Diese Arbeit soll den Erfolg des Emissionszertifikate-Handels als Instrument der internationalen Klimaschutzpolitik kritisch hinterfragen.
Das Kyoto-Protokoll sieht Reduktionen der Treibhausgasemissionen vor. Die wahrscheinlich quantitativ erfolgversprechendere Herangehensweise ist die schlichte Einsparung von Energie durch technische Innovationen. Dieses Ziel können die Kyoto-Teilnehmer allerdings nur mittels weitreichender Maßnahmen erreichen. Die Vermeidung von CO2-Ausstoß erfordert kostspielige neue Technologien. Die nötigen Investitionen müssen von den Unternehmen getätigt werden. Es ist naheliegend, dass hier ein Zielkonflikt zwischen der Erhaltung einer gesunden Wirtschaft und den Vereinbarungen des Kyoto-Protokolls besteht. In dessen Artikel II ist jedoch aus-drücklich festgeschrieben, dass die Auswirkungen der Klimaschutzmaßnahmen die negativen wirtschaftlichen und sozialen Folgen für die Unterzeichner so gering wie möglich gehalten werden sollen.
Das zentrale Ziel des Emissionszertifikate-Handels ist es deshalb, die CO2-Emissionen zu möglichst geringen volkswirtschaftlichen Kosten zu reduzieren.
Für die Bewertung des Erfolgs des Emissionszertifikate-Handels drängen sich zunächst die Fragen nach einer wirklich kostenneutraler Reduktionswirksamkeit und nach einem tatsächlichen Innovationsanreiz auf. Im Falle wirtschaftlicher Ungerechtigkeiten können für Unternehmen Nachteile entstehen, die deren Existenzgrundlagen gefährden. Im Ausgleich zwischen den Interessensgruppen ergeben sich politische Implikationen. Diese Gefahr droht ebenfalls aufgrund der Machtfülle jener Politikbereiche, die für den Schutz der eigenen Energieversorgung und Industrie verantwortlich sind. Diese Zusammenhänge geben Anlass zur Sorge, dass der Emissionszertifikate-Handel keinen oder nur einen sehr geringen Beitrag zum Klimaschutz leistet.
Das Ziel der Arbeit ist es, zu zeigen, dass der EU-Emissionshandel nicht geeignet ist, einen Ausgleich zwischen den Interessen des Klimaschutzes und volkswirtschaftlichen Interessen zu schaffen. Jene Akteure, an die der Emissions-Zertifikate-Handel zuvorderst gerichtet sein muss, nämlich die besonders emissionsintensiven Energieerzeuger, haben die Mittel in der Hand, die Reduktionslast nach unten umzuverteilen. Dies hat zur Folge, dass sie letztlich beim Verbraucher ankommt und das Grundproblem, dass Umweltschutz für jeden Einzelnen nicht kostenneutral geleistet werden kann, unzureichend in Angriff nim
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vorausgehende Entwicklungen
2.1 Die Klimarahmenkonvention
2.2 Das Kyoto-Protokoll
3. Funktionsweise und Aufbau des Emissionshandels
3.1 Das Prinzip
3.2 Die Umsetzung
3.3 Die Handelsperioden
4. Der Emissionshandel in der Praxis
4.1 Politische Implikationen um die Nationalen Allokationspläne Deutschlands
4.1.1 Der erste NAP 2005-2008
4.1.2 Der zweite NAP 2008-2012
4.2 Internationale Implikationen
4.2.1 Das „Carbon Leakage-Problem“
4.2.2 Die Kompatibilität mit JI und CDM
5. Evaluation
5.1 Innovationsanreiz
5.2 Reduktionswirksamkeit
5.3 Gerechtigkeit
5.4 Zusammenfassung der Evaluation
6. Schlussbemerkung
7. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch den Erfolg des Emissionszertifikate-Handels als Instrument der internationalen Klimaschutzpolitik. Dabei liegt der Fokus auf der Frage, ob das System einen wirksamen Beitrag zum Klimaschutz leistet, ohne dabei volkswirtschaftliche oder soziale Gerechtigkeit durch ineffiziente Zuteilungsmechanismen und Umverteilungseffekte zu gefährden.
- Kritische Analyse des EU-Emissionshandelssystems (EU-ETS)
- Untersuchung der nationalen Allokationspläne (NAP) Deutschlands
- Bewertung von Innovationsanreizen und Reduktionswirksamkeit
- Analyse politischer Implikationen und Verteilungseffekte
- Evaluation der Kompatibilität mit Kyoto-Instrumenten (JI/CDM)
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Prinzip
Zugrunde liegen soll das Prinzip des cap & trade (EEX 2009a). Darunter wird ein System verstanden, nach dem Anteile eines sukzessive sinkenden Gesamtvolumens gehandelt werden sollen. Zunächst wird die Gesamtemissionsmenge in einfache Einheiten unterteilt. Eine solche Einheit entspricht einem Emissionszertifikat, also dem Recht, eine Tonne CO2 (EEX 2009b) auszustoßen. Pro Ebene (international, national, regional oder ein einzelner Emittent) werden entsprechende Mengen dieser Emissionszertifikate für einen festen Zeitraum zugewiesen.
Jedes Unternehmen, das zum jährlich vorgesehenen Abrechnungszeitpunkt den Nachweis erbringen kann, weniger Tonnen CO2 ausgestoßen zu haben, als es nach der Menge der ihm zugewiesener Zertifikate berechtigt gewesen wäre, darf die Überschussmenge an Zertifikaten zum Kauf anbieten, wie im untenstehenden Schema (Zahlen beispielhaft) illustriert. (Abbildung 1). Nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage wird also eine sinkende Verfügungsmasse an CO2-Emissions-Berechtigungen auf die Emittenten verteilt. Auf diese Weise sollen Anreize zu Investitionen in umweltfreundliche Technologien geschaffen werden. Jene Emittenten, die Emissionen einsparen, können ihre Gewinne in weitere Verbesserungen ihrer CO2-Bilanz investieren.
Emissionen können also dort gesenkt werden, wo es am günstigsten ist. Die Kosten für den Zukauf von Emissionsrechten sollen idealerweise mittelfristig höher steigen, als mögliche Investitionen in sauberere Technologien.
„Der Emissionshandel räumt Emittenten die Flexibilität ein, ihre Reduktionsverpflichtungen entweder aus eigener Kraft zu erreichen oder diese durch den Zukauf von Emissionszertifikaten zu erfüllen. […] Gemäß der ökonomischen Theorie stellt der Handel mit Emissionsberechtigungen sicher, dass die Reduktionsleistung dort erbracht wird, wo die Vermeidung von einer Tonne an Schadstoffemissionen am kostengünstigsten erreicht werden kann. Damit minimiert das Instrument unter Ausnutzung des Marktmechanismus die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten aller Vermeidungsmaßnahmen“ (BRAUN 2008).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung hinterfragt den Erfolg des Emissionszertifikate-Handels und stellt die Forschungsfrage nach seiner tatsächlichen Reduktionswirksamkeit und Innovationskraft.
2. Vorausgehende Entwicklungen: Dieses Kapitel zeichnet die Entstehung der Klimaschutzpolitik von der Klimarahmenkonvention 1992 bis hin zum Kyoto-Protokoll nach.
3. Funktionsweise und Aufbau des Emissionshandels: Hier werden das Cap-&-Trade-Prinzip sowie die praktische Umsetzung und die verschiedenen Handelsperioden des EU-ETS erläutert.
4. Der Emissionshandel in der Praxis: Das Kapitel analysiert die politischen Implikationen der deutschen Allokationspläne (NAP) und internationale Herausforderungen wie "Carbon Leakage".
5. Evaluation: Die Evaluation bewertet das System anhand der Kriterien Innovationsanreiz, Reduktionswirksamkeit und Gerechtigkeit.
6. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung resümiert, dass das System trotz seiner theoretischen Vorteile an schwerwiegenden Geburtsfehlern leidet und politische Korrekturen erfordert.
7. Literaturverzeichnis: Hier werden sämtliche für die Arbeit verwendeten Quellen, Studien und Dokumente aufgelistet.
Schlüsselwörter
Emissionshandel, CO2-Zertifikate, Klimaschutzpolitik, EU-ETS, Kyoto-Protokoll, Nationale Allokationspläne, Reduktionswirksamkeit, Innovationsanreiz, Carbon Leakage, Nachhaltigkeit, Energiepolitik, Umweltökonomie, Umverteilung, Emissionsminderung, Industriepolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer kritischen Hinterfragung des Emissionszertifikate-Handels als Instrument der internationalen Klimaschutzpolitik und seiner Wirksamkeit in der Praxis.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Funktionsweise des EU-Emissionshandels, die politischen Rahmenbedingungen in Deutschland, die Effektivität von Innovationsanreizen sowie soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeitsaspekte.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass der EU-Emissionshandel bisher nicht geeignet war, einen befriedigenden Ausgleich zwischen Klimaschutzzielen und volkswirtschaftlichen Interessen zu schaffen.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Untersuchung verwendet?
Die Arbeit nutzt eine qualitative Analyse der bestehenden politischen Rahmenbedingungen, Evaluierungskriterien und Fachstudien, um den Erfolg des Handelssystems zu bewerten.
Welche Inhalte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Entwicklung, die technische Funktionsweise des Cap-&-Trade-Systems, die Praxis der deutschen Zuteilungspläne sowie eine detaillierte Evaluation nach definierten Kriterien.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Emissionshandel, CO2-Zertifikate, Reduktionswirksamkeit, Innovationsanreiz, Carbon Leakage und Nachhaltigkeit charakterisiert.
Wie bewertet der Autor den Einfluss der "Gratiszuteilung" auf das System?
Der Autor argumentiert, dass die Gratiszuteilung das Emissionshandelssystem konterkariert, da sie keinen nennenswerten Druck auf die Industrie ausübt und Fehlentwicklungen begünstigt.
Warum wird im Kontext des Emissionshandels von "Geburtsfehlern" gesprochen?
Der Begriff bezieht sich auf die Möglichkeiten für betroffene Akteure, das System durch Sonderregelungen marktgerecht auszulegen und zu modifizieren, was die ökologische Lenkungswirkung schwächt.
Welche Rolle spielen JI und CDM innerhalb der Arbeit?
Sie werden als ergänzende Instrumente des Kyoto-Protokolls diskutiert, deren Anrechnung auf das EU-System kritisch hinsichtlich ihrer ökologischen Zusätzlichkeit betrachtet wird.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor für den Endverbraucher?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass individuelle Eigeninitiativen zur Energieeinsparung derzeit oft effektiver sind als die Steuerung über das Zertifikatesystem.
- Arbeit zitieren
- Stefan Reiß (Autor:in), 2009, Die Geburtsfehler des Emissionshandels, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/139485