Mit der vorliegenden Arbeit wird der Versuch unternommen, eine für den Praktiker der Pädagogik im Strafvollzug umsetzbare Konzeption des Schriftspracherwerbs mit Insassen zu erstellen. Zu Beginn seiner vierjährigen Tätigkeit als Kursleiter in Vollzeit-Alphabetisierungskursen im Strafvollzug wurde dem Autor klar, dass Bildungsangebote in deutschen Strafanstalten oft noch ohne theoretisches Fundament und teilweise ohne Orientierung an der Praxis der Arbeit mit funktionalen Analphabeten in Volkshochschulen durchgeführt wurden und werden. Während im Arbeitsbereich des Deutschen Volkshochschulverbandes seit ca. 30 Jahren eigene, erwachsenengerechte Wege zur Bewältigung des funktionalen Analphabetismus gesucht wurden, stieß der Autor im Strafvollzug auf eine Praxis, die sich ohne wissenschaftliche Orientierung an der Erwachsenenbildung oft auf eine Adaption von Methoden und Medien der Grundschulpädagogik beschränkte. Hier wird Unterricht von Lehrern aus Regelschulen mit deren Mitteln erteilt, Lernbedürfnisse und Fähigkeiten erwachsener Lerner bleiben oft unberücksichtigt und werden nicht ernstgenommen. So werden Szenen des Lernversagens, die vor allem jüngere Gefangene noch deutlich vor Augen haben, wieder neu inszeniert. Das Inseldasein von Anstaltsschulen ist besonders erschreckend, wenn man erfährt, dass unsere Strafanstalten geradezu ein Sammelbecken von Analphabeten darstellen. Wehrens schätzt die Zahl der Vollanalphabeten im Erwachsenenvollzug auf 3%, die der funktionalen Analphabeten auf 10-15%, im Jugendstrafvollzug gar auf 25-30% der Gefangenen ( vergl.Wehrens 1981, S.85 ). Obwohl das Strafvollzugsgesetz ausdrücklich einen Unterricht für Strafgefangen fordert, die des Schreibens und Lesens nicht mächtig sind, werden Kurse, die zum Hauptschul- oder Realschulabschluss führen, von den Anstaltsleitungen oft intensiver gefördert als Alphabetisierungskurse, da deren Erfolg präsentabler ist. Warum, so könnte man fragen, übernimmt der Autor nicht einfach die Ansätze der Erwachsenen-Alphabetisierung, wie sie in den Volkshochschulen praktiziert wird? Goffman sieht im Leben der Gefangenen in der "totalen Institution" Strafanstalt, die Unterordnung und ein Höchstmaß an Anpassung verlangt, einen Kampf um die Erhaltung der eigenen Identität. Der Autor verbindet Paolo Freires Ansatz der Alphabetisierung als Bewusstseinsbildung mit der Identitätsbildung durch das Verschriften der Themen der Gefangenen vor dem Hintergrund ihrer Spracherfahrung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung:
2. Zur Geschichte und Definition des Problemfeldes Analphabetismus
2.1 Analphabetismus als Problem vorindustrieller Gesellschaften und "funktionaler Analphabetismus" in der Industriegesellschaft
2.2 Zu den Ursachen des Analphabetismus in der Bundesrepublik Deutschland heute
2.3 Funktionaler Analphabetismus
2.4 Die Lebenssituation funktionaler Analphabeten
2.5 Analphabeten im Strafvollzug
3. Abriß aktueller theoretischer Beiträge zur Frage des Schriftspracherwerbs
3.1 Aktuelle Theorien zur Frage des Schriftspracherwerbs bei Kindern
3.2 Vergleich des Schriftspracherwerbs bei Kindern und Erwachsenen
4. Methodisch-didaktische Ansätze für die Alphabetisierung Erwachsener
4.1 Das Alphabetisierungskonzept Paolo Freires: Lernen von der "Dritten Welt"
4.1.1 Überblick über Freires Ansatz der politischen Alphabetisierung
4.1.2 Schreiben und Lernen als Bewußtseinsbildung
4.1.3 Linguistische und sprachphilosophische Anteile an Freires Konzept
4.1.4 Lernen im Dialog
4.1.5 Zur Frage der Adaptierbarkeit für die Alphabetisierung in der BRD
4.2 Methodisch-didaktische Ansätze der Alphabetisierung in der Bundesrepublik Deutschland
4.2.1 Die Lautiermethode nach Dummer und Hackethal
4.2.2 Die Morphemmethode - ein sprachsystematischer Ansatz
4.2.3 Alphabetisierung vor dem Hintergrund der Aneignungstheorie: der Fähigkeitenansatz Kampers und die Arbeit von C.Manske
4.2.4 Der Spracherfahrungsansatz
4.3 Zusammenfassende Wertung der methodisch - didaktischen Ansätze der Alphabetisierung
4.4 Beiträge zur Alphabetisierung im Strafvollzug der BRD
5. Leben und Lernen in der "totalen Institution" Gefängnis - das Ringen um Erhaltung von Identität
5.1 Bestimmung des Begriffes "Identität"
5.2 Zur Konzeption des Begriffes "Identität" als Produkt symbolischer Interaktion bei G.H. Mead
5.3 Goffmans Konzept der Identitätserhaltung durch Balance
5.4 Zur Bestimmung des Begriffes "totale Institution" bei Goffman
5.5 Die "totale Institution" aus der Perspektive der Insassen
5.5.1 Demütigungsprozesse
5.5.2 Das Privilegiensystem
5.5.3 Sekundäre Anpassung
5.5.3.1 Medien sekundärer Anpassung
5.5.3.2 Orte sekundärer Anpassung
5.5.3.3 Sozialstruktur sekundärer Anpassungsmechanismen
5.6 Die "totale Institution" aus der Perspektive der Bediensteten
5.7 Zusammenfassung und kritische Anmerkungen
5.8 Folgerungen, die aus Goffmans Untersuchung "totaler Institutionen" für die Alphabetisierung im Strafvollzug zu ziehen sind
6. Zum Selbstverständnis und zum Menschenbild des Pädagogen im Spannungsverhältnis von Therapie (Behandlungsvollzug) vs. Pädagogik (Bildungsarbeit)
7. Lernen im Strafvollzug und emanzipatorische Erwachsenenbildung?
8. Schriftspracherwerb in der "totalen Institution" als schriftsprachliches Handeln auf dem Weg zur Ich - Identität
8.1 Reorganisation von Ich - Identität und schriftsprachliche Kompetenz
8.2 Zur chronologischen Organisation des Bildungsprozesses
8.2.1 Thematische Erkundung und ikonische Kodierung (Freire)
8.2.2 Dekodierung und "wirklichkeitstransformierendes Gespräch" (Schmitz)
8.2.3 Textproduktion mit Hilfe der Spracherfahrungsansatzes
8.2.4 Repräsentation
8.2.5 Differenzierte Wiedereinführung und Übungen zum System unserer Schrift
8.3 Methodische Voraussetzungen
8.3.1 Die Gruppe als Trägerin des Bildungsprozesses
8.3.2 Lernraum als persönlicher "Freiraum"
8.3.3 Lesen durch Schreiben: Entdeckender Schriftspracherwerb im Stufenmodell und qualitative Fehleranalyse auch für Erwachsene
8.3.4 Das Lernen neu erlernen - der Kursleiter als Berater
8.4 Die thematische Arbeit als Fundament des Schriftspracherwerbs
8.4.1 Die Hauptthemen der Insassen (Goffman) - eine passiv-resignative Thematik
8.4.2 Die Themen der legalen Alltagsbewältigung
8.4.3 Die eigene Person - Biographie und Lerngeschichte als thematische Kategorie
8.4.4 Die Themen der besseren Zukunft
8.4.5 Die Tabuthemen der illegalen sekundären Anpassung - Erfahrung von Aktion im kleinen Widerstand und darüber hinaus
9. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit entwickelt eine didaktische Konzeption für den Schriftspracherwerb im Strafvollzug, um funktionalen Analphabeten hinter Gittern ein emanzipatorisches Bildungsangebot zu ermöglichen, das ihre Lebenswelt und Identitätssuche ernst nimmt.
- Analyse des funktionalen Analphabetismus im Kontext der "totalen Institution" Gefängnis.
- Theoretische Auseinandersetzung mit Schriftspracherwerbskonzepten (u.a. Paolo Freire, Morphemmethode).
- Bedeutung der Ich-Identität für inhaftierte Analphabeten und Stigma-Management.
- Methodik des "wirklichkeitstransformierenden Gesprächs" und der thematischen Arbeit.
Auszug aus dem Buch
2.1. Analphabetismus als Problem vorindustrieller Gesellschaften und "funktionaler Analphabetismus" in der Industriegesellschaft
John W. Ryan, der wie auch Hausmann als Bildungsexperte für die UNESCO tätig ist, veröffentlichte in seinem Aufsatz "Analphabetismus - eine globale Herausforderung" Zahlen aus einer jüngeren Untersuchung, derzufolge 814 Millionen Menschen, das ist ein Viertel der Weltbevölkerung, nicht lesen und schreiben können. Die meisten Betroffenen leben in Indien (300 Millionen), Afrika hat mit 60% die höchste Analphabetenrate (vergl. Ryan 1981, S.13). Ryan bezieht sich dabei auf die genannte UNESCO-Definition von Analphabetismus. Vergleicht man diese Zahlen mit UNO-Schätzungen von 1950, die die Analphabetenrate weltweit mit 44% oder 700 Millionen angeben, so wird deutlich, daß der Prozentsatz der Alphabeten durch intensive Bildungsmaßnahmen wohl verringert wurde, die Gesamtzahl der Analphabeten aber bedingt das Wachstum der Weltbevölkerung dennoch erheblich stieg (vergl. Hehlmann 1964, S.12). In einem aktuellen Beitrag zum Weltalphabetisierungsjahr 1990 weist Ryan darauf hin, daß vor allem Frauen und Mädchen bedingt durch die Rollenverteilung in den Ländern der "Dritten Welt" illiterat bleiben. 500 Millionen der 800 Millionen Analphabeten sind Frauen. Ländliche Gebiete und die wachsenden städtischen Slums als Orte, in denen Armut und wirtschaftliche, soziale und kulturelle Randständigkeit herrsche, müßten Schwerpunkte der Bildungsarbeit sein (vergl. Ryan 1988, S.28).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit beschreibt die Notwendigkeit und den Entwurf einer praxisorientierten didaktischen Konzeption für den Schriftspracherwerb in Justizvollzugsanstalten.
2. Zur Geschichte und Definition des Problemfeldes Analphabetismus: Hier wird die globale Problematik und die spezifische Situation funktionaler Analphabeten in der Bundesrepublik sowie ihre soziale Randständigkeit analysiert.
3. Abriß aktueller theoretischer Beiträge zur Frage des Schriftspracherwerbs: Es werden psycholinguistische und lernpsychologische Theorien erläutert, die als Basis für den Schriftspracherwerb von Kindern und Erwachsenen dienen.
4. Methodisch-didaktische Ansätze für die Alphabetisierung Erwachsener: Dieses Kapitel prüft verschiedene Ansätze wie die Konzepte von Paolo Freire, die Morphemmethode und den Spracherfahrungsansatz auf ihre Anwendbarkeit im Strafvollzug.
5. Leben und Lernen in der "totalen Institution" Gefängnis - das Ringen um Erhaltung von Identität: Basierend auf Erving Goffmans Analysen wird untersucht, wie die Haftbedingungen die Identität und Lernmotivation der Inhaftierten beeinflussen.
6. Zum Selbstverständnis und zum Menschenbild des Pädagogen im Spannungsverhältnis von Therapie / Behandlungsvollzug vs. Pädagogik / Bildungsarbeit: Die Rolle des Pädagogen als Vermittler zwischen Institution und Bewohner wird kritisch hinterfragt.
7. Lernen im Strafvollzug und emanzipatorische Erwachsenenbildung?: Hier wird die Schnittstelle zwischen allgemeiner Erwachsenenbildung und der spezifischen Situation hinter Gittern beleuchtet.
8. Schriftspracherwerb in der "totalen Institution" als schriftsprachliches Handeln auf dem Weg zur Ich - Identität: Dies stellt den zentralen Entwurf für eine schülerorientierte, themenbasierte Alphabetisierung dar.
9. Zusammenfassung und Ausblick: Die Arbeit resümiert die Notwendigkeit, Lernen nicht als bloße Technikvermittlung, sondern als identitätsstiftenden Prozess zu begreifen.
Schlüsselwörter
Alphabetisierung, Strafvollzug, Schriftspracherwerb, funktionaler Analphabetismus, Identitätserhaltung, totale Institution, Erving Goffman, Paolo Freire, Spracherfahrungsansatz, Morphemmethode, Resozialisierung, Erwachsenenbildung, pädagogisches Handeln, Lernmotivation, Stigma-Management.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Entwicklung eines didaktischen Konzepts für den Schriftspracherwerb bei inhaftierten Erwachsenen, die als funktionale Analphabeten gelten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Bedingungen des Lernens in der "totalen Institution" Gefängnis, die psychologische Identitätsproblematik von Analphabeten sowie moderne linguistische und pädagogische Alphabetisierungsmethoden.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Schriftspracherwerb von einer bloßen Technikvermittlung zu einem emanzipatorischen, lebensweltorientierten Bildungsprozess zu transformieren, der die Identität der Inhaftierten stärkt.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt die ethnographische Analyse (insb. Goffman), Theorien der Erwachsenenbildung (Freire) sowie lernpsychologische Ansätze (Spracherfahrungsansatz), ergänzt durch die reflektierte Praxiserfahrung des Autors.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert bestehende Alphabetisierungskonzepte, überträgt diese auf die Bedingungen des Strafvollzugs und entwickelt spezifische methodische Schritte wie das "wirklichkeitstransformierende Gespräch".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Alphabetisierung, Strafvollzug, Identität, totale Institution, Spracherfahrungsansatz und emanzipatorische Bildungsarbeit.
Warum spielt die Identität der Gefangenen eine so große Rolle?
Weil die Haftbedingungen das Selbstwertgefühl massiv beschädigen und das Stigma des Analphabetismus die Inhaftierten isoliert; der Schriftspracherwerb dient daher als Instrument der Identitätsstabilisierung.
Was unterscheidet diesen Ansatz vom herkömmlichen Unterricht?
Statt kindgerechte Fibeln zu nutzen, geht dieser Ansatz vom "thematischen Universum" der Lernenden aus, integriert ihre persönlichen Probleme und Lebensgeschichten und macht sie zu aktiven Mitgestaltern des Lernprozesses.
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- Gustaf Dreier (Author), 1992, Alphabetisierung im Strafvollzug. Neue Ansätze des Schriftspracherwerbs bei Erwachsenen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/138342