Diese wissenschaftliche Arbeit beschäftigt sich damit, ob Entfremdung und Einsamkeit bei Menschen in höherem Alter auf Digitalisierung zurückgeführt werden können. Hierbei soll mit der theoretischen Grundlage der Konstrukte Beschleunigung und Desynchronisation nach Hartmut Rosa gearbeitet werden.
Beschleunigung wird nach Hartmut Rosa durch folgende drei Kategorien definiert: technische Beschleunigung, Beschleunigung des sozialen Wandels und Beschleunigung des Lebenstempos. Digitalisierung geht aus der technischen Beschleunigung und der Beschleunigung des sozialen Wandels hervor und kann als Teil einer sich modernisierenden Gesellschaft und somit als Teil der sozialen Beschleunigung angesehen werden.
Desynchronisation tritt nach Rosa dann ein, wenn die Veränderungsraten verschiedener Gesellschaftsbereiche sich in verschiedenen Tempi verändern. Auch Individuen können sich von ihrer sozialen Umwelt desynchronisieren, wenn sie mit der Beschleunigung nicht mehr Schritt halten können. In diesem Fall spricht Rosa von einer Entfremdungserfahrung. Entfremdung umfasst das Gefühl nicht in Beziehung zu seiner Außenwelt zu stehen.
Die Definitionen der existenziellen Einsamkeit und der kollektiven Einsamkeit weisen starke Übereinstimmungen mit dem Konstrukt der Entfremdung nach Rosa auf. Einsamkeit und Entfremdung können deshalb als zusammenhängend betrachtet werden.
Aus Studien geht hervor, dass das Gefühl sozialer Ausgeschlossenheit und Entfremdung ebenso wie das Gefühl der Einsamkeit mit der Nichtnutzung digitaler Technologien bei älteren Menschen korrelieren.
Aus den Ergebnissen kann geschlossen werden, dass Digitalisierung in der Gesellschaft einen Einflussfaktor auf die Gefühle der Entfremdung und Einsamkeit bei älteren Menschen darstellt. Auf Grundlage der theoretischen Erkenntnisse in der vorliegenden Arbeit können empirische Studien durchgeführt werden, um das gesellschaftlich bedeutsame Thema des Einflusses der Digitalisierung auf Einsamkeit im Alter tiefgehender zu untersuchen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungsgegenstand und Methode
3. Hartmut Rosa
3.1. (Soziale) Beschleunigung
3.2. Desynchronisation und Entfremdung
3.3. Die Rolle der Digitalisierung
4. Einsamkeit im höheren Alter
4.1. Begriffsdefinition
4.2. Der Zusammenhang von Digitalisierung in der Gesellschaft und Einsamkeit im höheren Alter
5. Schlussfolgerung und Forschungsausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob das Erleben von Einsamkeit und Entfremdung bei älteren Menschen ursächlich auf Digitalisierungsprozesse in der modernen Gesellschaft zurückgeführt werden kann, wobei die theoretischen Konstrukte von Hartmut Rosa als analytischer Rahmen dienen.
- Beschleunigungsprozesse moderner Gesellschaften
- Die Rolle der Digitalisierung als technischer Beschleunigungsfaktor
- Desynchronisation als Ursache für Entfremdungserfahrungen
- Digitale Kluft und Obsoleszenzerleben im Alter
- Konzeptualisierung von Einsamkeit und sozialer Teilhabe
Auszug aus dem Buch
3.1. (Soziale) Beschleunigung
Hartmut Rosa stellt als Grundlage für seine Argumentationen die leitende Hypothese auf, dass Modernisierung nicht nur als Prozess in der Zeit stattfindet, sondern vielmehr auch selbst als eine höchst bedeutsame Transformation der Temporalstrukturen und -horizonte verstanden werden kann. Die Richtung einer solchen Transformation bezeichnet Rosa als soziale Beschleunigung. Solche Temporaldimensionen müssen nach Rosa bei der Beschreibung gegenwärtiger Veränderungen in den sozialen Praktiken, Institutionen sowie in individuellen Selbstverhältnissen in den westlichen Gesellschaften unbedingt beachtet werden (Rosa, 2005, S. 24).
Übertragen auf die vorliegende Arbeit bedeutet dies also, dass die Bedeutungen temporaler Strukturen für soziale Erscheinungen – als welche auch Einsamkeit verstanden werden kann – nicht außer Acht gelassen werden sollte. Digitalisierung geht in der heutigen Gegenwart mit Modernisierung einher und ist ein Teil dieser (Cirkel & Enste, 2019; Angermann, 2020). Deshalb kann aus Rosas These schlussfolgert werden, dass auch Digitalisierung als Teil der Transformation der Temporalstrukturen verstanden werden kann. In welche Richtung diese digitale Transformation geht, ist demnach der sozialen Beschleunigung zu entnehmen.
Wichtig an dieser Stelle ist es, den Begriff der sozialen Beschleunigung zu definieren. Für Rosa beinhaltet die Antwort auf diese Frage Untersuchungen darüber, was genau sich im Modernisierungsprozess beschleunigt. Laut Rosa selbst gibt es keinen sozialwissenschaftlichen Beschleunigungsbegriff. Seiner Meinung nach geschieht in der Sozialwissenschaft oft ein Fehler, wenn versucht wird sich an der Physik zu orientieren. Den sozialwissenschaftlichen Begriff der hohen Geschwindigkeit von Prozessen mit physikalischer Beschleunigung gleichzusetzen sei nicht richtig (Rosa, 2005, S. 52). Rosa scheint stattdessen zu versuchen den Begriff der sozialen Beschleunigung zu funktionalisieren. Er postuliert, es sei das verbindende Kernelement aller modernen Gesellschaften, dass eine progressive Beschleunigung des sozialen Lebens stattfindet und damit eine Verkürzung von Zeithorizonten einhergeht (Rosa, 2005). Logisch und analytisch unterscheidet er hierbei drei Phänomenbereiche, welche in ihrem Zusammenwirken die Beschleunigungsgesellschaft formen (Rosa, 2020).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die zunehmende Relevanz der Digitalisierung für alle Lebensbereiche und führt die Problemstellung ein, inwiefern die digitale Kluft mit Einsamkeits- und Entfremdungsgefühlen bei älteren Menschen korreliert.
2. Forschungsgegenstand und Methode: Dieses Kapitel definiert das Ziel der Arbeit, den Zusammenhang von Einsamkeit und Digitalisierung mittels der kritischen Theorie nach Hartmut Rosa zu analysieren und die theoretische Grundlage der Untersuchung darzulegen.
3. Hartmut Rosa: Die Arbeit setzt sich mit Rosas Theorie auseinander, wobei die soziale Beschleunigung in ihren drei Kategorien sowie das Konzept der Desynchronisation analysiert werden, um die Auswirkungen auf das Individuum zu verstehen.
4. Einsamkeit im höheren Alter: Hier erfolgt eine Begriffsbestimmung von Einsamkeit unter Berücksichtigung verschiedener Formen wie der kollektiven und existenziellen Einsamkeit sowie die Verknüpfung mit dem technologischen Wandel.
5. Schlussfolgerung und Forschungsausblick: Das Fazit führt die theoretischen Erkenntnisse und empirischen Studien zusammen und identifiziert Digitalisierung als einen wesentlichen Einflussfaktor auf Einsamkeitsgefühle im Alter bei gleichzeitigem Bedarf an weiterführender interdisziplinärer Forschung.
Schlüsselwörter
Digitalisierung, Soziale Beschleunigung, Hartmut Rosa, Einsamkeit, Entfremdung, Desynchronisation, Digitale Kluft, Ältere Menschen, Obsoleszenzerleben, Soziale Teilhabe, Techniknutzung, Modernisierung, Existenzielle Einsamkeit, Kritische Theorie, Lebensqualität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der fortschreitenden Digitalisierung in der Gesellschaft und dem Auftreten von Gefühlen der Einsamkeit und Entfremdung bei Menschen in höherem Alter.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Theorie der sozialen Beschleunigung, der Analyse der digitalen Kluft, dem Obsoleszenzerleben im Alter sowie der Erörterung von Einsamkeit als soziologisches und psychologisches Phänomen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob Entfremdung und Einsamkeit bei älteren Menschen durch das Phänomen der Digitalisierung mitbedingt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin stützt sich auf die theoretischen Grundlagen der kritischen Theorie von Hartmut Rosa und verknüpft diese in einer Literaturanalyse mit aktuellen empirischen Studien zur Techniknutzung im Alter.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Auseinandersetzung mit Rosas Beschleunigungsbegriff, eine definitorische Herleitung der verschiedenen Formen von Einsamkeit sowie eine detaillierte Zusammenführung dieser Ansätze im Kontext der älteren Generation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Untersuchung lässt sich vor allem durch die Begriffe Digitalisierung, Soziale Beschleunigung, Entfremdung, Einsamkeit und Obsoleszenzerleben beschreiben.
Wie unterscheidet sich die "existenziellen Einsamkeit" von anderen Formen?
Im Gegensatz zu sozialer Isolation oder kollektiver Einsamkeit beschreibt die existentielle Einsamkeit ein inneres, auf die menschliche Natur bezogenes Gefühl der Leere, das auch trotz vorhandenen sozialen Netzwerkes bestehen kann.
Was bedeutet das Konzept des "Obsoleszenzerlebens" im Kontext dieser Arbeit?
Obsoleszenzerleben bezeichnet das oft mit dem Altwerden verbundene Gefühl, aufgrund des rasanten gesellschaftlichen und technologischen Wandels mit der Zeit nicht mehr Schritt halten zu können, was zu Entfremdung führt.
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- Bachelor of Arts Kristine Bäcker (Author), 2022, Digitalisierung und soziale Ausgeschlossenheit im höheren Alter, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1341245