“Warum liest du das nochmal?”
“Es ist gut.”
“Aber du hast es bestimmt schon tausend mal gelesen.”
“Es macht mir Spaß.”
“Ich dachte immer man liest, weil man wissen will, was als nächstes passiert.”
Ein Gespräch zwischen dem Protagonisten Leonard und seiner Frau Catherine, das auf den ersten Blick relativ unbedeutend scheint, aber dennoch nicht bezeichnender für MEMENTO sein könnte - einen Independent-Film, den man nicht sieht, um zu wissen, was als nächstes passiert; einen Film, den man mehr als einmal sehen muss, um ihn gänzlich zu verstehen; mit einem Protagonisten, der sich weder daran erinnern kann, was er gerade getan hat noch was er im nächsten Augenblick vorhatte zu tun. Das Vergnügen an MEMENTO - der faszinierenden Geschichte eines Mannes, der sein Kurzzeitgedächtnis verloren hat und trotzdem versucht den Mord an seiner Frau zu rächen - besteht im Gegensatz zu einer konventionellen Erzählung gerade darin, wissen zu wollen, was zuvor passiert ist, und das verworrene Puzzle Stück für Stück von hinten nach vorne zusammenzusetzen. Denn diese Geschichte wird - was wohl als Hauptaugenmerk des Films in Erinnerung bleibt - rückwärts erzählt.
Ziel dieser Arbeit soll es sein, diese außergewöhnliche Narrationsstruktur, sowie die Funktion der daraus resultierenden veränderten Informationsvergabe an den Zuschauer zu analysieren und wie dieser in einem dem Protagonisten ähnlichen Zustand versetzt wird. Des Weiteren werde ich auf die einzelnen Hinweise eingehen, die bereits im Verlauf der Handlung auf die wahre Identität des Protagonisten schließen lassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Struktur der Narration
2.1. Organisation der zwei Handlungsstränge
2.2. Wirkung der Farbe
2.3. Filmische Gestaltung zur Unterstützung der komplexen Struktur
3. Der „Zustand“ Leonards
4. Hinweise zur Lösung des Rätsels
5. Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die außergewöhnliche, rückwärts erzählte Narrationsstruktur des Films „Memento“ und untersucht, wie diese Gestaltung die Informationsvergabe an den Zuschauer beeinflusst und diesen in einen ähnlichen Zustand der Desorientierung wie den Protagonisten versetzt.
- Analyse der zwei gegenläufigen Erzählstränge (Farbe und Schwarz-Weiß)
- Symbolische Wirkung der Farbgebung und filmische Gestaltungsmittel
- Untersuchung des psychischen Zustands und der Gedächtnisstörung des Protagonisten
- Dekonstruktion der subjektiven Wahrnehmung und Identitätssuche Leonards
Auszug aus dem Buch
2.1. Organisation der zwei Handlungsstränge
Dazu möchte ich als Erstes die Struktur erläutern. MEMENTO besteht aus zwei verschiedenen Erzählsträngen, die durch ihre stilistische Gestaltung leicht voneinander zu unterscheiden sind und deren Gegenläufigkeit darüber hinaus durch rasante Schnitte und eine relativ hektische Montagetechnik noch offensichtlicher wird.
Ein erster Strang ist in Farbe gedreht und erzählt in fünf bis zehn Minutenfragmenten Szene für Szene die Geschichte vom Ende bis zum Anfang, läuft sozusagen rückwärts, aber trotzdem linear ab. Ein zweiter Strang, mit noch wesentlich kürzeren Szenen, wird ausschließlich in Schwarz-Weiß-Bildern erzählt und läuft chronologisch vorwärts ab.
Die beiden Stränge sind in einem konsequenten Wechsel - eine Szene in Farbe, eine in schwarz-weiß - miteinander verstrickt. Um dem Zuschauer das Zusammensetzen der Reihenfolge der rückwärts angeordneten Szenen zu erleichtern, überlappen diese leicht. Das heißt, einige Sekunden des Anfangs einer Szene werden am Ende der darauf folgenden Szene wiederholt.
Dazu ein Beispiel: eine Szene beginnt damit, dass Teddy eine Glastür öffnet, „Lenny!" ruft, nach einem kurzen Gespräch mit Leonard zum Wagen geht und sie zusammen losfahren. Das Teilstück danach beginnt an einem ganz anderen Ort und endet genau damit, dass Teddy die Glastür öffnet und Leonard "Lenny!" entgegen ruft.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik des Films, Vorstellung des Protagonisten und Definition des Ziels, die komplexe Narrationsstruktur zu analysieren.
2. Struktur der Narration: Detaillierte Betrachtung der zwei gegenläufigen Erzählstränge, der symbolischen Farbwahl und der filmischen Mittel zur Unterstützung der komplexen Handlung.
3. Der „Zustand“ Leonards: Untersuchung der Gedächtnisstörung des Protagonisten und seiner Strategien wie Konditionierung sowie der Problematik seiner Subjektivität.
4. Hinweise zur Lösung des Rätsels: Analyse versteckter Details im Film, die auf die Diskrepanz zwischen Leonards Erinnerung und der Realität hindeuten.
5. Zusammenfassung und Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der filmischen Wirkung und der Erkenntnis, dass die Perspektive des Protagonisten kritisch hinterfragt werden muss.
Schlüsselwörter
Memento, Christopher Nolan, Filmanalyse, Narration, Kurzzeitgedächtnis, Rückwärts erzählen, Subjektive Perspektive, Identität, Gedächtnisstörung, Manipulation, Selbsttäuschung, Erzählstruktur, Filmische Gestaltung, Wahnehmung, Wahrheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Hausarbeit?
Die Arbeit analysiert den Film „Memento“ von Christopher Nolan unter besonderer Berücksichtigung seiner unkonventionellen, rückwärts verlaufenden Erzählstruktur.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Struktur der Erzählung, die filmische Gestaltung zur Unterstützung der Komplexität sowie der psychologische Zustand des Protagonisten Leonard Shelby.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Auswirkungen der veränderten Informationsvergabe auf den Zuschauer und die Rolle der Subjektivität bei der Konstruktion von Wahrheit zu ergründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine filmanalytische Untersuchung, die narrative Techniken, filmästhetische Mittel und die inhaltliche Handlung des Films dekonstruiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Erzählstränge, die Symbolik der Farbgebung, die Untersuchung des Gedächtnisverlusts von Leonard und die Suche nach Hinweisen zur Entschlüsselung der wahren Ereignisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Narration, Gedächtnisstörung, Subjektivität, Manipulation, Selbsttäuschung und Erzählstruktur.
Warum ist die Rückwärts-Erzählung für das Verständnis des Films entscheidend?
Sie zwingt den Zuschauer in einen Zustand, der dem des Protagonisten ähnelt, und macht die Desorientierung und die Schwierigkeit, Fakten zu ordnen, unmittelbar erlebbar.
Welche Rolle spielt die „Sammy Jankis“-Geschichte für die Identität Leonards?
Sie fungiert als Projektionsfläche für Leonard, um seine eigene traumatische Vergangenheit zu verdrängen und sich in einer selbst geschaffenen Welt aus Rache und falschen Missionen zu halten.
- Arbeit zitieren
- Ellen Thießen (Autor:in), 2006, Filmanalytische Hausarbeit zu ,MEMENTO’ (US 2000) , München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/135879