Unter Cultural Studies werden heute meistens die anglo-amerikanischen Cultural Studies
verstanden, wobei sie in Amerika erst etwa 30 Jahre später als in Großbritannien breite Akzeptanz
gefunden haben.1 Sie haben ihren Ursprung in den britischen Kultur- und Literaturwissenschaften
der späten 50er und frühen 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.2 Der Name Cultural Studies
wurde zuerst zur Bezeichnung der Arbeiten von Richard Hoggart und vor allem Raymond Williams
verwendet, die sich vorwiegend mit der klassischen Unterteilung des Kulturbegriffs in Hoch- und
Massenkultur auseinander setzen und Kultur in all ihren gesellschaftlichen Ausprägungen zu
betrachten versuchen.3 Ein Anliegen dabei ist es, eine kulturelle Berechtigung für die so genannte
Popularkultur4 aufzuzeigen, indem die Unterscheidung von Massen- und Elitärkultur kritisch
betrachtet wird.
Mit der Analyse der Popularkultur, in deren Konzeption kreative Praktiken, Lust, Vergnügen
und Widerstand in der Rezeption medialer Texte vor dem Hintergrund von Machtverhältnissen
entstehen, werden vor allem die Arbeiten von John Fiske verbunden.5 Fiske hat seit Ende der 1980er
Jahre einen bedeutenden Einfluss auf die Forschungsarbeiten der Cultural Studies ausgeübt,
überwiegend wegen der breiten und zugleich umstrittenen Rezeption seiner Bücher: Television
Culture (1987), Understanding Popular Culture (1989) und Reading the Popular (1989).6 Fiske
lehnt sich methodisch und theoretisch sowohl an den Arbeiten von anderen Cultural Studies-
Theorekikern als auch insbesondere an die Werke Roland Barthes`, Ferdinand de Saussures,
Michael de Certeaus`, Michail Bachtins und Antonio Gramscis an.7 Er verbindet in seinen Arbeiten
strukturalistische mit kulturalistischen Ansätzen und integriert dabei poststrukturalistische und
dekonstruktivistische Überlegungen.8
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. John Fiske und die Cultural Studies: Anfänge, Analysen und Methodik
2.1. Geschichtlich-politischer Hintergrund der Cultural Studies
2.2. Grundlagentexte der Cultural Studies
2.3. Kultur und Kulturanalysen innerhalb der Cultural Studies
2.4. Zur Methodik der Cultural Studies
2.5. John Fiskes Analysen
3. Die Media Studies
3.1. Stuart Halls Encoding/Decoding-Modell
3.2. John Fiske und das Encoding/Decoding-Modell
4. Medientexte nach Fiske
4.1. Merkmale populärer Medientexte
4.1.1. Heteroglossie
4.1.1.1. Theoretische Bestimmung von Heteroglossie
4.1.1.2. Madonna als heteroglotter Text
4.1.2. Ironie
4.1.2.1. Theoretische Bestimmung von Ironie
4.1.2.2. Ironie bei Madonna
4.1.3. Metapher
4.1.3.1. Theoretische Bestimmung von Metapher
4.1.3.2. Metapher bei Madonna
4.1.4. Wortspiele
4.1.4.1. Theoretische Bestimmung von Wortspielen
4.1.4.2. Wortspiele bei Madonna
4.1.5. Exzess (Parodie)
4.1.5.1. Theoretische Bestimmung von Exzess (Parodie)
4.1.5.2. Exzess (Parodie) bei Madonna
4.1.6. Offensichtlichkeit (Klischees)
4.1.6.1. Theoretische Bestimmung von Offensichtlichkeit (Klischees)
4.1.6.2. Offensichtlichkeit (Klischees) bei Madonna
4.2. Fiskes Konzept von Intertextualität
4.2.1. Theoretische Bestimmung von Intertextualität
4.2.1.1. Drei Ebenen von Textualität
4.2.1.2. Horizontale und vertikale Intertextualität
4.2.2. Intertextualität bei Madonna
4.2.2.1. Drei Ebenen von Textualität bei Madonna
4.2.2.2. Horizontale und vertikale Intertextualität bei Madonna
4.3. Der producerly Text
5. Rahmenbedingungen der Rezeption nach Fiske
5.1. Fiskes zwei Ökonomien
5.1.1. Theoretische Bestimmung von finanzieller und kultureller Ökonomie
5.1.2. Madonna zwischen finanzieller und kultureller Ökonomie
5.2. The people vs. the power-block
5.2.1. Theoretische Bestimmung von the people und the power-block
5.2.2. Madonna als Repräsentation semiotischer Interessenkonflikte
6. Fiskes Rezeptionsmodi – Widerstand und Vergnügen
6.1. Widerstand nach Fiske
6.1.1. Theoretische Bestimmung von Widerstand
6.1.2. Madonna – Ermächtigung durch Widerstand
6.2. Vergnügen nach Fiske
6.2.1. Theoretische Bestimmung von Vergnügen
6.2.2. Madonna als Quelle von Vergnügen
7. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht Medientexte und deren Rezeption innerhalb der Cultural Studies unter besonderer Berücksichtigung der theoretischen Ansätze von John Fiske. Das primäre Ziel ist es, Fiskes medientheoretische Perspektive – insbesondere seine Konzepte zur Struktur von Medientexten, der Bedeutungsproduktion durch die Rezipienten und den Rahmenbedingungen der Rezeption – anhand der Madonna-Studie zu erläutern und ihre Bedeutung für die kritische Kulturtheorie herauszuarbeiten.
- Grundlagen und Entwicklung der Cultural Studies
- Fiskes Analyse von Medientexten (Polysemie, Intertextualität, der producerly text)
- Gesellschaftliche Rahmenbedingungen der Rezeption (finanzielle vs. kulturelle Ökonomie)
- Die Opposition von the people und the power-block
- Rezeptionsmodi: Widerstand und Vergnügen als Formen der Aneignung
Auszug aus dem Buch
4.3. Der producerly Text
Die Gemeinsamkeiten, die die populären Medientexte aufzeigen, fasst Fiske unter dem Begriff „producerly text“ und lehnt sich dabei an Barthes Dichotomie des schreibbaren und lesbaren Textes an.
Nach Fiske sind lesbare Texte relativ geschlossen, klar und deutlich geschrieben und daher einfach zu lesen. Sie erfordern keine besondere Aktivität der Leser bei der Konstruktion von Bedeutungen. Lesbare Texte werden passiv und diszipliniert rezipiert, indem Inhalte einfach aufgenommen und akzeptiert werden.
Der schreibbare Text verlangt dagegen „vom Leser, daß dieser ihn ständig 'neu' schreibt, damit er für ihn einen Sinn haben kann.“ Er lädt daher zu einer aktiven Teilnahme an der Bedeutungsproduktion ein. Schreibbare Texte bezwecken, den Lesern durch die Erinnerung an die diskursive Struktur des Textes neue diskursive Kompetenzen beizubringen. Dies macht sie schwer zu lesen. Sie seien in der Regel an Intellektuelle gerichtet und setzen aktive Rezeption, Kreativität und Textkompetenzen voraus, indem die Leser aus der Vielseitigkeit und Widersprüchlichkeit der schreibbaren Textinhalte eigene Bedeutungen konstituieren. Ihre Rezeption lässt sich eher durch Sinnproduktion als durch Aufnahme oder bloßen Konsum beschreiben.
Der producerly Text weist nach Fiske sowohl Qualitäten der lesbaren als auch der schreibbaren Texte auf, indem er zugleich die Offenheit der schreibbaren in Kombination mit der einfachen Zugänglichkeit der lesbaren Texte repräsentiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Cultural Studies und die Relevanz der Arbeiten von John Fiske für die Untersuchung von Populärkultur.
2. John Fiske und die Cultural Studies: Anfänge, Analysen und Methodik: Historische Einordnung der Cultural Studies und methodische Grundlagen von John Fiskes kulturalistischen Analysen.
3. Die Media Studies: Thematisierung der medienwissenschaftlich orientierten Cultural Studies und Stuart Halls Encoding/Decoding-Modell als theoretischer Ausgangspunkt.
4. Medientexte nach Fiske: Detaillierte Untersuchung von Merkmalen populärer Medientexte wie Polysemie, Intertextualität und dem Konzept des producerly text am Beispiel von Madonna.
5. Rahmenbedingungen der Rezeption nach Fiske: Analyse der finanziellen und kulturellen Ökonomie sowie der gesellschaftlichen Opposition von the people und the power-block.
6. Fiskes Rezeptionsmodi – Widerstand und Vergnügen: Theoretische Bestimmung von Widerstand und Vergnügen als zentrale Rezeptionsmodi, die zur Ermächtigung der Rezipienten beitragen.
7. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Betrachtung der Erkenntnisse über John Fiskes Medientheorie und ihre Anwendung auf die Madonna-Studie.
Schlüsselwörter
Cultural Studies, John Fiske, Populärkultur, Medientexte, Rezeption, Bedeutungsproduktion, Polysemie, Intertextualität, producerly text, Widerstand, Vergnügen, the people, power-block, Madonna, Aneignung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie John Fiske Medientexte innerhalb der Cultural Studies theoretisiert und wie er deren Rezeption durch die Nutzer versteht.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Populärkultur, der Beschaffenheit populärer Medientexte, der Rolle des Publikums (audience) und dem politischen Potenzial von Rezeptionsprozessen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, anhand von Fiskes berühmter Madonna-Studie seine medientheoretische Basis verständlich zu machen und zu erläutern, wie Medientexte als Ressourcen für die Alltagspraxis dienen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit nutzt einen interpretativen Ansatz, der semiotische und strukturalistische Verfahren der Cultural Studies kombiniert, um sowohl die Textstruktur als auch den Kontext der Rezeption zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Medientextmerkmalen (z. B. Heteroglossie, Intertextualität), die strukturellen Rahmenbedingungen der Rezeption (Ökonomien) sowie die Modi von Widerstand und Vergnügen.
Welche Begriffe charakterisieren den theoretischen Kern der Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Polysemie, Intertextualität, the people vs. the power-block, producerly text sowie Widerstand und Vergnügen.
Warum ist das Madonna-Beispiel für Fiske so zentral?
Fiske nutzt das Phänomen Madonna, weil es als Medientext hochgradig polysem ist und eine Fülle an Möglichkeiten für unterschiedliche, teils widersprüchliche Aneignungsformen bietet.
Was versteht Fiske unter dem producerly text?
Es ist ein Texttyp, der die leichte Zugänglichkeit populärer Texte mit der Offenheit schreibbarer Texte vereint, sodass er das Publikum zur aktiven Bedeutungsproduktion einlädt, ohne sie strikt zu kontrollieren.
Wie unterscheidet sich Fiskes Ansatz von der Frankfurter Schule?
Während die Frankfurter Schule Medientexte als Instrumente der Manipulation durch die Kulturindustrie betrachtet, sieht Fiske das Publikum als handlungsfähig und die Rezeption als potenziell widerständigen Prozess.
Was bedeutet Widerstand in Fiskes Rezeptionstheorie?
Widerstand ist bei Fiske kein passiver Zustand, sondern eine taktische Handlung der people, um Bedeutungen gegen die Vorzugslesarten des power-blocks zu setzen und somit eigene Identitäten und Machtquellen zu artikulieren.
- Quote paper
- Ivan Panayotov (Author), 2009, Medientexte und ihre Rezeption in den Cultural Studies, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/135742