In dieser Arbeit soll die Retranslation Hypothese am Beispiel der deutschen Erstübersetzung und letzten Neuübersetzung von "Stolz und Vorurteil" von Jane Austen untersucht werden.
Eine Handvoll Translationswissenschaftler:innen diskutieren das Phänomen der Neuübersetzung und der Umschreibung bzw. Umarbeitung einer bestehenden Übersetzung anhand der sogenannten Retranslation Hypothese. Diese besagt, dass neuere Übersetzungen eher an das Original angepasst sind und nicht mehr, wie seine Vorgänger die empfangene Kultur in fremde ideologische Normen zwängen. Eine Übersetzung wird damals wie heute für ein Zielpublikum geschrieben. Allerdings ist eine kulturelle Hinwendung zur, inzwischen bekannten Kultur zu beobachten, sodass heutige Versionen sich näher am Original orientieren.
Über zwei Jahrhunderte wurde Stolz und Vorurteil insgesamt zwölf Mal ins Deutsche übersetzt, angepasst und umgeschrieben. Bei dem Original von Jane Austen handelt es sich hingegen um ein wahrliches Monument der englischen Literatur. "Pride and Prejudice" wurde über die Jahre wiederholt neu aufgelegt, als Band in einer Reihe von Austens Werken oder als eine überarbeitete Ausgabe mit editorischen Ergänzungen in Form von Zusatzinformationen und Kommentaren oder enthaltenen Essays und Interpretationsansätzen publiziert. Ihr Originaltext wird jedoch nicht angerührt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definitionen und Begriffsabgrenzung
2.1. Einordnung der Retranslation Hypothese
2.2 Berechtigte Kritik
3. Gründe/Motive für Neuübersetzungen
4. Analyse der Erst- und Neuübersetzung von Stolz und Vorurteil
4.1. Versionen und Ausgaben
4.2. Translatorische Annäherung
4.3. Domestizierung des Originals
5. Abschlussdiskussion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die sogenannte Retranslation Hypothese anhand der deutschen Übersetzungsgeschichte von Jane Austens Klassiker "Stolz und Vorurteil". Dabei wird analysiert, inwieweit Neuübersetzungen tatsächlich eine Verbesserung des Ausgangstextes darstellen oder ob wirtschaftliche Motive sowie der Wandel von kulturellen und sprachlichen Normen die primären Beweggründe für Retranslationen sind.
- Wissenschaftliche theoretische Einordnung der Retranslation Hypothese
- Vergleichende Analyse der Erstübersetzung von 1830 mit aktuellen Neuübersetzungen
- Untersuchung von Domestizierung und translatorischer Anpassung
- Reflexion über die Rolle des Übersetzers im Kontext literarischer Neuerscheinungen
- Diskussion über wirtschaftliche vs. qualitative Motive in der Verlagsbranche
Auszug aus dem Buch
2. Definition und Begriffsabgrenzung
Mit der Neuübersetzung wird sprichwörtlich die Büchse der Pandora der Translationswissenschaft geöffnet. Bei Neuübersetzungen handelt es sich nicht nur in der westlichen Kultur um hot topics, wie Wenxun Zhang in seinem umfassenden Beitrag im Education Journal zum Thema der Neuübersetzungsstudien von Pride and Prejudice in der chinesischen Kultur erklärt. In der Translationswissenschaft nimmt die Neuübersetzung eine besondere Stellung ein. Denn diese Disziplin ist nicht nur von internationalem Interesse. Auch die Auslegungen und Herangehensweisen unterscheiden sich in der Umsetzung.
Neuübersetzungen sind als Translate von literarischen Werken definiert, von denen mindestens eine vorangegangene übersetzte Ausarbeitung bereits existiert. Hier stellt sich die Frage, womit das Wort Neuübersetzung assoziiert wird. Bereza befasst sich mit der Begriffsabgrenzung in ihrer Abhandlung zur Neuübersetzung und weist darauf hin, dass das polysemantische Wort neu sowohl Konnotationen temporärer Natur als auch die Form betreffend trägt. Unter anderem empfiehlt der Duden die Verwendung des Wortes, wenn ein Zustand beschrieben wird, der vorher noch nicht dagewesen sei. Des Weiteren diskutiert Bereza den Punkt der Vertrautheit. Neu beschreibt häufig den Zustand des Fremden. Daher wird an dieser Stelle der Vorschlag eingebracht, nicht grundsätzlich auf den Terminus Neuübersetzung zu verzichten, stattdessen jedoch auf den englischen Begriff der Retranslation zurückzugreifen. Durch das Präfix Re als Wortbildungselement werden sowohl Wiederholung als auch Erneuerung gekennzeichnet. In diesem Zusammenhang verweist es lediglich auf ein wiederholtes Vorkommen und zielt nicht auf den Zustand oder auf vorangegangene Übersetzungen ab. Bei einer Retranslation handelt es sich um ein Translat, das mit Berücksichtigung der aktuellen Translationsnormen angefertigt wird - eine erneuerte und wiederholte Übersetzung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einstieg in die Thematik der Retranslation und Vorstellung der zentralen Forschungsfrage anhand von Jane Austens "Stolz und Vorurteil".
2. Definitionen und Begriffsabgrenzung: Theoretische Definition des Begriffes Neuübersetzung und Abgrenzung zum englischen Begriff der Retranslation.
3. Gründe/Motive für Neuübersetzungen: Erörterung der Ursachen für Neuübersetzungen, insbesondere unter dem Aspekt des kulturellen Wandels und veränderter Übersetzungsnormen.
4. Analyse der Erst- und Neuübersetzung von Stolz und Vorurteil: Konkreter Praxisvergleich zwischen verschiedenen deutschen Ausgaben des Romans unter Berücksichtigung von Sprachgebrauch und Treue zum Original.
5. Abschlussdiskussion: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und kritische Reflexion der Retranslation Hypothese.
Schlüsselwörter
Retranslation, Neuübersetzung, Translation, Stolz und Vorurteil, Jane Austen, Domestizierung, Übersetzungsnormen, Kulturtransfer, Literaturübersetzung, Rewriting, Übersetzungsgeschichte, Zielkultur, Ausgangstext, Translat, Sprachwandel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Neuübersetzung, auch Retranslation genannt, anhand der deutschsprachigen Übersetzungsgeschichte des Romans "Stolz und Vorurteil" von Jane Austen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die theoretische Definition von Neuübersetzungen, der Vergleich zwischen Erst- und Neuübersetzung, die Rolle kultureller Domestizierung sowie wirtschaftliche Faktoren im Verlagswesen.
Welches Ziel verfolgt die Autorin mit dieser Arbeit?
Das primäre Ziel ist die Überprüfung der sogenannten Retranslation Hypothese, die besagt, dass Neuübersetzungen tendenziell näher am Original bleiben als frühere Übersetzungen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie einer inhaltlichen und formalen vergleichenden Analyse von ausgewählten Übersetzungen des Romans von 1830 bis 2014.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Definition des Begriffs, der Erörterung von Motiven für Neuübersetzungen und einer detaillierten Analyse spezifischer Textstellen, um translatorische Annäherungen und Anpassungen nachzuweisen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Retranslation, Neuübersetzung, Domestizierung, Übersetzungsnormen sowie Kulturtransfer und literarische Übersetzung.
Warum ist die Unterscheidung zwischen direkter und indirekter Retranslation so wichtig?
Die Arbeit verdeutlicht, dass nur bei einer direkten Retranslation ein neuer Bezug zum Original vorliegt, während indirekte Re-Rewritings lediglich auf vorangegangenen Übersetzungen aufbauen können.
Inwiefern beeinflusst der verlegerische Aspekt die Qualität der Übersetzungen?
Die Autorin stellt fest, dass wirtschaftliche Aspekte, wie die wirtschaftliche Effizienz bei der Publikation von Klassikern, oft die strategische Entscheidung für Neuübersetzungen beeinflussen oder gar behindern.
- Arbeit zitieren
- Kelly Tucker (Autor:in), 2022, Die Retranslation Hypothese als Motiv der Neuübersetzung. Analyse anhand von Jane Austen "Stolz und Vorurteil", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1333568