Wenn man das englische Berufsbildungssystem mit dem deutschen vergleicht, so erscheint es einem eher als ein Berufssystem und weniger als ein Bildungssystem: Die englischen Unternehmen stellten Lehrlinge nach dem Erreichen ihrer GCSEs (General Certificate Secondary Education, vergleichbar mit der mittleren Reife in Deutschland) ein und verfolgten die Philosophie des on-the-job-training, also learning by doing am Arbeitsplatz ohne zusätzliche Ausbildung in der Schule. Nachdem die englische Berufsbildung lange Zeit unter Misserfolgen litt, sollte die
Modern Apprenticeship nun der Schlüssel zum Erfolg5 sein. Dem werde ich im Folgenden auf den Grund gehen: Kann die Modern Apprenticeship wirklich das umsetzen, was die Regierung verspricht? Oder gibt es ein Spannungsfeld zwischen Anspruch
und Wirklichkeit? Wenn ja, wie versucht die Regierung dem entgegen zu wirken?
Inhaltsverzeichnis
1. PROBLEMSTELLUNG
2. DAS KONZEPT DER MODERN APPRENTICESHIP
2. 1 Organisation und Ablauf der Modern Apprenticeship
2. 2 Ziele und Zweck der Einführung der Modern Apprenticeship
3. DIE REALISIERUNG DER MODERN APPRENTICESHIP
3. 1 Die Realisierung von Seiten der Unternehmen
3. 2 Die Realisierung von Seiten des Staates
3. 3 Vergleich der beiden Perspektiven
4. DIE WAHRNEHMUNG IN DER ÖFFENTLICHKEIT
4. 1 Die Wahrnehmung durch die Unternehmen
4. 2 Die Wahrnehmung durch die Auszubildenden
4. 3 Vergleich der beiden Perspektiven
5. VERBESSERUNGSVORSCHLÄGE UND REFORMEN
6. SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Einführung und Umsetzung der "Modern Apprenticeship" in England. Ziel ist es, den Erfolg dieses Ausbildungssystems kritisch zu beleuchten, die Diskrepanz zwischen staatlichen Ansprüchen und der betrieblichen Realität aufzuzeigen und die Herausforderungen für Auszubildende sowie Unternehmen zu analysieren.
- Historische Entwicklung der englischen Berufsbildung und der Übergang zum Modern-Apprenticeship-Modell.
- Strukturelle Organisation und Zielsetzungen des staatlichen Ausbildungskonzepts.
- Analyse der Realisierung in Unternehmen unter Berücksichtigung von "expansive" und "restrictive" Lernansätzen.
- Öffentliche Wahrnehmung und Akzeptanz bei Arbeitgebern und Jugendlichen.
- Evaluation von Reformansätzen und zukünftiger Optimierungsbedarf im britischen Berufsbildungssystem.
Auszug aus dem Buch
3. 1 Die Realisierung von Seiten der Unternehmen
Alison Fuller und Lorna Unwin haben drei Unternehmen über längere Zeit hinweg begleitet, um festzustellen, wie es den Auszubildenden dort ergeht und welche Anstrengungen die Arbeitgeber hinsichtlich der Ausbildung unternehmen und ihre Ergebnisse in einem Artikel dargelegt. Zunächst differenzieren sie hier zwischen zwei unterschiedlichen Zugängen zu der Ausbildung: einem weit reichendem und einem restriktiven. Die von ihnen dargestellten Unternehmen stellen genau diese Diskrepanz dar: ein Betrieb verhält sich vorbildlich, fördert seine Auszubildenden, lässt sie verschiedene Abteilungen durchwandern, bietet ihnen die Chance zu Zusatzqualifikationen und zahlt ihnen einen angemessenen Lohn, der mit zunehmender Ausbildungsdauer ansteigt.
In einem anderen Unternehmen ist genau das Gegenteil der Fall: Die Lehrlinge üben nur eine bestimmte Arbeit aus und sind bereits nach einem Jahr vollständige Arbeitskräfte. Die berufliche Ausbildung wird nicht von einem College, sondern von einem externen Anbieter übernommen, der alle sechs Wochen in den Betrieb kommt um die Fortschritte der Auszubildenden zu überwachen. Das dritte Unternehmen befindet sich zwischen den beiden Extremen: Dort kümmert man sich kaum um die Lehrlinge. Die Ausbildung ist schlecht geplant und der Lehrling wird mehr als Ersatz für fehlende Arbeitskräfte eingesetzt, anstatt ihn zu fördern und ihm die erforderlichen Qualifikationen näher zu bringen.
Dennoch hatte er hier die Möglichkeit, mehrere Abteilungen zu durchlaufen und bekam einen fairen Lohn. Was diese Fallstudie an einigen Exempeln aufzeigt, scheint allgemein üblich zu sein: Viele Unternehmen nehmen die Ausbildung nicht richtig ernst und sehen die Auszubildenden als billige Arbeitskräfte. So beinhaltet der Arbeitsvertrag in der Modern Apprenticeship zwar die Verantwortlichkeiten der beteiligten Parteien, hat aber keinen legalen Status und somit können die Unternehmen rechtlich nicht zur Verantwortung gezogen werden. Hinzu kommt, dass sich auch die Löhne erheblich von einander unterscheiden. Dies wird besonders beim Vergleich von Geschlechtern deutlich: Frauen verdienen weniger als Männer, da sie meistens in Sektoren wie dem Gesundheits- und Pflegedienst arbeiten, in denen allgemein weniger gezahlt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. PROBLEMSTELLUNG: Es wird der historische Kontext der englischen Berufsbildung skizziert, der durch das Fehlen eines systematischen Bildungssystems geprägt war, und die Notwendigkeit der Einführung der Modern Apprenticeship hergeleitet.
2. DAS KONZEPT DER MODERN APPRENTICESHIP: Dieses Kapitel erläutert die organisatorischen Rahmenbedingungen, die NVQ-Struktur sowie die von der Regierung verfolgten Ziele zur Steigerung der Attraktivität der Berufsausbildung.
3. DIE REALISIERUNG DER MODERN APPRENTICESHIP: Hier wird die Diskrepanz zwischen den staatlichen Vorgaben und der tatsächlichen Umsetzung durch Unternehmen beleuchtet, wobei zwischen unterschiedlichen betrieblichen Realitäten differenziert wird.
4. DIE WAHRNEHMUNG IN DER ÖFFENTLICHKEIT: Die Untersuchung konzentriert sich auf die subjektiven Erfahrungen der Auszubildenden und die Sichtweisen der Arbeitgeber, die das Programm oft als wenig prestigeträchtig oder lediglich als Mittel zur Subventionsakquise wahrnehmen.
5. VERBESSERUNGSVORSCHLÄGE UND REFORMEN: Das Kapitel behandelt bereits umgesetzte Korrekturen wie Technical Certificates und das Apprenticeship Diploma, um die Qualität und Struktur des Programms zu steigern.
6. SCHLUSSBETRACHTUNG: Die Autorin zieht das Fazit, dass die Regierung ihre hohen Erwartungen teilweise verfehlt hat, jedoch ein wertvoller erster Schritt zur Etablierung eines arbeitsbasierten Ausbildungsweges in England vollzogen wurde.
Schlüsselwörter
Modern Apprenticeship, England, Berufsbildung, Duales System, NVQ, Arbeitsmarkt, Jugendliche, Betriebliche Ausbildung, on-the-job-training, Bildungspolitik, Qualifikationslücke, Ausbildungsqualität, Reformen, England, Vocational Qualifications.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Rolle und Wirksamkeit der "Modern Apprenticeship" als arbeitsbasiertes Ausbildungsprogramm innerhalb des englischen Berufsbildungssystems.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit fokussiert sich auf die staatlichen Zielsetzungen, die betriebliche Umsetzung, die Perspektiven der Auszubildenden und die Reformbemühungen zur Verbesserung des Ausbildungsstatus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage untersucht, ob die Modern Apprenticeship die Versprechen der Regierung erfüllen kann oder ob ein signifikantes Spannungsfeld zwischen staatlichem Anspruch und betrieblicher Wirklichkeit besteht.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung auf Basis vorhandener Studien (u.a. von Fuller, Unwin, Ryan), die durch Fallbeispiele und die Analyse von Umsetzungsdaten fundiert wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Im Hauptteil werden die Diskrepanzen in der Umsetzung durch Unternehmen, die öffentliche Wahrnehmung des Modells und die strukturellen Defizite des Ausbildungssystems detailliert dargelegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören Modern Apprenticeship, Berufsbildung, NVQ-System, on-the-job-training, Ausbildungstradition und Qualifikationslücke.
Warum wird die Modern Apprenticeship von vielen Unternehmen unterschiedlich realisiert?
Da es an klar definierten gesetzlichen Mindeststandards und verbindlichen Regulierungen durch den Staat mangelt, bleibt die Umsetzung stark von den individuellen Zielen und der Ausbildungsbereitschaft der jeweiligen Betriebe abhängig.
Welche Rolle spielen die "Technical Certificates" in der Reform des Systems?
Diese wurden eingeführt, um Wissenslücken zu schließen, die außerhalb des rein kompetenzorientierten NVQ-Systems liegen, und sollen die Ausbildung theoretisch fundierter und damit attraktiver machen.
Wie stehen Jugendliche zu der Modern Apprenticeship?
Die Bewertung ist ambivalent: Einerseits wird sie als "besser" gegenüber dem alten Youth Training Scheme wahrgenommen, andererseits bleibt sie für viele Schüler nur die "zweite Wahl" hinter einem Studium oder dem A-Level.
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- Katrin Bitterle (Author), 2007, Die Rolle der Modern Apprenticeship in der englischen Berufsbildung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/135659