Einer lange dominanten Lehrmeinung zufolge entstand der Jazz nicht aus der Auseinandersetzung westlicher Künstler mit der Kultur fremder Völker, sondern als Abkömmling der Kultur eben dieser Völker. Zudem drückte sich in dieser Musikform, die ganz gewiss eine Mischform aus schwarzafrikanischer und asiatischer Folklore und der europäischen Musiktradition ist, scheinbar immer auch die Abgrenzung zur kulturellen Elite der USA aus.
Doch obwohl dies nahelegt, den Jazz als Kultur von „Fremden“ zu interpretieren, weist seine Entwicklung Parallelen zum Primitivismus der Klassischen Moderne auf: Die zeitliche Überschneidung des „Jazz Age“ mit der Konjunktur primitivistischer Kunst in Europa bietet einen ersten Hinweis; aber auch ästhetische Gesichtspunkte wie etwa die Gestaltung der Plattencover oder Veranstaltungsplakate legen die Annahme von Übereinstimmungen nahe. Nicht zuletzt bewegt er sich schon in seinen Vorformen im Spannungsfeld zwischen Europa und Amerika einerseits und Afrika und Asien andererseits und ist damit, lange vor seiner Blüte Anfang des 20. Jahrhunderts, eine Kultur der Imitation. Primitivitisch wird der Jazz vielleicht auch in dem Moment, in dem er vom weißen Mainstream adaptiert und damit zum Vorreiter des Pop wird.
Bei all dieser Fülle von vagen Anhaltspunkten: Wo kann die Suche nach primitivistischen Momenten in der Geschichte und Rezeption des Jazz nun genau beginnen? Die vorliegende Arbeit möchte dieser Frage in mehreren Schritten nachgehen. Zum einen sollen überblicksartige Betrachtungen aus dem Bereich der Kunsttheorie und der Jazzgeschichte den Gegenstand verständlicher machen, andererseits werden Einblicke in Rhythmustheorie und Rezeptionsgeschichte helfen, das europäische im Jazz genauer zu lokalisieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kolonialismus, Avantgardismus, Primitivismus
3. Jazz und das Primitive
3.1. Historischer Überblick
a) Vorformen
b) Blüte
3.2. Rhythmus der Vorformen des Jazz – Theoretische Grundbegriffe
„Den Rhythmus“ gibt es nicht
Arhythmizität des Rhythmus
Annäherung, Imitation und Exzess
3.3. Rezeption des Jazz
4. Erfolg durch Weißung. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht die Rolle primitivistischer Momente in der Geschichte und Rezeption des Jazz. Dabei wird analysiert, inwiefern die Konstruktion des Jazz als „fremdartige“ oder „primitive“ Musik von westlichen Künstlern und Eliten dazu genutzt wurde, um ästhetische Distanz zu wahren und gleichzeitig kulturelle Sehnsüchte zu projizieren.
- Wechselwirkungen zwischen Kolonialismus, Avantgardismus und Primitivismus um 1900.
- Historische Entwicklung des Jazz und seine Einordnung als Hybridform.
- Rhythmustheoretische Analyse der Abgrenzung von afrikanischen und europäischen Traditionen.
- Rezeption des Jazz als kulturelles Symbol zwischen Subkultur und Mainstream-Assimilation.
Auszug aus dem Buch
3.1. Historischer Überblick
Zusammenfassende Darstellungen von Geschichte und Charakter des Jazz legen in der Regel Wert auf die Feststellung, dass sich der Jazz einer einheitlichen Definition entzieht; und dies nicht nur, weil sich so viele unterschiedliche musikalische Strömungen und historische Entwicklungen in ihm wiederfinden lassen, sondern auch und vor allem, weil es gerade jenes klanglich-ästhetische Moment des Nicht-festgelegten ist, das einen großen Teil der Faszination ausmacht. Doch damit nicht genug: Nicht nur seine Natur, auch Entstehungsort und -zeit sind, ganz abgesehen von der Bedeutung des Wortes an sich, nicht eindeutig geklärt.
Konsens herrscht allerdings darüber, dass Jazz ein Phänomen des Kulturübergriffs und der Kulturmischung ist. Über die Entwicklung der Musik schrieb Marshall Stearns 1956: „Sie ist das Ergebnis einer dreihundertjährigen in den Vereinigten Staaten vor sich gegangenen Mischung der Musiktraditionen von Europa und Westafrika. Ihre überwiegenden Bestandteile sich europäische Harmonik, euro-afrikanische Melodik und afrikanischer Rhythmus.“
Diese Darstellung ist aus Sicht der heutigen Forschung stark vereinfachend, wenn nicht gar teilweise falsch. Doch auch die neuere Forschung verwendet einen großen Teil der Arbeit darauf, die spezifischen Anteile der verschiedenen Kulturen möglichst genau zu bestimmen. Die Mischung dieser Kulturen wurde insbesondere bedingt durch die Einwanderungs- und Sklavenimportsituation in den USA des 19. Jahrhunderts, weshalb der Jazz auch als sozialgeschichtliches Phänomen erfasst worden ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die These auf, dass der Jazz trotz seines heutigen Status als Mainstream-Kultur ursprünglich als „primitivistische“ Gegenbewegung zur europäischen Moderne interpretiert wurde und hinterfragt die Authentizität dieses Ursprungs.
2. Kolonialismus, Avantgardismus, Primitivismus: Dieses Kapitel verortet den Primitivismus im sozio-kulturellen Kontext des frühen 20. Jahrhunderts und erläutert, wie koloniale Eroberungen den Boden für die Projektion westlicher Sehnsüchte auf „fremde“ Kulturen bereiteten.
3. Jazz und das Primitive: Der Hauptteil analysiert die historische Genese des Jazz, seine rhythmischen Charakteristika im Vergleich zur afrikanischen Folklore sowie die komplexen Rezeptionsmuster, die den Jazz zum Symbol einer neuen, modernen Epoche erhoben.
4. Erfolg durch Weißung. Fazit: Das Fazit resümiert, dass der Jazz seine Popularität maßgeblich der Anpassung an westliche Hörgewohnheiten verdankt und entlarvt den „primitiven“ Charakter als Konstrukt der weißen Elite, das eine Dialektik von Subkultur und Mainstream zementiert.
Schlüsselwörter
Jazz, Primitivismus, Musiktheorie, Rhythmus, Kulturmischung, Avantgardismus, Kolonialismus, Rezeption, Ragtime, Swing, Identität, Hybridität, Moderne, Subkultur, Rassismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die „primitivistischen Momente“ im Jazz, also die Art und Weise, wie die Musik von der westlichen Gesellschaft als exotisches, ursprüngliches Phänomen wahrgenommen und instrumentalisiert wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Schnittstelle von Musikgeschichte, Kunsttheorie und Kulturkritik im 20. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll geklärt werden, wie der Jazz zwischen seiner historischen Herkunft aus afrikanischen Traditionen und der kulturellen Vereinnahmung durch den westlichen Mainstream zu seinem heutigen Status gelangte.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine kulturwissenschaftliche Analyse, die musikgeschichtliche Quellen mit kunsttheoretischen Diskursen über den Primitivismus verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Aufarbeitung der Vorformen des Jazz, eine musiktheoretische Untersuchung von Rhythmuskonzepten und eine Analyse der Rezeptionsgeschichte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Dokument am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Jazz, Primitivismus, Hybridität, kulturelle Assimilation und die Dialektik von schwarz und weiß.
Welche Rolle spielen die sogenannten „Minstrel-Shows“ für die Argumentation des Autors?
Der Autor nutzt die Minstrel-Shows als Beispiel für eine frühe Form der Imitation, bei der weiße Künstler die Kultur der Schwarzen parodierten, und zeigt so die problematischen Anfänge der kulturellen Aneignung auf.
Warum kommt der Autor zu dem Schluss, dass der Jazz „gar nicht afrikanisch“ sei?
Diese provokante Schlussfolgerung bezieht sich darauf, dass das, was im Jazz als „exotisch“ wahrgenommen wird, oft europäisch interpretierte oder verzerrte rhythmische Strukturen sind, die erst durch die moderne westliche Perspektive ihre heutige Form erhielten.
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- Ludwig Andert (Author), 2009, Die primitivistischen Momente in der Geschichte und Rezeption des Jazz, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/138723