Die vorliegende Arbeit soll den Gegenstand des Erhabenen zum Thema haben. Die Definition des Erhabenen sowie dessen Funktion und Wirkung finden ihren Anfang in der Antike. In der griechischen Kultur geht die Geschichte des Erhabenheitsbegriffes von Hypsos (griechisch: Höhe) bzw. hypsagóres (griechisch: hochredend) aus, womit die „erhöhte Sprache“ gegenüber anderen Menschen gemeint ist. Dabei sollen „fürstlicher Stolz und edle Gesinnung“ zum Ausdruck gebracht werden. Nach Cicero, dem berühmten römischen Politiker, Anwalt und Philosophen, beabsichtigt der „erhabene Stil“, (auch genus grande genannt), „[…] den Zuhörer zu bewegen, indem man dessen Gefühle anspricht […].“
Während in der Zeit der Antike „eindrucksvolle Sprache“ und „eindrucksvolle Gedanken“ als erhaben gedeutet wurden, fand die Umstrukturierung des Begriffs ihren Höhepunkt in der Zeit der Aufklärung, in der Naturerscheinungen mit dem Begriff des Erhabenen in Verbindung gebracht wurden. Damit wird offenkundig, dass das ursprüngliche Hauptmerkmal des Erhabenen ein sprachliches war, welches sich im Laufe der Zeit zu einem „materiellen“ veränderte. Der Fokus dieser Arbeit liegt auf dem Konzept des Erhabenen zu Zeiten der Aufklärung, in dem Naturfurcht, Naturbeherrschung und Naturgenuss eine zentrale Rolle spielten. Hierbei werden sowohl Kants als auch Schillers Deutungen vom Erhabenen eine zentrale Rolle einnehmen.
Als wichtigste antike Erörterung des Erhabenen gilt die pseudo-longinische Abhandlung. Die Grunddefinition kann wie folgt zusammengefasst werden: „Das Höchste und Hervorragende der Reden ist das Erhabene.“ Bei der Erzeugung des Gefühls des Erhabenen sind eine „natürliche Begabung“ und eine „künstlerische Ausbildung“ erforderlich, „wobei das Talent von beidem das Wichtigere ist.“ Die Abhandlung nennt fünf Ursachen, die Erhabenheit verursachen können: „lebhafte Ideen“, „die Inspiration heftiger Gefühle“, „den richtigen Aufbau von Figuren“, „edle Formulierung“ und „einen würdevollen, außergewöhnlich guten Stil.“
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Angsterzeugung und Angstüberwindung
3. Dynamisch- und Mathematisch-Erhabenes
4. Wandel des Naturgefühls
5. Faktoren der Angstüberwindung
5.1 Soziokultureller und gesundheitlicher Faktor
5.2 Entzweiung mit der Natur
5.3 Faktor Sicherheit und Phantasie
5.4 Faktor Wissenschaft und Reflexion
6. Lust- und Unlustgefühl bei Kant und Schiller
7. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Konzept des Erhabenen im 18. Jahrhundert, basierend auf Christian Begemanns Werk, und analysiert, wie sich Naturfurcht und deren Überwindung im Prozess der Aufklärung veränderten.
- Historische Entwicklung des Erhabenheitsbegriffs von der Rhetorik zur Naturästhetik.
- Die Transformation von Naturangst hin zum ästhetischen Genuss („schrecklich Schönen“).
- Rolle von Wissenschaft, Technik und Reflexion bei der Angstbewältigung.
- Philosophische Konzepte des Erhabenen bei Kant und Schiller.
Auszug aus dem Buch
Faktor Sicherheit und Phantasie
„Natur nämlich kann nur dort genossen werden, wo sie dem Menschen nicht feindlich gegenübersteht, wo er nicht primär mit Furcht auf sie reagiert.“
Die Bedingung des Erhabenheitsgefühls ist die Sicherheit des Individuums vor der Gefahr, da es ansonsten auf reale Bedrohungen mit tatsächlicher Furcht und Flucht reagiert. Diese Sicherheit kann durch räumliche Distanz vom Ort der Gefahren gewährleistet sein oder durch das Wissen, dass es sich um keine wirkliche Gefahr handelt. Schiller zufolge blockiert die wirkliche Furcht und vernichtet die innere Gemütsfreiheit, die notwendig ist, „[…] um das Furchtbare erhaben zu finden, und Wohlgefallen daran zu haben.“ Das Gefühl des Erhabenen entfaltet sich im Spannungsfeld zwischen Sicherheit und weiter bestehender Unterlegenheit. Das Resultat kann als Schauer bezeichnet werden, dessen Grundgefühl „angenehme Empfindung“ ist. Mit dem Bewusstsein, sich in Sicherheit zu befinden, richtet sich der Blick laut Heinrich Zschokke nicht auf das Bedrohliche eines Ereignisses, sondern auf „[…] das Ausmaß seiner Kraft, das, schaltet man den Gedanken an seine potentielle Gefährlichkeit einmal aus, als solches angenehm zu betrachten ist.“
Begemann führt einen weiteren Aspekt an, warum das „Fürchterliche“ nicht wirklich fürchterlich bzw. schrecklich ist. Das Gefühl einer imaginären Furcht entsteht allein durch die Vorstellungskraft des Individuums. Die Vorstellung von Gefahr hat einen realen Grund, der durch die Einbildungskraft verstärkt wird. Begemann beschreibt das Moment der Sicherheit wie folgt:
„Die weite und wilde Natur bewirkt […] zwar ein Moment von Furcht , Schrecken oder Unlust, erregt unter der Bedingung der Sicherheit ihres Betrachters jedoch zugleich Lust, die als ein Gefühl der Erhebung charakterisiert wird; das vermischte Gefühl ist so im Grundton angenehm.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die antiken Ursprünge des Erhabenen als rhetorisches Konzept und skizziert dessen Wandel zum ästhetischen Phänomen während der Aufklärung.
Angsterzeugung und Angstüberwindung: Dieses Kapitel erläutert die Perspektive Begemanns auf die Naturfurcht des 18. Jahrhunderts und die Frage, ob technischer Fortschritt das menschliche Bewusstsein und die Angstempfindung tatsächlich veränderte.
Dynamisch- und Mathematisch-Erhabenes: Hier werden die beiden von Kant geprägten Gattungen des Erhabenen definiert, die sich einerseits auf gewaltige Naturkräfte und andererseits auf die schiere Ausdehnung und Größe der Natur beziehen.
Wandel des Naturgefühls: Das Kapitel beschreibt den historischen Umschwung ab Mitte des 17. Jahrhunderts, bei dem Landschaften wie Alpen oder das Meer von vormals „hässlich“ als „erhaben“ und schön neu bewertet wurden.
Faktoren der Angstüberwindung: Dieser Teil analysiert die verschiedenen Mechanismen – von gesellschaftlichen Freiheiten über die Distanzierung durch Sicherheit bis hin zur rationalen Durchdringung durch Wissenschaft – die den Menschen halfen, Naturangst in ästhetischen Genuss zu transformieren.
Lust- und Unlustgefühl bei Kant und Schiller: Die philosophischen Ansätze von Kant und Schiller werden hier als Versuche dargestellt, das Erhabene als Ausdruck menschlicher Selbstbehauptung und moralischer Freiheit gegenüber der Naturgewalt zu deuten.
Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Transformation der Naturrezeption zusammen und konstatiert, dass sich das Erhabene von einer rhetorischen Kategorie zu einem zentralen Paradigma der aufklärerischen Naturbetrachtung entwickelt hat.
Schlüsselwörter
Erhabenes, Aufklärung, Naturfurcht, Naturbeherrschung, Ästhetik, Christian Begemann, Immanuel Kant, Friedrich Schiller, Naturgefühl, Angstüberwindung, Vernunft, Wissenschaft, Rhetorik, Schrecklich Schönes, Subjektivität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Bedeutungswandel des Begriffs „Erhabenes“ im 18. Jahrhundert, insbesondere im Hinblick auf das Verhältnis des Menschen zur Natur und die Überwindung von Naturangst.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die historische Verschiebung der Naturwahrnehmung, die philosophische Einordnung des Erhabenen und die psychologische sowie soziokulturelle Komponente der Angstbewältigung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das „Fürchterliche“ in der Natur durch den Prozess der Aufklärung, wissenschaftliche Erkenntnis und ästhetische Distanzierung in das „Erhabene“ umgedeutet wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literatur- und geisteswissenschaftliche Analyse, primär basierend auf der Auswertung des Werkes von Christian Begemann sowie einschlägiger philosophischer Primärquellen von Kant und Schiller.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Differenzierung des Erhabenen, den Wandel des Naturgefühls, verschiedene Faktoren der Angstüberwindung und eine tiefgehende Betrachtung der ästhetischen Lust- und Unlustgefühle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind das Erhabene, Naturfurcht, Aufklärung, die ästhetische Kategorie des „schrecklich Schönen“ sowie die philosophische Reflexion bei Kant und Schiller.
Warum spielt das Gefühl der Sicherheit für das Erhabene eine so entscheidende Rolle?
Sicherheit ist laut den Autoren eine notwendige Bedingung, damit der Mensch nicht in echte, existenzielle Fluchtreflexe verfällt, sondern die Naturgewalt aus einer geistigen Distanz als ästhetisches Objekt reflektieren kann.
Inwiefern hat sich die Naturangst vom 18. Jahrhundert bis heute gewandelt?
Während sich die Angst vor unmittelbaren Naturgewalten durch Aufklärung und Wissenschaft verringert hat, haben sich heute abstraktere Ängste vor globalen Phänomenen wie Klimawandel oder technologisch vermittelten Katastrophen entwickelt.
- Arbeit zitieren
- Angela Beyer (Autor:in), 2007, Der argumentative Ort des Erhabenen in Begemanns „Furcht und Angst im Prozeß der Aufklärung“, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/136232