"Hartman der Ouwaere,
ahi, wie der diu maere
beide uzen unde innen
mit worten und mit sinnen
durchverwet und durchzieret!"
In diesen Versen, in denen der Erzähler des Tristan den Dichter Hartmann von Aue lobend hervorhebt, formuliert sich eine Erkenntnis, die heute die Grundlage der modernen Erzählforschung darstellt: eine Erzählung sei eine Abfolge von Zeichen, die eine Abfolge von Ereignissen repräsentieren. Ausgehend von der Zeichentheorie de Sausurres, kann man heute den Text als großes Zeichen betrachten, der sich zusammensetzt aus dem Signifikant, dem Bezeichnenden - also 'uzen' - und dem Signifikat, dem Bezeichneten - also 'innen'. 'Uzen' und 'innen' könnten also das gleiche komplementäre Paar sein, das heute die Erzählforschung als 'Erzählung' und 'Geschichte' postuliert.
Es ist also gut möglich, daß im Diskurs der damaligen Zeit eine derartige Unterscheidung wenigstens geahnt wurde , umso erstaunlicher ist es, daß es im Bereich der Mediävistik bis heute noch keine 'historische' Narratologie gibt. Dieser Tatsache ist es geschuldet, daß bei der Untersuchnung erzähltheoretischer Probleme im 'Tristan' auf die klassischen Analysemethoden zurückzugreifen ist, die jedoch bisher nur im Kontext 'moderner' Texte Anwendung fanden. Dementsprechend kann diese Arbeit nur eine Art experimentelle Versuchsanordnung darstellen, die am Beispiel einer Untersuchung einer konkreten Textpassage neue Möglichkeiten des 'Antwortfindens' ausprobiert.
Die Wahl des Textabschnittes fällt auf die Szene des 'Gottesurteils', also auf die Zeilen 15047 - 15764. Grund hierfür ist nicht zuletzt die Forschungsdiskussion, die über bestimmte Passagen dieses Abschnittes besonders konträrer Auffassung ist, die ich im weiter unten dokumentieren werde.
Der Hauptteil dieser Arbeit umfaßt wiederum zwei Teile. Der erste Teil besteht aus der eigentlichen Analyse, d.h. ich werde bestimmte Erzählelemente suchen, sortieren und abstrahieren. Ich folge hierbei der Einteilung Genettes, der die Elemente Zeit, Modus und Stimme unterscheidet. Im zweiten Teil gilt es, die gewonnenen Ergebnisse zu kommentieren, also zu interpretieren. Hierbei ist besonders zu beachten, welche neuen Antwortmöglichkeiten sich eröffnen, wo also der Mehrwert erzähltheoretischer Untersuchnungen an mittelhochdeutschen Texten liegen könnte.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
1. Fragestellung und Vorgehensweise
2. Forschungsdiskussion
II. Analyse
1. Zeit
1.1. Ordnung
1.2. Die Dauer
1.3. Frequenz
1.4. Segmentierung
2. Modus
3. Stimme
III. Interpretationsansätze
1. Wechsel der Figurendominanz
2. Die Problematik List, Wahrheit und Christuskommentar aus der Perspektive der Erzähltheorie
IV. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Strukturprobleme von Geschichte und Erzählung in Gottfrieds von Straßburg 'Tristan' am Beispiel der sogenannten Gottesurteilsszene. Ziel ist es, durch die Anwendung eines modernen erzähltheoretischen Analyseinstrumentariums nach Gérard Genette neue Erkenntnisse über die Erzählweise dieser Schlüsselszene zu gewinnen und die bestehende Forschungsdiskussion zu erweitern.
- Narratologische Analyse nach Gérard Genette (Zeit, Modus, Stimme)
- Struktur der Gottesurteilsszene im 'Tristan'
- Wechsel der Figurendominanzen
- Verhältnis von List, Wahrheit und Erzählerkommentar
Auszug aus dem Buch
1. Fragestellung und Vorgehensweise
"Hartman der Ouwaere, ahi, wie der diu maere beide uzen unde innen mit worten und mit sinnen durchverwet und durchzieret!"
In diesen Versen, in denen der Erzähler des Tristan den Dichter Hartmann von Aue lobend hervorhebt, formuliert sich eine Erkenntnis, die heute die Grundlage der modernen Erzählforschung ( Narratologie) darstellt: eine Erzählung sei eine Abfolge von Zeichen, die eine Abfolge von Ereignissen repräsentieren. Ausgehend von der Zeichentheorie de Sausurres, kann man heute den Text als großes Zeichen betrachten, der sich zusammensetzt aus dem Signifikant, dem Bezeichnenden - also 'uzen' - und dem Signifikat, dem Bezeichneten - also 'innen'. 'Uzen' und 'innen' könnten also das gleiche komplementäre Paar sein, das heute die Erzählforschung als 'Erzählung' und 'Geschichte' postuliert.
Es ist also gut möglich, daß im Diskurs der damaligen Zeit eine derartige Unterscheidung wenigstens geahnt wurde, umso erstaunlicher ist es, daß es im Bereich der Mediävistik bis heute noch keine 'historische' Narratologie gibt. Dieser Tatsache ist es geschuldet, daß bei der Untersuchnung erzähltheoretischer Probleme im 'Tristan' auf die klassischen Analysemethoden zurückzugreifen ist, die jedoch bisher nur im Kontext 'moderner' Texte Anwendung fanden. Dementsprechend kann diese Arbeit nur eine Art experimentelle Versuchsanordnung darstellen, die am Beispiel einer Untersuchung einer konkreten Textpassage neue Möglichkeiten des 'Antwortfindens' ausprobiert.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Vorstellung der narratologischen Fragestellung und Begründung der Methodik sowie der Wahl der Textpassage.
II. Analyse: Untersuchung der zeitlichen Ordnung, Dauer und Frequenz der Szene sowie eine Segmentierung des Textabschnitts, ergänzt durch eine Analyse des Erzählmodus und der Stimme.
III. Interpretationsansätze: Diskussion der Ergebnisse hinsichtlich der Figurendominanzen und des Verhältnisses von List, Wahrheit und dem Christuskommentar.
IV. Fazit und Ausblick: Zusammenfassung der Möglichkeiten einer modernen Erzählforschung für mittelhochdeutsche Texte und Plädoyer für ein spezifisches Analyseverfahren.
Schlüsselwörter
Tristan, Gottfried von Straßburg, Gottesurteilsszene, Narratologie, Gérard Genette, Zeit, Modus, Stimme, Figurendominanz, Liste, Wahrheit, Christuskommentar, Mittelalter, Erzähltheorie, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die narrativen Strukturen der Gottesurteilsszene im 'Tristan' von Gottfried von Straßburg.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Kategorien der Erzähltheorie (Zeit, Modus, Stimme), die Anwendung dieser auf einen mittelalterlichen Text und die Interpretation des erzählerischen Umgangs mit Wahrheit und List.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu zeigen, wie ein modernes erzähltheoretisches Instrumentarium genutzt werden kann, um neue Impulse in der mediävistischen Forschung zu setzen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit verwendet das methodische Instrumentarium von Gérard Genette, um den Text strukturiert zu segmentieren und narratologisch auszuwerten.
Was bildet den Hauptteil der Untersuchung?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Kategorien Zeit, Modus und Stimme sowie eine anschließende Interpretation der Ergebnisse.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Begriffen zählen Narratologie, Gottesurteil, Figurendominanz, Zeitraffung, A-B-A-Schema und der Christuskommentar.
Wie definiert der Autor das Verhältnis von 'Geschichte' und 'Erzählung' in diesem Kontext?
Der Autor orientiert sich an der Erzählforschung, die diese als ein komplementäres Paar versteht (Signifikant 'uzen' und Signifikat 'innen'), das den Aufbau einer Erzählung als Zeichenfolge beschreibt.
Welche besondere Schlussfolgerung zieht der Autor bezüglich des Christuskommentars?
Der Autor schließt, dass der Text ein postmodernes Problem antizipiert, indem er zeigt, wie Realität durch Sprache strukturiert wird und der Erzähler durch seine Kommentare die Wahrheit selbst mitgestaltet.
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- Stephan Bliemel (Author), 2000, Strukturprobleme: Geschichte und Erzählung in Gottfrieds von Straßburg 'Tristan' am Beispiel der "Gottesurteilsszene", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/134909