Ausgehend von Dorothea Kleins Aufsatz „Geschlecht und Gewalt. Zur Konstitution der Männlichkeit im ‚Erec’ Hartmanns von Aue“ möchte ich den Gedankengang nachzeichnen, den die Autorin zugrunde legt, um im Weiteren darauf einzugehen, wie sich, neben den Kriterien für das Mann-Sein, die damaligen Vorstellungen der Weiblichkeit zusammensetzten. In diesem Zusammenhang ist unter anderem die Frage interessant, welche Schuld Enite trifft, als es in Karnant zum berühmten verligen kommt. Es wird darauf zu achten sein, wie sich das Verhältnis zwischen Mann und Frau gestaltet, damit eine Rollentrennung so stattfinden konnte, wie sie im Mittelalter praktiziert wurde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vom juncherre zum Ritter
2.1 Der weiblich definierte Held
2.2 „Aufbruch in die Männlichkeit“
2.3 „Männlichkeit bedarf der Performanz“
3. Die Rolle Enites als Frau
3.1 Vorbemerkungen
3.2 Das verligen in Karnant
3.3 Enites Schuld und das auferlegte Schweigen
3.3.1 Enites Schuld
3.3.2 Das auferlegte Schweigen
3.4 Die Frau als Quelle der Ritterlichkeit
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht auf Grundlage des Aufsatzes von Dorothea Klein, wie Männlichkeit in Hartmanns von Aue „Erec“ konstituiert wird und welche zentrale Rolle dabei die Frau als Mittlerin und Korrektiv einnimmt.
- Männlichkeitskonstitution durch ritterliche Performanz und Kampf.
- Die Funktion der Frau als soziale Instanz zur Triebregulierung des Mannes.
- Die Problematik der Schuldfrage und des auferlegten Schweigens im Ehediskurs.
- Der Stellenwert von höfischen Konventionen im Verhältnis zwischen Mann und Frau.
Auszug aus dem Buch
2.1 Der weiblich definierte Held
Im ‚Erec’ Hatmanns von Aue wird Erec zuerst erwähnt, als er sich mit der Königin Ginover und deren Hoffräulein im Freien befindet und die Königin einen fremden Ritter in Begleitung einer Dame und eines Zweiges sieht. Sie möchte den Namen des Rittes erfahren und schickt zuvorderst ihr Hoffräulein, danach Erec zum getwerc (11), der sie jedoch verweist, indem er beide schlägt und ihnen die Antwort verwährt. Durch diesen Schlag gekränkt, will Erec nicht mehr im Dienst der Königin verweilen und Rache nehmen: ir gesehet mich nimmer mêre,/ ichn gereche mich an disem man/ von des getwerge ich mâl gewan (135ff.).
Bei näherer Betrachtung der Szene fällt auf, dass Erec als junge man (18) und juncherre (150) eingeführt wird, d.h. er wird nicht als Mann eingeführt, der sich schon durch ritterliches Benehmen ausgezeichnet hat. Bumke schreibt: „Bei ihm [Hartmann von Aue] ist Erec ein unerfahrener jungelinc (757), der noch keinen ernsthaften Kampf bestritten und an keinem Turnier teilgenommen hat.“ Durch den Schlag des Zwergen kommt es dazu, dass Erec sich vor den Damen gedemütigt sieht und Schande in dem Sinne erfahren musste, dass er sich und die Frauen nicht sogleich verteidigen konnte. Klein meint, Erecs erlittene Verletzung „ist nicht nur eine physische, sie hat auch symbolhafte Bedeutung: Für das Opfer Erec bedeutet sie Verletzung seiner Ehre, seines Ansehens, bedeutet sie Gesichtsverlust“. Dass Erec sich jedoch nicht sofort zur Wehr setzen konnte, rührt daher, dass er keine passende Rüstung trug, die ihn im Kampfesfall geschützt hätte: Êrec was blôz als ein wîp (103). In diesem Ausrüstungsmangel und dem direkten Vergleich mit einer Frau sieht Klein einen Hinweis darauf, dass Erec zwar biologisch gesehen ein Mann ist, ihm im sozialen Kontext aber noch eine entscheidende Qualifizierung fehlt, um sich der Männlichkeit rühmen zu können: „die Fähigkeit, sich und andere gegen Aggressivität zu verteidigen und zu schützen“, woraus sie die Schlussfolgerung zieht, „daß Erec noch nicht als Mann definiert ist.“ Um dieser in der höfischen Gesellschaft defizitären Rolle zu entgehen, trifft Erec den Entschluss, auszuziehen und seine Ehre wiederherzustellen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Fragestellung nach der Männlichkeitskonstitution und der Rolle der Frau bei Hartmann von Aue vor und führt in die theoretischen Ansätze ein.
2. Vom juncherre zum Ritter: Dieses Kapitel analysiert Erecs Entwicklung vom unerfahrenen Jüngling hin zum ritterlichen Mann durch Bewährung in Kampf und Turnier.
3. Die Rolle Enites als Frau: Hier wird Enites Status als Ehefrau untersucht, insbesondere im Hinblick auf ihre Schuld am sogenannten verligen und die ihr auferlegten Restriktionen.
4. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die Erkenntnisse zur Geschlechterrollenverteilung und betont, dass Hartmann keine radikale Umsturztheorie, sondern ein Modell der Mäßigung innerhalb bestehender gesellschaftlicher Konventionen entwirft.
Schlüsselwörter
Hartmann von Aue, Erec, Männlichkeit, Enite, Ritterlichkeit, Performanz, Geschlechterverhältnis, Mittelalter, Triebregulierung, Ehe, höfische Konventionen, Schuld, Ehre, Selbstverständnis, Literaturgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Konstruktion männlicher Identität und die soziale Rolle der Frau in Hartmanns von Aue „Erec“ unter Einbeziehung zeitgenössischer gesellschaftlicher Konventionen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Transformation vom Jüngling zum Ritter, das Spannungsfeld zwischen privater Liebe und öffentlicher Performanz sowie die spezifische Rolle der Frau als moralisches Korrektiv.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit verfolgt das Ziel nachzuzeichnen, wie Männlichkeit im Mittelalter durch Kampf und höfische Anerkennung erlangt wird und welche Rolle die Frau innerhalb dieses Konstrukts einnimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse, die bestehende Forschungsliteratur, insbesondere den Ansatz von Dorothea Klein, auf den „Erec“-Text anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Erecs Entwicklung zum Ritter und eine detaillierte Auseinandersetzung mit Enites Rolle, inklusive der Schuldfrage und der Bedeutung des auferlegten Schweigegebots.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Männlichkeitskonstitution, Ritterlichkeit, Performanz, Enite, Triebregulierung, höfische Ehre und die Mittlerrolle der Frau.
Welche Rolle spielt der „Sperberkampf“ für die Entwicklung Erecs?
Der Sperberkampf dient als entscheidender Wendepunkt, der Erec die notwendigen ritterlichen Attribute zuschreibt und ihn vom Status des Jünglings zum anerkannten Ritter erhebt.
Wie ist die Strafe des „Schweigegebots“ durch Erec zu interpretieren?
Sie ist nicht allein als bloße Bestrafung zu verstehen, sondern als komplexes Instrument zur Prüfung von Enites Hingabe und zur Wiederherstellung von Erecs Selbstvertrauen in einer Situation, in der er vor seiner Frau in Schande geraten ist.
- Quote paper
- Sebastian Schmidt (Author), 2007, Bemerkungen zur Männlichkeitskonstitution und der Rolle der Frau im Mittelalter anhand des ‚Erec’ Hartmanns von Aue, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/141854