Im Rahmen dieser Arbeit wird die These vertreten, dass das Phänomen des Finanzmarktkapitalismus eine weitere Stufe in der "Evolution kapitalistischer Produktionsregime“ markiert, auf der es zu einer allmählichen „Entbettung von Finanztransaktionen“ aus dem nationalen Kontext kommt. Was kennzeichnet dieses neue Produktionsregime und wie ist es entstanden? Welche Funktionen erfüllen globale Finanzmärkte innerhalb der modernen Gesellschaft? Welche Akteure und Institutionen bestimmen die Bewegungen auf den weltweiten Kapitalmärkten? Und wie wirkt sich der Bedeutungszuwachs der Finanzmärkte auf der Ebene von Unternehmen und der Gesellschaft aus? Die Arbeit führt den Leser in die Entstehung und Funktionsweise moderner Finanzmärkte ein und macht deutlich, dass sie sich in ihrer Logik nicht auf das medial verbreitete "Prinzip Gier" reduzieren lassen, welches vor dem Hintergrund der aktuellen Finanzkrise nicht selten als Erklärungsansatz zu Rate gezogen wird. Moderne Finanzmärkte müssen vielmehr als ein komplexes soziales System verstanden werden, das sich kontinuierlich aus jenen Elementen reproduziert, aus denen es besteht, und dessen Akteure von einer systemimmanenten und sich selbst verstärkenden Logik erfasst werden, der sie sich nicht entziehen können.
Am Beispiel des Niedergangs des organisierten Kapitalismus in Deutschland (Auflösung der Deutschland AG) wird zunächst gezeigt, dass sich auch in dem typisch deutschen Fall einer „koordinierten Ökonomie“ innerhalb der letzten Jahrzehnte bedeutsame Veränderungen im Bereich der politischen Ökonomie und der Unternehmensführung sowie der Unternehmenskontrolle in Richtung einer stärkeren Finanzmarktorientierung vollzogen haben. Anschließend wird die besondere institutionelle Konfiguration des Finanzmarktkapitalismus analysiert. Dabei wird unter anderem die Rolle von institutionellen Investoren, die Funktion des Marktes für Unternehmenskontrolle und die zunehmende aktionärsorientierte Unternehmenspolitik (shareholder value) in den Unternehmensvorständen von Bedeutung sein. Im Anschluss daran sollen die möglichen Folgewirkungen einer „Herrschaft der Finanzmärkte“ auf der Ebene von Unternehmen und der Gesellschaft kritisch untersucht werden. An dieser Stelle wird vor allem zu hinterfragen sein, inwiefern der Finanzmarktkapitalismus dem Anspruch des nachhaltigen Wirtschaftens gerecht werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Verschiedene kapitalistische Varianten – ein Grundmuster
1.1 Charakteristika einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung
1.2 Organisierter Kapitalismus oder koordinierte Ökonomie? – Über die Wahl eines adäquaten Begriffsapparats
2. Das Konzept des organisierten Kapitalismus
2.1 Deutschland als paradigmatischer Fall einer organisierten Ökonomie
2.2 Auflösungstendenzen des deutschen Unternehmensnetzwerks
3. Auf dem Weg zum Finanzmarktkapitalismus
3.1 Über die Globalisierung internationaler Finanzbeziehungen
3.2 Triebkräfte bei der Entbettung von Finanzmärkten aus dem nationalen Kontext
3.3 Verschärfte Konkurrenz als systemisches Merkmal des Finanzmarktkapitalismus
3.4 Die Funktionsweise der Aktienmärkte
3.5 Zentrale Akteure und Institutionen des Finanzmarktkapitalismus
4. Profitmaximierung – Eine neue Unternehmensstrategie und ihre Folgen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Übergang vom organisierten Kapitalismus zum Finanzmarktkapitalismus am Beispiel Deutschlands und analysiert die dabei wirksamen institutionellen Veränderungen sowie deren Folgewirkungen auf Unternehmen und Gesellschaft.
- Wandel kapitalistischer Produktionsregime
- Niedergang des deutschen Unternehmensnetzwerks (Deutschland AG)
- Rolle institutioneller Investoren und Finanzmärkte
- Transfermechanismen der Finanzialisierung
- Folgen für Unternehmenskontrolle, Innovation und soziale Ungleichheit
Auszug aus dem Buch
3.4 Die Funktionsweise der Aktienmärkte
Aus systemtheoretischer Sicht handelt es sich bei den Finanzmärkten um ein Produkt zunehmender Arbeitsteilung und Ausdifferenzierung in der modernen Ökonomie (25). Finanzmärkte entwickeln sich zu einem selbstreferentiellen und autopoetischen (sozialen) System, das ausschließlich seiner eigenen operativen Logik folgt. Komplexe autopoietische Systeme reproduzieren sich in ihrer Einheit, ihren Strukturen und Elementen kontinuierlich und in einem operativ geschlossenen Prozess mit Hilfe der Elemente, aus denen sie bestehen.
In ihrer Tiefenstruktur der Selbststeuerung sind sie geschlossen, unabhängig und unbeeinflussbar von ihrer Umwelt. In Bezug auf die Aufnahme von Energie und Information sind soziale Systeme hingegen (umwelt-)offen. Man hat es an dieser Stelle also mit dem Paradoxon zu tun, dass partielle Geschlossenheit Umweltoffenheit erst ermöglicht (zum Konzept der Autopoiese vgl. Willke 2006: 62ff.). Für die Finanzmärkte wird im Zuge ihrer funktionalen Ausdifferenzierung die sogenannte Realökonomie zu ihrer Umwelt, von der sie sich weitgehend entkoppeln können.
Während in der Realökonomie Güter und Dienstleistungen produziert und getauscht werden, werden auf den Finanzmärkten Zahlungsversprechen gehandelt. Gütermärkte sind ferner vergangenheitsorientiert, denn ein vergangener Produktionsprozess muss sich am Markt bewähren. Zahlungsversprechen sind hingegen zukunftsorientiert, denn die Aktionäre eines Unternehmens investieren ihr Kapital in der Erwartung, in der Zukunft eine Rendite zu erzielen (vgl. Windolf 2005: 25/26).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Verschiedene kapitalistische Varianten – ein Grundmuster: Dieses Kapitel definiert Kapitalismus als privat-dezentrales Wirtschaftssystem und diskutiert verschiedene wissenschaftliche Klassifikationsansätze zur historischen und regionalen Differenzierung kapitalistischer Ordnungen.
2. Das Konzept des organisierten Kapitalismus: Hier wird der organisierte Kapitalismus anhand seiner vier zentralen Triebkräfte erläutert und Deutschland bis in die 1980er Jahre als paradigmatischer Fall dieser Ökonomie analysiert, bevor erste Erosionstendenzen des Netzwerks beschrieben werden.
3. Auf dem Weg zum Finanzmarktkapitalismus: Dieses Kapitel untersucht die Entbettung der Finanzmärkte aus nationalen Kontexten, die Rolle globaler Akteure wie Investmentfonds und die Etablierung des Finanzmarktkapitalismus als neues Produktionsregime mit eigenem systemischem Konkurrenzdruck.
4. Profitmaximierung – Eine neue Unternehmensstrategie und ihre Folgen: Das letzte Kapitel analysiert den Einfluss der Shareholder-Value-Ideologie auf unternehmerische Innovationen und kritisiert die zunehmende soziale Ungleichheit sowie die problematische Abhängigkeit von Finanzmarktlogiken.
Schlüsselwörter
Finanzmarktkapitalismus, organisierter Kapitalismus, Deutschland AG, Shareholder Value, Investmentfonds, Finanzialisierung, Unternehmenskontrolle, Systemtheorie, Markt für Unternehmenskontrolle, Kapitalisierung, Rating-Agenturen, Arbeitsmarkt, soziale Ungleichheit, Wirtschaftssoziologie, Globalisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den historischen und strukturellen Wandel von einem organisierten, koordinierten Kapitalismus hin zu einem modernen Finanzmarktkapitalismus, insbesondere unter dem Fokus der deutschen Wirtschaftsstruktur.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder umfassen die Rolle von Banken und institutionellen Investoren, den Niedergang traditioneller Unternehmensnetzwerke sowie die Auswirkungen der Finanzialisierung auf Unternehmensstrategien.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Genese des Finanzmarktkapitalismus als neue Stufe kapitalistischer Produktionsregime zu kennzeichnen und zu verstehen, wie Finanzmärkte ihre Logik auf Unternehmen übertragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit wirtschaftssoziologischen und systemtheoretischen Konzepten, unter Einbeziehung empirischer Befunde zur Unternehmensführung und zu Finanzmarktakteuren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden der Niedergang der "Deutschland AG", die Funktionsweise globaler Aktienmärkte, der Aufstieg institutioneller Investoren und die systemischen Auswirkungen auf Innovationskraft und soziale Ungleichheit diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie Finanzmarktkapitalismus, Shareholder Value, Kapitalisierung, Investmentfonds und die Transformation von Unsicherheit in Risiko charakterisiert.
Was genau bedeutet der Begriff "Entbettung" in diesem Kontext?
Entbettung beschreibt den Prozess, in dem Finanzmärkte sich zunehmend von nationalen sozialen Bindungen, politischen Interventionen und langfristigen Kreditbeziehungen lösen und ihrer eigenen operativen Logik folgen.
Welches Paradoxon beschreiben die Autoren im Zusammenhang mit den Finanzmärkten?
Es wird auf das Paradoxon hingewiesen, dass Finanzmärkte zwar den Anspruch haben, Unsicherheit in berechenbares Risiko zu transformieren, dies aber faktisch nur fiktiv leisten können, da zukünftige Produktionsprozesse hochkomplex und kontingent sind.
Warum spielt die sogenannte "Exit-Option" für Investmentfonds eine so große Rolle?
Die Exit-Option ist ein wirksames Druckmittel: Durch die Drohung, Anteile schnell zu verkaufen, zwingen die Fonds das Management börsennotierter Unternehmen zur kurzfristigen Profitmaximierung und zur Orientierung an shareholder-value-Prinzipien.
Wie bewertet der Autor den Einfluss von Aktienoptionen auf das Management?
Aktienoptionen werden kritisch als "bonding instrument" betrachtet, das zwar die Interessen von Managern und Aktionären koppeln soll, tatsächlich aber vor allem Opportunismus fördert und die Loyalität der Manager zu ihrem Unternehmen untergräbt.
- Quote paper
- Björn Peinemann (Author), 2009, Finanzmarktkapitalismus in Deutschland (?) , Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/133302