„Bis dass der Tod euch scheidet“ – diese Frage wird Paaren, die heiraten, während des Ehegelübdes gestellt und mit „Ja“ beantwortet. Das Gelübde auf Ewigkeit verliert aber für immer mehr Paare in den 2000er Jahren an Bedeutung: Viele Menschen leben ohne Trauschein zusammen, beinahe jede zweite Ehe wurde im Jahr 2005 geschieden (Statistisches Bundesamt Deutschland 2021).
Gleichzeitig ist zu beobachten, dass die Erwerbstätigkeit der Frauen gestiegen ist (Statistisches Bundesamt Deutschland 2020). Es lässt sich vermuten, dass diese Veränderung mit den sinkenden Eheschließungen zusammenhängen.
Hieraus lässt sich die Fragestellung ableiten: Führen die veränderten Erwartungen an die Frau hinsichtlich der Erwerbstätigkeit zu einer Deinstitutionalisierung der Ehe?
Verglichen werden jeweils die beiden Zeiträume um die 1960er und 2000er Jahre. Die Wahl des Zeitraumes begründet sich darin, dass zwischen 1960 und den 2000er Jahren einige gewaltige Veränderungen die Gesellschaft neu geprägt haben, wie zum Beispiel neue Sozialgesetze, das Anstreben von Gleichberechtigung und mehr.
Eine mögliche These lautet daher: Die starken gesellschaftlichen Veränderungen hinsichtlich der Gleichberechtigung der Geschlechter, die die Gesellschaft und damit auch die Frau in den Jahren nach 1960 stark geprägt haben, haben dazu geführt, dass sie unabhängiger von ihrem Ehemann geworden ist.
Dadurch, dass sie nun vermehrt ihre eigenen Interessen verfolgen kann, haben sich auch die Erwartungen an die Frau verändert: sie übernimmt nun nicht mehr nur die Rolle als Ehefrau, Mutter und Hausfrau, sondern auch die, der eigenständigen Arbeitnehmerin. Durch die zusätzliche Rolle, die die Frau unabhängiger macht, kann man möglicherweise schlussfolgern, dass sich die Bedeutung der Ehe dadurch verringert und eine Deinstitutionalisierung stattgefunden hat.
Um die aufgestellte These anhand einer Analyse zu bestätigen, soll im Folgenden der Begriff der Institutionalisierung nach Berger und Luckmann erläutert werden, anhand dessen dann die These begründet wird. Am Ende stellt das Ergebnis dar, dass sich die Anfangs genannte These bestätigen lässt, der Faktor der gestiegenen Erwerbstätigkeit der Frau jedoch nicht der einzige kausale Grund einer Deinstitutionalisierung der Ehe ist.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Hauptteil I
Hauptteil II
Hauptteil III
Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob die veränderten gesellschaftlichen Erwartungen an die Frau im Hinblick auf deren Erwerbstätigkeit zu einer Deinstitutionalisierung der Ehe geführt haben, indem sie die sozialen Strukturen der 1960er Jahre mit denen der 2000er Jahre vergleicht.
- Historischer Vergleich des Stellenwerts der Ehe zwischen 1960 und 2000
- Analyse des Wandels der Frauenrolle und deren Erwerbsbiografien
- Theoretische Fundierung durch den Institutionalisierungsbegriff nach Berger und Luckmann
- Zusammenhang zwischen zunehmender Unabhängigkeit der Frau und sinkender Ehestabilität
- Bedeutungswandel der Familie und Auswirkungen sozioökonomischer Faktoren
Auszug aus dem Buch
Hauptteil II
Nachdem nun die Erwartungen an die Rollen der Frau zu diesen beiden Zeitpunkten beleuchtet worden sind, wird der Begriff der (De-)Institutionalisierung nach Berger und Luckmann erläutert und mit der These verbunden.
Nach Berger und Luckmann (2013: 58f.) gehen Habitualisierungsprozesse, also Handlungen die regelmäßig wiederholt werden und damit Kraft und Zeit einsparen, da sie dem Individuum Entscheidungen abnehmen, jeder Institutionalisierung voraus: „Institutionalisierung findet statt, sobald habitualisierte Handlungen durch Typen von Handelnden reziprok typisiert werden“ (Berger/Luckmann 2013: 58).
In Bezug auf die Ehe sähe dies beispielhaft wie folgt aus: indem ein Individuum eine Verhaltensweise des Typus X (Eheschließung) zeigt, wird dieses von anderen Individuen als ein Akteur des Typus X (Eheschließende*r) beschrieben. Somit wird das Individuum einer bestimmten „Akte“ durch seine Handlungen zugeordnet. Im Anschluss entwickeln alle verschiedenen Typen bestimmte Verhaltensweisen, Regeln, Normen etc. nach denen sie typisiert handeln. Typisierungen kommen also im Laufe von gemeinsamen, wechselseitigen Handlungen zustande: Die eine Person weiß, was eine andere Person in einer Handlung, in dem Fall die Handlung der Eheschließung macht. Typisierungen können demnach nicht plötzlich entstehen und dadurch, dass jeder weiß, was der/diejenige in seiner/ihrer Rolle zu tun hat, wird Ordnung erreicht (vgl. ebd. : 58ff.).
Institutionen sind Allgemeingut, die für alle Mitglieder dieser gesellschaftlichen Gruppe erreichbar sind. Außerdem halten diese Institutionen durch ihr bloßes Vorhandensein menschliches Verhalten unter Kontrolle und errichten Sanktionen, wenn die Erwartungen an den Handelnden nicht erfüllt werden (vgl. ebd. : 58).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung des Themas und der Forschungsfrage bezüglich des Zusammenhangs zwischen erwerbstätigen Frauen und der Deinstitutionalisierung der Ehe.
Hauptteil I: Darstellung statistischer Daten zu Eheschließungen und Scheidungen sowie eine Untersuchung der Entwicklung der Frauenbildung und Erwerbstätigkeit über die Jahrzehnte.
Hauptteil II: theoretische Herleitung der Deinstitutionalisierung durch Erläuterung der Begriffe Habitualisierung, Typisierung und Institution nach Berger und Luckmann.
Hauptteil III: Analyse des gesellschaftlichen Wertewandels, insbesondere des Bedeutungsverlusts der Ehe zugunsten anderer Lebensentwürfe und einer individualistischen Lebenseinstellung.
Fazit: Bestätigung der Hypothese, dass die Emanzipation der Frau zur Deinstitutionalisierung der Ehe beiträgt, jedoch betont als einer von mehreren Einflussfaktoren.
Schlüsselwörter
Deinstitutionalisierung, Ehe, Erwerbstätigkeit, Frau, Gesellschaft, Wandel, Habitualisierung, Typisierung, Rollenbild, Institutionalisierung, Emanzipation, Scheidungsrate, Wissenssoziologie, Sozialstruktur, Modernisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem sozialen Wandel der Ehe und untersucht, welchen Einfluss die gestiegene Erwerbstätigkeit sowie die veränderten Erwartungen an die Frau auf die Stabilität der Institution Ehe haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind der Vergleich gesellschaftlicher Normen in den 1960er und 2000er Jahren, Geschlechterrollen, Bildungswege von Frauen sowie soziologische Theoriebildungen zur Institutionalisierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu belegen, ob und warum sich die Ehe in den vergangenen Jahrzehnten deinstitutionalisiert hat, wobei speziell die zunehmende finanzielle Unabhängigkeit der Frau als Erklärung herangezogen wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse basierend auf statistischen Daten sowie die theoretische Fundierung durch klassische soziologische Begriffe, insbesondere nach Berger und Luckmann.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Bestandsaufnahme der demografischen Daten, die theoretische Definition von Institutionen, Typisierungsprozessen und die Untersuchung von gesellschaftlichen Wandlungsprozessen wie Emanzipation und Individualisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Deinstitutionalisierung, Ehe, Erwerbstätigkeit der Frau, Institutionalisierungsprozesse, gesellschaftlicher Wandel und Emanzipation.
Inwiefern hat sich die Wahrnehmung der Ehe laut der Quellen seit den 1960er Jahren verändert?
Die Arbeit führt aus, dass die Ehe im Vergleich zu früher heute eine von vielen Lebensformen darstellt. Sie hat durch steigende Scheidungsraten und alternative Lebensgemeinschaften massiv an exklusivem Bedeutungsanspruch verloren.
Warum reicht laut Autorin die Erwerbstätigkeit der Frau als alleinige Erklärung nicht aus?
Obwohl die Erwerbstätigkeit einen wesentlichen Faktor zur Unabhängigkeit der Frau darstellt, verweist die Arbeit auf komplexere sozioökonomische Faktoren wie den Kulturwandel hin zu einer stärkeren Individualisierung und den veränderten ökonomischen Nutzen von Kindern in modernen Gesellschaften.
- Arbeit zitieren
- Lisa Wegel (Autor:in), 2022, Führen die veränderten Erwartungen an die Frau hinsichtlich der Erwerbstätigkeit zu einer Deinstitutionalisierung der Ehe?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1326229