Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit Henrik Ibsens 1890 erschienenem Drama "Hedda Gabler". Die Arbeit soll die Vaterlosigkeit und die Auswirkungen, die die Abwesenheit des Vaters zur Folge haben, betrachten. Die Vater-Tochter-Beziehung und das entstehende Machtverhältnis werden ebenfalls analysiert. Hierbei soll zunächst ein Blick auf das Familienbild der damaligen Zeit geworfen werden, ehe das Drama Hedda Gabler selbst zur Analyse herangezogen und so die Protagonistin in ihrer Ambiguität der freien und doch gefangenen Tochter und Ehefrau entschlüsselt werden soll. Dafür wird Heddas Rolle in der bürgerlichen Welt genauer betrachtet und die Frage beantwortet, inwiefern jene Rolle durch die Vater-Tochter-Beziehung beeinflusst wird.
Der Vater der Protagonistin ist General Gabler. Obwohl dieser zu Beginn des Dramas bereits verstorben ist, ist er — oder besser gesagt sein Abbild in Form eines Porträts — die erste Figur, die dem Publikum offenbart wird und den Raum, den die Szene eröffnet, einnimmt. Diese Einnahme des Raums ist insofern interessant, als dass der verstorbene Vater bereits in der ersten Szenenbeschreibung stark in den Fokus und auch in das Bewusstsein von Publikum und Charakteren gerückt zu werden scheint, wobei ihm eine Bedeutung zugeschrieben wird, die im weiteren Verlauf dieser Arbeit thematisiert werden soll.
Vaterschaft bei dem norwegischen Dramatiker Henrik Ibsen ist in der Forschung ein Thema, das durchaus aufgegriffen wird. Die Stücke, die hierbei in den Vordergrund geraten sind dabei allerdings zumeist Gespenster, Nora oder Stützen der Gesellschaft. Seltener wird in diesem Kontext Ibsens Spätwerk Hedda Gabler betrachtet, ein Stück, in dem der Vater trotz seines Todes eng in die Narrative eingebunden ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Drama und Familienbild im Wandel
3. Henrik Ibsens Hedda Gabler
3.1 Hedda Gabler — Tochter ihres Vaters
3.2 Die (Ohn-)Macht des Ehemanns
3.3 General Gablers Pistolen
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Vater-Tochter-Beziehung in Henrik Ibsens Drama "Hedda Gabler" und analysiert, wie die Abwesenheit des Vaters und das damit verbundene patriarchale Erbe die Protagonistin in ihrem Handeln sowie in ihrer Rolle als Ehefrau innerhalb einer bürgerlichen Gesellschaft prägen.
- Die Darstellung und Bedeutung der Vaterfigur in Ibsens Spätwerk
- Analyse des patriarchalen Machtgefüges im bürgerlichen Haushalt
- Die Spannung zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlichen Konventionen
- Die symbolische Funktion von General Gablers Pistolen
- Die ambivalenten Machtverhältnisse zwischen Hedda und ihrem Ehemann Jørgen Tesman
Auszug aus dem Buch
3.1 Hedda Gabler — Tochter ihres Vaters
Die erste Figur, die im Stück einen „Auftritt“ hat, ist die des General Gablers, Heddas Vater. In einer ausführlichen Beschreibung der Szene, genauer des Wohnzimmers des jungen Ehepaars Tesman, wird direkt zu Beginn des Stückes auf Heddas Vater verwiesen, denn „[ü]ber dem Sofa hängt das Gemälde eines gutaussehenden älteren Mannes in Generalsuniform“ (S. 5), das sich in einem kleineren Hinterzimmer befindet, das durch einen Vorhang vom großen Zimmer abgetrennt werden kann. Dieses Hinterzimmer scheint Heddas Zimmer zu sein, denn ihr erster Auftritt geschieht durch eben jenes Zimmer (vgl. S. 14) und ihr altes Klavier lässt sie im Verlauf des Dramas vom großen Wohnzimmerraum in das Hinterzimmer umräumen (vgl. S. 19 und S. 38). Dieses Zimmer ist zudem eben jenes, in dem sich Hedda am Ende des Dramas das Leben nimmt, durch das Vorziehen des Vorhangs verborgen vor aller Augen, außer vor denen des leblosen Porträts ihres Vaters (vgl. S. 105).
Allgegenwärtig hängt jenes Porträt wachend im Haus und ist Zeuge jeglichen Treibens im Haus sowie dem für alle Anderen unsichtbaren Suizid am Ende des Stückes. Die Betonung des Porträts vor Einsetzen der Handlung setzt eine militaristische Grundstimmung im Haus und das auch später noch, indem der Vater häufig in Verbindung mit seiner Tätigkeit als General genannt wird (vgl. S. 57). Jene Grundstimmung begünstigt eine weitere Interpretation, die die besondere Aufmerksamkeit, die dem Porträt des Mannes zukommt, als Anzeichen für patriarchale Hierarchien im Haus(halt) sieht und somit das Umfeld, in dem Hedda aufgewachsen ist, beschreibt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, die Bedeutung der abwesenden Vaterfigur in Ibsens Drama Hedda Gabler als zentralen Einflussfaktor auf die Protagonistin zu untersuchen.
2. Drama und Familienbild im Wandel: Das Kapitel beleuchtet den gesellschaftlichen Wandel des Familien- und Vaterbildes im 19. Jahrhundert, der insbesondere durch das Aufkommen des Darwinismus und neue patriarchale Strukturen geprägt war.
3. Henrik Ibsens Hedda Gabler: Dieses Kapitel stellt das Drama in den Kontext des Naturalismus und analysiert Ibsens Darstellung eines bürgerlichen Familiensystems am Übergang zur Moderne.
3.1 Hedda Gabler — Tochter ihres Vaters: Dieser Abschnitt zeigt auf, wie das allgegenwärtige Porträt des Generals Hedda als Tochter ihres Vaters etabliert und ihre Rolle im häuslichen Gefängnis definiert.
3.2 Die (Ohn-)Macht des Ehemanns: Hier wird analysiert, wie Hedda durch die Heirat mit Tesman dem patriarchalen Druck entfliehen will, jedoch trotz ihrer Manipulationen an ihrem Ehemann an den väterlichen Normen gefangen bleibt.
3.3 General Gablers Pistolen: Dieses Kapitel legt die symbolische Bedeutung der Pistolen als Erbe des Vaters dar, die Hedda zwar als Machtinstrument dienen, ihr aber letztlich nur den gewaltsamen Ausweg in den Suizid ermöglichen.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Hedda trotz ihrer Rebellion gegen bürgerliche Konventionen in den vom Vater vererbten patriarchalen Hierarchien gefangen bleibt, was ihren Tod als einzigen Ausbruchsversuch erscheinen lässt.
Schlüsselwörter
Hedda Gabler, Henrik Ibsen, Vater-Tochter-Beziehung, Patriarchat, Paternalismus, Naturalismus, Vaterlosigkeit, Machtverhältnisse, Geschlechterrollen, Familiendrama, bürgerliche Gesellschaft, Suizid, General Gabler, Machtausübung, Emanzipation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Henrik Ibsens Drama "Hedda Gabler" unter dem Fokus der Vater-Tochter-Beziehung und bewertet den Einfluss des verstorbenen Vaters als patriarchale Instanz auf das Handeln und die Psyche der Protagonistin.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Untersuchung?
Zentrale Themen sind der Wandel des Familienbildes im 19. Jahrhundert, die patriarchalen Machtstrukturen innerhalb der Ehe sowie der Konflikt zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlicher Fremdbestimmung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, inwiefern Heddas Rolle in der bürgerlichen Welt durch die Vater-Tochter-Beziehung beeinflusst wird und ob ihre Handlungen als Versuch einer Befreiung aus den ihr vererbten patriarchalen Normen gedeutet werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die Ibsens Drama auf Basis von Sekundärliteratur zu Themen wie Patriarchat, Paternalismus und psychoanalytischen Aspekten der Vaterfigur untersucht.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Mittelpunkt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der familiären Kontexte, die Allgegenwärtigkeit der Vaterfigur durch Symbole wie das Porträt und die Pistolen sowie die Auseinandersetzung mit der unglücklichen Ehe zu Tesman.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Die wesentlichen Begriffe sind Patriarchat, Vaterlosigkeit, Machtdynamiken, naturalistisches Familiendrama und die Ambivalenz zwischen Rebellion und Anpassung.
Inwieweit spielt das Porträt des Generals eine Rolle für die Handlung?
Das Porträt dient laut der Arbeit als ständige visuelle Repräsentanz bürgerlicher Ideale und väterlicher Autorität, wodurch das Haus als patriarchaler Raum inszeniert wird, aus dem Hedda psychisch nicht entkommen kann.
Warum wählt Hedda den Freitod als letzten Ausweg?
Der Suizid wird als die einzige souveräne Entscheidung Heddas gedeutet, da sie innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen keine Möglichkeit sieht, ihre Identität außerhalb der vom Vater geprägten Rollenbilder zu entfalten oder ihre Machtlosigkeit zu überwinden.
- Arbeit zitieren
- Amy De Vreese (Autor:in), 2023, General Gablers Präsenz im Drama "Hedda Gabler" von Henrik Ibsen. Die Macht des Abwesenden, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1433334