Was ist unter Finanzialisierung zu verstehen? Der Begriff bündelt einen großen Teil der Entwicklungen, die eine Machtkonzentration im Finanzbereich ermöglicht haben und im Platzen der Immobilien- und Hypothekenblase 2008 einen vorläufigen Kulminationspunkt fanden. Mit diesem Ereignis ist eine Finanzkrise virulent geworden, die sich zu einer systemischen Krise des globalen Finanzsystems weiterentwickelt hat. Die Folgen der Krise sind dabei bis heute deutlich sichtbar. Ein Ereignis solcher Dimensionen verdient eine Aufarbeitung hinsichtlich seiner Hintergründe, zumal wesentliche Determinanten – wie die Arbeit zeigen wird – bis heute fest in der Wirtschaft verankert sind.
Dafür wird zunächst der Begriff erläutert, bevor die verschiedenen Dimensionen dargestellt werden. Dazu werden drei unterschiedliche Ebenen betrachtet. Zunächst die Finanzialisierung auf nationaler und supranationaler Ebene, anschließend die Finanzialisierung von Unternehmen und deren Führung und schlussendlich die Finanzialisierung von Individuen. Abschließend folgt eine kritische Würdigung sowie ein Fazit.
Das Thema Finanzialisierung eröffnet ein umfassendes Blickfeld auf die Änderungen des Kapitalismus in seiner jüngsten Geschichte. Die Finanzialisierung impliziert dabei weitreichende Transformationen auf allen Ebenen der Gesellschaft. Dazu gehört die Makroebene der Volkswirtschaften, genauso wie die Mesoebene der Unternehmen und die Mikroebene des Individuums.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zum Begriff Finanzialisierung
2.1 Bestimmung des Begriffs
2.2 Einordnung des Begriffs
3 Darstellung von Dimensionen der Finanzialisierung
3.1 Finanzialisierung auf nationaler und supranationaler Ebene
3.1.1 Wie die Legislative die Finanzialisierung begünstigte
3.1.2 Strukturverschiebungen in der Wirtschaft
3.1.3 Staatlicher Unterbietungswettkampf, Steueroasen und Zunahme der Staatsverschuldung
3.2 Finanzialisierung von Unternehmen und deren Führung
3.2.1 Die veränderte Rolle von Banken
3.2.2 Maximizing Shareholdervalue und Umbau von Unternehmen
3.2.3 Änderungen in der Unternehmensführung
3.3 Finanzialisierung von Individuen
4 Kritische Würdigung
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Finanzialisierung als Prozess der zunehmenden Machtverschiebung vom Produktions- hin zum Finanzsektor. Es wird analysiert, wie diese Entwicklung durch politische Weichenstellungen und ökonomische Paradigmenwechsel auf nationaler, unternehmerischer und individueller Ebene vorangetrieben wurde und welche negativen gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Konsequenzen hieraus resultieren.
- Historische Genese und Definition der Finanzialisierung
- Die Rolle der Gesetzgebung und politischer Steuerung
- Transformation der Unternehmensführung durch den Shareholder-Value-Ansatz
- Finanzialisierung des Alltags und der privaten Lebensführung
- Möglichkeiten und Hürden einer Definanzialisierung
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Strukturverschiebungen in der Wirtschaft
Der wohlmöglich augenscheinlichste Effekt der Finanzialisierung wurde bereits oben aus der vielbeachteten Arbeit von Greta Krippner zitiert: Eine Strukturverschiebung in der Akkumulation von Kapital in der Wirtschaft weg von der Rohstofferzeugung und Produktion hin zum Finanzsektor (2005, S. 174). Mit Finanzgeschäften konnten Unternehmen deutlich höhere Gewinn-margen erwirtschaften als mit klassischen Aktivitäten wie Produktion oder Handel. Die Internationalisierung der Märkte war ein wichtiger Anreiz für Unternehmen, sich aus der Produktionstätigkeit zurückzuziehen. Vor dem Hintergrund eines zunehmenden internationalen Wettbewerbs und den steigenden Forderungen nach Dividenden durch den Druck der Shareholder, entschieden sich viele Unternehmen aus der Industrie, Gewinne nicht mehr in die Produktion und Forschung zu reinvestieren, sondern an Aktionäre auszuschütten (vgl. van der Zwan S. 104). Trotz gestiegener Gewinne aus Finanzgeschäften, stand insbesondere den produzierenden Unternehmen somit weniger Kapital zur Investition in das Kerngeschäft zur Verfügung. Abbildung 1 stellt diese Strukturverschiebung der Wirtschaft am Beispiel der USA anschaulich graphisch dar.
Diese Sektorverschiebung als Merkmal der Finanzialisierung ist kein Prozess, der auf die amerikanische Wirtschaft beschränkt ist, sondern sich in ähnlicher Form global beobachten lässt. Mit dieser Verschiebung ergab sich auch ein verstärkter Einfluss auf die ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung. Was dabei entstand, nennt Davis treffend “a portfolio society, in which the investment idiom becomes a dominant way of understanding the individual's place in society" (2009, S. 6).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik einer zunehmenden Machtkonzentration von Finanzinvestoren ein und skizziert die Finanzialisierung als umfassenden Wandel des Kapitalismus.
2 Zum Begriff Finanzialisierung: Dieses Kapitel definiert das theoretische Konzept der Finanzialisierung und ordnet es in den wissenschaftlichen Fachdiskurs verschiedener Disziplinen ein.
3 Darstellung von Dimensionen der Finanzialisierung: Hier werden die Auswirkungen der Finanzialisierung auf die staatliche Ebene, die Unternehmenswelt und das Individuum detailliert untersucht.
4 Kritische Würdigung: Der Autor hinterfragt die Risiken und negativen Externalitäten des finanzialisierten Wachstums und diskutiert Lösungsansätze zur Definanzialisierung.
5 Fazit: Das abschließende Kapitel resümiert die Notwendigkeit einer sukzessiven Transformation und fordert die Wissenschaft auf, notwendige Maßnahmen kritisch zu begleiten.
Schlüsselwörter
Finanzialisierung, Kapitalismus, Shareholder Value, Finanzsektor, Realwirtschaft, Strukturverschiebung, Finanzkrise, Unternehmensführung, Investoren, Neoliberalismus, Vermögensverteilung, Regulierung, Definanzialisierung, Privatisierung, Renditehunger
Häufig gestellte Fragen
Was ist das grundlegende Thema dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Finanzialisierung und dem damit einhergehenden Prozess, bei dem der Finanzsektor einen zunehmend dominierenden Einfluss auf die Realwirtschaft sowie auf gesellschaftliche Strukturen gewinnt.
Welche Themenfelder stehen im Fokus?
Besonders beleuchtet werden die politische Einflussnahme, die veränderte Steuerung von Unternehmen hin zur Shareholder-Value-Maximierung und die Auswirkungen auf Individuen durch die Finanzialisierung des Alltags.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die Implikationen der Finanzialisierung auf Makro-, Meso- und Mikroebene darzustellen und kritisch zu würdigen, um potenziellen Lösungsansätzen den Weg zu bereiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Literaturanalyse, um das theoretische Konzept der Finanzialisierung aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven zu fundieren und empirische Trends nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die legislativen Hintergründe, die wirtschaftlichen Strukturverschiebungen, die veränderte Rolle von Banken und Unternehmen sowie die Risiken für Haushalte durch die Finanzialisierung.
Wie lässt sich die Arbeit anhand von Schlüsselbegriffen charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Finanzialisierung, Shareholder-Value-Maximierung, Neoliberalismus, Strukturverschiebung und Definanzialisierung prägnant beschreiben.
Warum spielt die Bowie-Anleihe ("Bowie Bonds") als Beispiel eine Rolle?
Sie dient als Anekdote für die Machtkonzentration der Finanzinvestoren gegenüber Kleininvestoren und veranschaulicht, wie Vermögenswerte Finanzmarktakteuren zugutekommen, während die Masse ausgeschlossen bleibt.
Welche Rolle spielen "Think Tanks" bei der Finanzialisierung?
Laut dem Autor fungieren Think Tanks als Interessenvertreter der Finanzbranche in der Politik und tragen durch ihre Einflussnahme dazu bei, Regulierungen zugunsten einer weiteren Finanzialisierung zu beugen.
Was ist mit dem Begriff "fissuring" in der Arbeit gemeint?
Es beschreibt die Spaltung von Arbeitsplätzen, bei der feste Anstellungsverhältnisse zugunsten extern ausgelagerter Supportfunktionen aufgegeben werden, um Kosten zu senken und die kurzfristige Rendite zu erhöhen.
- Quote paper
- Matthias Zimmer (Author), 2022, Finanzialisierung der Wirtschaft. Darstellung und kritische Würdigung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1379933