Der Titel ist also in unseren gegenwärtigen Sprachgebrauch eingegangen, ohne dass man auf Anhieb sagen könnte, wer denn »Godot« sei, von dem die Rede ist. Und auch diese Projektarbeit wird diese Ungewissheit nicht ausräumen können. Das will sie aber auch nicht, vielleicht genauso wenig wie Beckett seinen Godot entlarven wollte. Jedoch haftet diesem Stück eine gewisse Eigenheit an, der sich die Literaturwissenschaft nur mühsam nähert, weil es problematisch ist, das zu benennen, was die besondere Wirkungsästhetik von »WARTEN AUF GODOT« ausmacht.
Die genannten Aspekte sollen in dieser Untersuchung einen Teil des Hintergrundes bilden, vor dem »WARTEN AUF GODOT« betrachtet wird. Das Theaterverständnis Becketts resp. Brechts bei »MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER« und deren jeweilige Realisierung können mithin dazu beitragen, zu erfassen, was es mit der besonderen Wirkungsästhetik des Unbestimmten auf sich hat und was sie ausmacht.
Zu allererst aber soll das Augenmerk natürlich auf das gerichtet sein, was denn im Text vorfindbar und dementsprechend bestimmbar ist, d.h. welche Konstanten, welche Elemente des »präsenten« »Etwas« vorhanden sind. An diesem Punkt werden noch die Erkenntnisse aus der klassischen Dramenanalyse ausreichen, doch wenn es in den Bereich des Unbestimmten hinübergeht, scheinen die Begriffe und Erklärungen zu den Kategorien von Figurenidentität, Raum und Zeit, sowie zum Geschehen nicht mehr zu tragen.
Inhaltsverzeichnis
1. Godot: Nichts als Etwas auf der Bühne
2. Blick auf den Forschungsstand
Theaterverständnis und Realisierung
3. Das Bestimmte – Konstanten im Text
3.1 Konstanten in der Identität der Figuren
3.2 Konstanten in der Figurenrede
3.3 Konstanten in den Gegenständen, dem Raum und der Zeit
3.4 Konstanten im Geschehen auf dem Schauplatz
3.5 Die Konstante Godot
4. Vom Bestimmten zum Unbestimmten
4.1 Ontologische Annäherung an das »Nichts«
4.2 Ontologische Annäherung an die »Absenz«
Sprachverständnis und Realisierung
5. Das Unbestimmte – Absenz oder das Nichts im Text
5.1 Absenz oder das Nichts in der Identität der Figuren
5.2 Absenz oder das Nichts in der Figurenrede
5.3 Absenz oder das Nichts in Gegenständen, Raum und Zeit
5.4 Absenz oder das Nichts im Geschehen auf dem Schauplatz
5.5 Absenz oder das Nichts in der Godot-Instanz
6. Godot – eine omnipräsente Absenz bis zum Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die besondere Wirkungsästhetik von Samuel Becketts Theaterstück „Warten auf Godot“, indem sie die theoretischen Begriffe „Nichts“ und „Absenz“ ontologisch auf das Stück anwendet, um das darin omnipräsente Unbestimmte greifbarer zu machen.
- Analyse von Konstanten und Leerstellen im Text
- Vergleichende Betrachtung mit dem „Epischen Theater“ von Bertolt Brecht
- Untersuchung der Sprachfunktion und der performativen Aspekte
- Ontologische Annäherung an die Konzepte „Nichts“ und „Absenz“
- Erörterung der Unbestimmbarkeit von Figur, Raum, Zeit und Handlung
Auszug aus dem Buch
3.1 Konstanten in der Identität der Figuren
Wladimir und Estragon sind die Protagonisten des Stückes, die kaum charakterisiert werden. Während beispielsweise Mutter Courage von Brecht als Marketenderin eingeführt wird, erscheinen Becketts Figuren in ihren Eigenschaften relativ nebulös. Ihre Herkunft ist ebenso ungewiss wie ihr Alter. Im ersten Akt fragt Pozzo die beiden, wie alt sie denn seien:
POZZO Zu Wladimir. Wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf? Schweigen. Sechzig? ... Siebzig? ... Zu Estragon. Wie alt mag er sein? (WaG, S. 75)
Doch weder Wladimir noch Estragon geben ihm Auskunft, sondern weichen (offensiv) aus. Will man Pozzo hier glauben, so wirken die beiden auf ihn nicht etwa jung. Etwas später bittet Pozzo Estragon, Lucky ein Taschentuch zu geben. Estragon nimmt es zunächst von Pozzo entgegen, zögert dann aber, sodass sich schließlich Wladimir zum Eingreifen veranlasst fühlt:
WLADIMIR Gib her, ich mach das schon. Estragon will das Taschentuch nicht hergeben. Kindliche Gesten. (WaG, S. 85)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Godot: Nichts als Etwas auf der Bühne: Einführung in die Thematik der Unbestimmtheit in Becketts Werk und Darstellung des Stücks als schwer fassbares Phänomen.
2. Blick auf den Forschungsstand: Gegenüberstellung von Becketts Theater mit Brechts „Epischem Theater“ zur Verdeutlichung unterschiedlicher Inszenierungsansätze und Realisierungsweisen.
3. Das Bestimmte – Konstanten im Text: Untersuchung der wenigen festen Ankerpunkte im Stück, unterteilt in Figurenidentität, Rede, Raum/Zeit, Geschehen und die Instanz Godot.
4. Vom Bestimmten zum Unbestimmten: Theoretische Auseinandersetzung mit ontologischen Ansätzen zum „Nichts“ und zur „Absenz“ als Grundlage für die Analyse der Leere im Text.
5. Das Unbestimmte – Absenz oder das Nichts im Text: Überprüfung der unter Punkt 3 identifizierten Konstanten auf das Vorhandensein von Absenz oder Nichts.
6. Godot – eine omnipräsente Absenz bis zum Schluss: Zusammenfassung der Erkenntnisse, die das Unbestimmte als essenzielles, sinnstiftendes Element der Wirkungsästhetik des Stückes bestätigt.
Schlüsselwörter
Samuel Beckett, Warten auf Godot, Absenz, Nichts, Wirkungsästhetik, Ontologie, Unbestimmtheit, Theater des Absurden, Figurenidentität, Sprachfunktion, Bertolt Brecht, Dramenanalyse, Präsenz, Leerstellen, Inszenierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Wirkungsästhetik von Samuel Becketts „Warten auf Godot“ und den Umgang mit dem Unbestimmten, das durch das Fehlen von eindeutigen Handlungen oder Figurendefinitionen entsteht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind die Untersuchung der Textkonstanten sowie die Anwendung philosophischer Begriffe wie „Nichts“ und „Absenz“ auf das Bühnengeschehen, um die Unbestimmbarkeit des Werkes zu erklären.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, dem durch die Forschung oft als „absurd“ bezeichneten Stück durch die theoretische Verortung der Konzepte „Nichts“ und „Absenz“ eine kohärente, wissenschaftliche Perspektive abzugewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primär textimmanent vorgeht und durch vergleichende Bezüge zu Brechts Theatertheorie sowie philosophische Begriffsdefinitionen erweitert wird.
Was behandelt der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil analysiert schrittweise die Identität der Figuren, die Figurenrede, die räumlich-zeitlichen Gegebenheiten sowie die Instanz Godot, um diese sowohl als „Etwas“ (Konstante) als auch als „Nichts“ (Absenz) zu verorten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind das „Nichts“ und die „Absenz“, die als analytische Werkzeuge dienen, um die „Unbestimmtheit“ des Werkes sowie dessen „Wirkungsästhetik“ zu erfassen.
Warum wird im Rahmen der Analyse ein Vergleich mit Bertolt Brecht gezogen?
Der Vergleich dient dazu, durch die bewusste, präzise Formensprache Brechts den Kontrast zu Becketts radikal unbestimmter Dramaturgie zu verdeutlichen und so Becketts spezifisches „Wie“ der Inszenierung schärfer herauszuarbeiten.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor bezüglich der Figur Godot?
Godot bleibt ein unauflösbares Mysterium; der Autor kommt zu dem Schluss, dass es ontologisch hilfreicher ist, Godot als „Nichts“ (mit minimaler Signifikanz) zu definieren, statt zu versuchen, seine Identität oder soziale Rolle endgültig zu bestimmen.
- Quote paper
- René Ferchland (Author), 2009, Absenz oder das Nichts – ontologische Ansätze zur Verortung des Unbestimmten in Becketts 'Warten auf Godot', Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/136318