Die Bedeutung des Begriffes ‚Künstler‘ hat sich seit der Antike erheblich gewandelt. Über Jahrhunderte galten bildende Künstler wie Maler und Bildhauer als reine Handwerker und Originalität war keineswegs gefragt. Erst in der Renaissance fanden die ersten Schritte hin zu unserem heutigen Verständnis des (bildenden) Künstlers als Intellektuellem und aus sich selbst heraus Kreativem statt. Das infolgedessen entstandene Bild vom Künstler-Genie hat in den letzten 200 Jahren vielfältige Formen angenommen und wiederum Wandlungen durchlaufen.
Die vorliegende Hausarbeit gibt einen Überblick über diesen ideen- und kunstgeschichtlichen Wandel. Dabei fließen zeitgeschichtliche und philosophische Sichtweisen ein, die den Wandel geprägt haben und es wird außerdem auf die Wandlung der Selbstwahrnehmung des Künstlers eingegangen.
Nach heutigem Verständnis ist es selbstverständlich nicht korrekt, ausschließlich die maskuline Form des Nomens im Titel - "Was ist ein Künstler?" - zu verwenden. Der Titel war allerdings so vorgegeben und auch die Literatur, die ich vorwiegend herangezogen habe, benutzt ausschließlich die maskuline Form. Das mag darauf zurückzuführen sein, dass sie zu einer Zeit verfasst wurde, in der man diese Sensibilität für geschlechtergerechte Sprache nicht hatte. Allerdings ist das Wort in seiner maskulinen Form hier nicht ganz falsch, denn tatsächlich war rein historisch gesehen die Kunst und natürlich auch das Handwerk oder Kunsthandwerk in der westlichen Welt für mehr als 2000 Jahre die Domäne des Mannes – des weißen Mannes, um genau zu sein. Zumindest scheint das so, wenn man die Literatur durchforstet. Sicherlich gab es schon immer auch Frauen, die künstlerisch tätig waren, aber bis in die 1970er Jahre war die Kunstgeschichte hauptsächlich männlich – so schien es.
Inhaltsverzeichnis
1 Vom Handwerker zum bildenden Künstler
1.1 Antike - Platon und Aristoteles
1.2 Mittelalter - Ruhm und Selbstdarstellung
1.3 Renaissance - Vom Handwerk zur geistigen Tätigkeit
2 Der Künstler als gottähnlicher Schöpfer
2.1 Die Humanismus-Wende - Von ingenium und genius zu Genie
2.2 Der „geniale Mensch” der Aufklärung
3 Der moderne Künstler
4 Der Anti-Künstler
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den ideen- und kunstgeschichtlichen Wandel des Künstlerbegriffs von der Antike bis zur Gegenwart, wobei der Fokus auf der Transformation vom Handwerker über das gottähnlich verehrte Genie bis hin zur kritischen Figur des Anti-Künstlers liegt.
- Historische Einordnung der Abgrenzung zwischen Handwerk und freier Kunst
- Entwicklung des Genie-Konzepts im Kontext des Humanismus und der Aufklärung
- Messianische Rollenbilder und der Künstler als Avantgarde im 19. und 20. Jahrhundert
- Dekonstruktion des Künstlerbildes durch das Ready-made und konzeptuelle Ansätze
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Humanismus-Wende - Von ingenium und genius zu Genie
Der Humanismus ist weltanschaulich geprägt von einer Wiedererweckung der antiken Kultur, ihrer Sprachen, ihrer Kunst und Geisteshaltung. Generell versteht man unter „Humanismus-Wende”, dass der Mensch an sich mehr in den Fokus tritt. In der bildenden Kunst jedoch bezieht sich der Begriff auf die Entwicklung des Künstlers von der Nachahmung hin zur Originalität.
Zusätzlich zu dem ursprünglichen Gedanken, dass Dichter der Antike sich auf ihr ingenium stützten, eine Art „göttliche Eingebung”, entwickelte sich ausgehend von der römischen und griechischen Antike parallel dazu die Bedeutung, dass ingenium angeboren sei. Diese Bedeutung griff Francisco de Hollanda in seinem Malereitraktat von 1538 auf und stellte ingenium über Gelehrsamkeit, Nachahmung und Fleiß. Hollanda behauptete, ein guter Künstler muss geboren werden und besitzt natürliche Virtuosität, Leichtigkeit und Gewandtheit (sprezzatura). Er braucht keinen Unterricht, muss nichts erlernen oder fleißig üben. Dieser neue Anspruch, „auch wenn das Argument vom künstlerischen Ingenium indirekt darauf abzielt, die geistige Tätigkeit des Künstlers zu betonen und zu seiner Aufwertung beizutragen,” führt zu einem gravierenden Paradigmenwechsel vom Wissenschaftlichkeitsargument des 14. und 15. Jh. hin zum Begabungsargument im 16. Jh., der sich auch im Selbstverständnis der Künstler ausdrückt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Vom Handwerker zum bildenden Künstler: Dieses Kapitel zeichnet den historischen Aufstieg des Künstlers vom bloßen, handwerklichen Produzenten in Zünften hin zur Etablierung als intellektuell arbeitender Künstler während der Renaissance nach.
2 Der Künstler als gottähnlicher Schöpfer: Hier wird die metaphysische Aufwertung des Künstlers beleuchtet, die durch den Humanismus und das Genie-Konzept der Aufklärung den Künstler als eigenständigen, gottähnlichen Schöpfer definiert.
3 Der moderne Künstler: Der Abschnitt adressiert die Rolle des Künstlers als gesellschaftliche Avantgarde und Heilsbringer, geprägt durch den deutschen Idealismus und das Streben nach universeller Emanzipation.
4 Der Anti-Künstler: Dieses Kapitel analysiert die Abkehr vom Geniebegriff ab dem 20. Jahrhundert, insbesondere durch Marcel Duchamps Ready-mades und die Konzeptkunst, welche den Fokus vom Werk auf den intellektuellen Reflexionsprozess verschieben.
5 Fazit: Die abschließende Betrachtung resümiert den Kreis, der sich vom handwerklichen Ursprung über die Überhöhung zum Genie hin zum heutigen „intellektuellen Handwerk” der Reflexion schließt.
Schlüsselwörter
Künstlerbegriff, Kunstgeschichte, Genie, Handwerk, Humanismus, Aufklärung, Mimesis, Ready-made, Konzeptkunst, Ideengeschichte, Ästhetik, Schöpfertum, Avantgarde, Künstlerrolle, Joseph Beuys
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die historische Wandlung des Begriffs „Künstler” und wie sich das Selbstverständnis sowie die gesellschaftliche Wahrnehmung über 2000 Jahre hinweg entwickelt haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind der Gegensatz zwischen Handwerk und Kunst, die Entstehung des Geniekults, die Rolle des Künstlers als Heilsbringer sowie die spätere Dekonstruktion dieser Ideale durch die moderne Konzeptkunst.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, einen fundierten Überblick über den ideen- und kunstgeschichtlichen Bedeutungswandel des Künstlerbegriffs zu geben und die philosophischen Strömungen aufzuzeigen, die diesen Wandel vorangetrieben haben.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit stützt sich auf eine ideengeschichtliche Analyse, bei der Fachliteratur und kunsttheoretische Traktate von der Antike bis in die moderne Zeit ausgewertet werden.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in chronologische Abschnitte: Von der antiken Einteilung der freien gegenüber den mechanischen Künsten, über die Aufwertung in der Renaissance, bis hin zum Aufkommen des Geniebegriffs und der späteren Abkehr davon durch den „Anti-Künstler”.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Wichtige Begriffe, die die Arbeit prägen, sind unter anderem „Künstlergenie”, „Ready-made”, „Mimesis”, „Humanismus” und „erweiterter Kunstbegriff”.
Wie unterscheidet sich das Künstlerverständnis der Antike von jenem der Renaissance?
In der Antike galt der bildende Künstler als Handwerker (banauson), während er in der Renaissance als intellektuelle Person und uomo universale verstanden wurde, der seine Tätigkeit auf theoretische Grundlagen und Naturbeobachtung stützte.
Welche Rolle spielt Marcel Duchamp für das Konzept des „Anti-Künstlers”?
Duchamp fungiert als zentrale Figur, indem er das traditionelle Verständnis des kreativen Schöpfungsaktes auflöste und durch die Übertragung von Alltagsgegenständen in den Kunstkontext (Ready-made) den Schöpfungsprozess vollständig in den Bereich der geistigen Reflexion verlegte.
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- J. L. Breitling (Author), 2023, Was ist ein Künstler? Ein Überblick über den ideen- und kunstgeschichtlichen Wandel des Begriffes von der Antike bis zur Gegenwart, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1437179