass die überwiegende Zahl entweder in irgendeiner Weise mit dem ‚Dritten Reich in Verbindung stehen oder den Fokus auf die heutige Nahostsituation richten und eine weitere beträchtliche Anzahl den Antisemitismus im 19. Jahrhundert im Zeichen des Nationalismus und Liberalismus thematisieren. Weitaus seltener hingegen finden sich Untersuchungen über die Stellung der Juden im 18. Jahrhundert, dem ‚Siècle des Lumières’. Doch wirkte diese Epoche, die in dem Ruf steht, dem Rationalismus, der religiösen Toleranz und der Wissenschaftlichkeit verpflichtet zu sein, tatsächlich auch auf das Bild und die Situation der jüdischen Bevölkerung ein? Auf den ersten Blick scheinen die neuen Maximen und Zielvorstellungen nur schwer mit der Ausgrenzung und Diskriminierung einer gesellschaftlichen Gruppe vereinbar zu sein. Doch gingen die Veränderungen der Zeit tatsächlich schon so weit, dass auch eine nichtchristliche Bevölkerungsgruppe eine gesellschaftliche Besserstellung erfahren konnte und mehr Toleranz walten gelassen wurde?
Um diese Fragen aufzulösen bietet es sich an, in der vorliegenden Arbeit die soziale, wirtschaftliche und rechtliche Situation der jüdischen Bevölkerung in den beiden größten deutschen Teilstaaten, Preußen und Österreich, zu analysieren, zu vergleichen und zu hinterfragen welche Motivation den jeweiligen Judengesetzgebungen zu Grunde lagen.
Inhaltsverzeichnis
1. FRAGESTELLUNG
2. DIE POLITISCHE UND SOZIALE UND RECHTLICHE SITUATION DER JUDEN IM REICH BIS ZUM 17. JHT.
3. DIE STELLUNG DER JUDEN IN PREUßEN
4. DIE STELLUNG DER JUDEN IN ÖSTERREICH / WIEN
5. FAZIT
6. LITERATUR
A.QUELLEN
B. SEKUNDÄRLITERATUR
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die soziale, wirtschaftliche und rechtliche Situation der jüdischen Bevölkerung in den beiden bedeutenden Teilstaaten Preußen und Österreich während des 18. Jahrhunderts, um die Motive der jeweiligen Judengesetzgebung zu vergleichen und zu hinterfragen.
- Vergleichende Analyse der rechtlichen und sozialen Lage jüdischer Gemeinden in Preußen und Österreich.
- Untersuchung der judenfeindlichen Kontinuität und moderner staatlicher Veränderungsprozesse.
- Hinterfragung der staatlichen Motivation hinter Toleranzedikten und Wirtschaftsgesetzgebungen.
- Gegenüberstellung von utilitaristischer Staatsräson und lebensweltlicher Realität für die jüdische Bevölkerung.
Auszug aus dem Buch
3. Die Stellung der Juden in Preußen
Der brandenburgische Staat hatte im 17 Jahrhundert tief greifende Veränderungen erfahren. Die Hohenzollern erbten zunächst die westdeutschen Gebiete Kleve und Ravensburg, ehe ihnen vier Jahre später auch noch das Herzogtum Preußen zufiel. Als Konsequenz aus dem Dreißigjährigen Krieg vergrößerte sich Brandenburg-Preußen abermals um das Bistum Halberstadt und Hinterpommern. Andererseits hatte der Dreißigjährige Krieg auch eine Reihe von negativen Konsequenzen zur Folge, denn weite Teile des Landstrichs waren verwüstet und entvölkert. Vorrangiges Ziel beim Regierungsantritt Friedrich-Wilhelms war folglich der Wiederaufbau der zerstörten Gebiete und eine aktive Bevölkerungspolitik. In diesem Kontext müssen wohl die Aufnahme der Hugenotten im ‚Potsdamer Edikt’ und das ‚Edikt wegen aufgenommenen 50 Familien Schutzjuden’5 gesehen werden. Über das frühneuzeitliche Preußen wird vielfach behauptet6, dass es sich durch eine besondere Toleranz vor allem in Glaubensfragen auszeichnete.
Vielmehr gilt es hier aber eine differenziertere Betrachtungsweise walten zu lassen und einen genaueren Blick auf die Quellen zu werfen. Aus dem Edikt über die Schutzjuden:
§ 2. Sol diesen Jüdischen Familien vergonnet seyn, ihren Handel und Wandel im ganzen Lande dieser unser Chur und Marck Brandenburg […] Unseren edicten gemäß zu treiben, wobey wir ihnen noch ausdrücklich nachgeben, offene Krahme und Buden zu haben, Tücher und dergleichen Wahren , in Stücken zu verkaufen […] und auff Jahr- und Wochenmärcken Ihre Wahren feil zu haben.
§ 3. […] sollen sie ferner denen Reichs Constitutionibus […] Ihren Handel gemäß führen, und demnach aller verbotenem Kauffmannschfft sonderlich gestolener Güter, so viel immer möglich, sich enthalten […], im Handel zur Unbilligkeit nicht beleidigen, nicht vorsetzlich umb das Ihre bringen oder beschweren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. FRAGESTELLUNG: Die Einleitung definiert das Forschungsziel, die Situation der Juden im 18. Jahrhundert in Preußen und Österreich vergleichend zu untersuchen und die zugrunde liegende staatliche Gesetzgebung zu analysieren.
2. DIE POLITISCHE UND SOZIALE UND RECHTLICHE SITUATION DER JUDEN IM REICH BIS ZUM 17. JHT.: Dieses Kapitel skizziert die historische Entwicklung des christlichen Antijudaismus, der Diskriminierung und der sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen im Mittelalter sowie die daraus resultierende berufliche Abdrängung der Juden.
3. DIE STELLUNG DER JUDEN IN PREUßEN: Die Untersuchung beleuchtet die preußische Judenpolitik unter den Hohenzollern, insbesondere unter Friedrich Wilhelm I. und Friedrich dem Großen, und arbeitet den Widerspruch zwischen utilitaristischer Staatsräson und Restriktionsmaßnahmen heraus.
4. DIE STELLUNG DER JUDEN IN ÖSTERREICH / WIEN: Das Kapitel befasst sich mit der wechselhaften Wiener Judenpolitik von der Vertreibung 1670 bis zu den Toleranzpatenten Joseph II. und thematisiert den Einfluss staatlicher Modernisierungsbemühungen auf die jüdische Bevölkerung.
5. FAZIT: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass rechtliche und wirtschaftliche Verbesserungen für die jüdische Oberschicht im 18. Jahrhundert primär ökonomisch motiviert waren und nicht auf humanistischen Idealen basierten.
6. LITERATUR: Listung der verwendeten Quellen und der wissenschaftlichen Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Preußen, Österreich, Judentum, 18. Jahrhundert, Judengesetzgebung, Toleranzpolitik, Staatsräson, Schutzjuden, Wirtschaftsgeschichte, Antisemitismus, Joseph II., Friedrich der Große, Maria Theresia, Diskriminierung, Emanzipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die soziale, rechtliche und wirtschaftliche Situation der Juden in den Teilstaaten Preußen und Österreich während des 18. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die Entwicklung der Judengesetzgebungen, der Einfluss absolutistischer Herrscher auf jüdische Minderheiten und die Spannung zwischen ökonomischem Nutzen und gesellschaftlicher Ausgrenzung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Motive hinter der jeweiligen Judengesetzgebung in Preußen und Österreich zu vergleichen und zu prüfen, inwieweit aufklärerische Ideale die staatliche Praxis beeinflussten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine tiefgehende Analyse zeitgenössischer Primärquellen, insbesondere Edikte und Toleranzpatente, sowie auf eine Auswertung historischer Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die gesetzlichen Regelungen und die tatsächliche Lebensrealität der jüdischen Bevölkerung unter preußischen Herrschern sowie unter dem habsburgischen Wien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Staatsräson, Schutzjuden, Wirtschaftsgesetzgebung, Toleranz, Preußen und Österreich.
Wie unterscheidet sich die Haltung Friedrichs II. von der seiner Vorgänger?
Friedrich II. behielt zwar die merkantilistische und auf finanziellen Nutzen ausgerichtete Politik seines Vaters bei, verschärfte jedoch das Reglement in Form einer noch pedantischeren und drückenderen Gesetzgebung.
Welche Rolle spielt das Jahr 1782 in der österreichischen Judenpolitik?
Das Toleranzpatent von 1782 markiert einen Wendepunkt, da es die soziale Sonderstellung der Juden schrittweise aufhob und Ansätze moderner Naturrechtslehren in die Gesetzgebung integrierte.
Warum wird die Toleranzpolitik der Herrscher in der Forschung kritisch hinterfragt?
Die Forschung betont, dass die Maßnahmen weniger aus humanitären Motiven, sondern aus einem utilitaristischen Staatsinteresse zur Professionalisierung des Gemeinwesens resultierten.
- Arbeit zitieren
- Daniel Conley (Autor:in), 2008, Die Stellung der Juden in Preußen und Österreich im 18. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/144266