In dieser Hausarbeit wird die Darstellung der Frauen Agrippina minor und Poppaea Sabina in den Annalen von Publius Cornelius Tacitus untersucht. Es wird die textkritische Edition München/Zürich 21992 der Annalen verwendet. Diese Analyse der Darstellung der weiblichen Personen in den Annalen konzentriert sich ausschließlich auf Agrippina minor und auf Poppaea Sabina. Diese Auswahl wird darin begründet, dass durch ihr Verhältnis zu Kaiser Nero und ihrer ähnlichen Darstellungsweise bei Tacitus, eine fundierte Herleitung seiner Kritik an das Kaiserhaus und die damit verbundenen Machtstellungen gegeben ist.
Um die Darstellung der Frauen in Tacitus analysieren zu können, muss nicht nur die Sichtweise und Einstellung von Tacitus selbst betrachtet werden, sondern auch die damit zusammenhängende Norm des weiblichen Verhaltens. Es soll um die Rolle der Frau und die Erwartungen, die an sie als Mutter oder Gattin des Kaiserhauses gestellt wurden, gehen. Diese Hausarbeit bezieht sich lediglich auf die Frauen im Kaiserhaus rund um Neros Dasein und somit auch nur die, für die Frauen der Oberschicht, geltenden Normen.
Die meisten Werke der Antike, ob nun griechische oder römische, wurden über Frauen verfasst, jedoch kaum welche von Frauen. Solche schriftlichen Zeugnisse stammen überwiegend von der männlichen Gesellschaft. Trotzdem oder gerade deshalb lassen sich hieraus die vorherrschenden Rollenerwartungen an eine Frau herleiten. Dafür muss untersucht werden, in welchen Zusammenhängen welche Äußerungen über Frauen getroffen werden und vor allem, wer diese vornimmt. In welchem Kontext wird den weiblichen Personen eine Relevanz zugesprochen, indem sie überhaupt erwähnt werden, ob nun Positiv oder Negativ. Welche Eigenschaften werden ihnen zugeschrieben, welche werden hervorgehoben oder gar nicht erst erwähnt. Daraus lassen sich Rückschlüsse ziehen, wie männliche Zeitgenossen verschiedene Frau wahrgenommen haben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Publius Cornelius Tacitus und die Annalen
3 Die Rolle der Frau
4 Die Darstellung der Agrippina minor
5 Die Darstellung der Poppaea Sabina
6 Fazit
7 Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Rollenbilder und die Darstellung der einflussreichen Frauen Agrippina minor und Poppaea Sabina in den "Annalen" des römischen Geschichtsschreibers Publius Cornelius Tacitus, um aufzuzeigen, wie Tacitus durch die Charakterisierung dieser Frauen seine Kritik am Kaiserhaus und der politischen Ordnung des Prinzipats zum Ausdruck bringt.
- Die gesellschaftlichen Rollenerwartungen an Frauen in der römischen Kaiserzeit
- Tacitus' literarische Schreibweise und seine kritische Haltung gegenüber dem Kaiserhaus
- Die spezifische Darstellung von Agrippina minor als machtbewusste und intrigante Persönlichkeit
- Die Charakterisierung der Poppaea Sabina im Kontext von Ehebruch und politischer Einflussnahme
- Der Zusammenhang zwischen negativer Weiblichkeitsdarstellung und der senatorischen Kritik am Prinzipat
Auszug aus dem Buch
Die Darstellung der Agrippina minor
Keine andere Frau wird bei Tacitus so facettenreich und multidimensional dargestellt wie Agrippina minor. Sie ist kaiserliche Ehefrau, Mutter und Stiefmutter zugleich und wird in diesen Verwandtschaftsverhältnissen in ihrem Handeln von Tacitus bewertet. Um diese Darstellung der Agrippina besser verstehen zu können, muss der Handlungsrahmen, in dem sie agiert, betrachtet werden. Agrippina kam aus der domus augusta und wurde geradewegs in das Zentrum des Machtgeschehens hineingeboren. Um diese Macht für sich und ihren Sohn Nero zu sichern, will sie ihren Onkel und derzeitigen Kaiser Claudius heiraten.
Diese Verbindung war durch ihre verwandtschaftliche Nähe keine Normalität, was ein anfängliches Ehehindernis darstellte, jedoch schnell durch die Änderung des Gesetzes umgangen wurde. Es stellten sich mehrere Frauen zur Wahl der potenziellen Ehefrau auf und warben mit ihrem Adel und ihrer Schönheit und auch Agrippina solle Claudius so lange „umgarnt“ haben, bis dieser ihren Reizen unterlag. Das Werben mit dem Vermögen und der Abstammung ist normalerweise eine Vereinbarung, die unter dem Vater der zukünftigen Braut und dem Ehemann geklärt wird. Dass Frauen sich diese Attribute selbst zusprechen, ist daher eher untypisch. Die Tatsache, dass Tacitus dies erwähnt, weist auf seine Einstellung gegenüber aristokratischen Frauen hin. Er empfindet sie als arrogant und machtgierig, denn er schreibt „In nicht geringerem Ehrgeiz waren die Frauen entbrannt.“ Auch ist es für Tacitus nicht angebracht, wenn eine ehrenwerte Frau, sich mit ihrer Schönheit und ihren Vorzügen zu schmückt. Denn es wird im eben genannten Beispiel im Kontext der Verführung erwähnt und somit als eine negative Eigenschaft dargestellt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Darstellung von Frauen bei Tacitus ein und definiert das Untersuchungsziel sowie die verwendete Quellenedition.
2 Publius Cornelius Tacitus und die Annalen: Das Kapitel bietet biografische Hintergründe zu Tacitus, beleuchtet seinen Stil als Historiker und verortet die "Annalen" als primäre Quellengrundlage.
3 Die Rolle der Frau: Hier werden die zeitgenössischen Normen und Rollenerwartungen an römische Frauen der Oberschicht analysiert, um einen Vergleichsmaßstab für die spätere Darstellung zu schaffen.
4 Die Darstellung der Agrippina minor: Eine detaillierte Untersuchung darüber, wie Tacitus Agrippinas Handeln zwischen Mutterliebe und politischem Machtstreben bewertet.
5 Die Darstellung der Poppaea Sabina: Dieses Kapitel analysiert die Darstellung Poppaeas als Instrument für politische Intrigen und die ambivalenten Wertungen ihrer Fruchtbarkeit und ihres Todes.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die Art der Darstellung als Ventil für Tacitus' Kritik an der politischen Ordnung des Prinzipats dient.
7 Quellen- und Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Tacitus, Annalen, Agrippina minor, Poppaea Sabina, Kaiserhaus, Nero, Machtanspruch, Rollenbilder, Römische Kaiserzeit, Matrone, Geschichtsschreibung, Politische Ordnung,Prinzipat, Intrigen, Weibliche Darstellung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie antike Geschichtsschreibung, am Beispiel von Tacitus, Frauenfiguren innerhalb des Kaiserhauses bewertet und welche Rückschlüsse dies auf zeitgenössische moralische Vorstellungen zulässt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder sind die Rolle der römischen Frau der Oberschicht, das Bild der Kaiserin bei Tacitus sowie die Verbindung zwischen privatem Verhalten und politischer Machtausübung in der julisch-claudischen Dynastie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es zu verstehen, wie Tacitus durch die differenzierte Charakterisierung von Agrippina minor und Poppaea Sabina seine eigene senatorische Kritik an der politischen Ordnung des Prinzipats artikuliert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine textkritische Analyse der Annalen (Bücher 12-15) unter Einbeziehung relevanter wissenschaftlicher Sekundärliteratur, um die darstellerischen Mittel und Wertungen von Tacitus herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Rollenverständnisses der Frau, die detaillierte Analyse der Darstellung Agrippina minors sowie eine Untersuchung der Poppaea Sabina als Gegenfigur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Römische Kaiserzeit, taciteische Schreibweise, Geschlechterordnung, Machtmissbrauch und senatorische Opposition charakterisiert.
Warum spielt die Fruchtbarkeit in der Wahrnehmung der Frauen eine Rolle?
Fruchtbarkeit gilt bei Tacitus als eine der wenigen legitimen, positiven Eigenschaften einer Ehefrau, da sie für das Fortbestehen der Dynastie essentiell war, wogegen politisches Handeln als unweiblich bzw. schädlich bewertet wurde.
Wie verändert der Stand des Senators Tacitus die Wahrnehmung der Frauen?
Durch seine Nähe zur republikanischen Ideologie und seine Ablehnung des Prinzipats fungiert die Darstellung der "bedrohlichen" oder "intriganten" Kaiserfrau als Ventil, um die moralische Dekadenz und Machtkonzentration des kaiserlichen Systems zu kritisieren.
- Arbeit zitieren
- Lara Müller (Autor:in), 2021, Die Darstellung der Frauen in den Annalen von Tacitus. Am Beispiel von Agrippina minor und Poppaea Sabina, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1398117