Diese Arbeit soll ihren Fokus auf die besondere Realisierung der typischen Märchenmerkmale nach Stefan Neuhaus in Novalis‘ Binnenmärchen ‚Hyazinth und Rosenblüte‘ aus dem Roman ‚Die Lehrlinge zu Sais‘ legen. Um dieses Vorhaben zu realisieren, wird im Folgenden eine kriteriengeleitete Analyse des bereits genannten frühromantischen Kunstmärchens durchgeführt, die zeigen soll, dass jenes Märchen zum Teil erhebliche Abwandlungen vom Idealtypus des Volksmärchens aufweist. Anhand dieser Ergebnisse soll eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit dem geschichtsphilosophischen triadischen Entwicklungsprozess, den Novalis zentral in seinem Kunstmärchen verortet, durchgeführt werden. Schließlich soll anhand dieses triadischen Aufbaus gezeigt werden, wieso es schwierig ist, diesem Märchen eine ausschließlich ‚naive Moral‘ zuzusprechen und durch den vorliegenden fragmentarischen, geschichtsphilosophischen Ansatz eher eine Transzendentalpoesie forciert wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Analyse der Märchenmerkmale
2.1. Das Wunderbare und seine Modifikation
2.2. Namenslosigkeit und ihre Funktion
2.3. Die grenzüberschreitende Reise des Helden
3. Triadischer Entwicklungsprozess und Transzendentalpoesie
3.1. Das dreistufige Modell der Geschichtsphilosophie
3.2. Psychologisierung und Zielsetzung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die spezifische Realisierung klassischer Märchenmerkmale in Novalis' Binnenmärchen ‚Hyazinth und Rosenblüte‘ und setzt diese in Bezug zu dessen geschichtsphilosophischen triadischen Entwicklungsprozess.
- Analyse der Abweichungen vom Idealtypus des Volksmärchens
- Untersuchung der triadischen Struktur der Geschichte
- Deutung der transzendentalen Ebene durch das Kunstmärchen
- Interpretation der Rolle des Dichters als „Seher der Zukunft“
- Vergleich der Psychologisierung der Figuren mit traditionellen Märchenstrukturen
Auszug aus dem Buch
Der Dichter zwischen Poesie und Prophetie im Kunstmärchen ‚Hyazinth und Rosenblüte‘
Das Märchen beginnt mit dem „blutjungen“ (Novalis 1978/1802, S. 214) Hyazinth, der im Binnenmärchen eher als ein introvertierter, naturnaher Jüngling beschrieben wird (vgl. ebd.). Während die anderen Kinder miteinander spielten, suchte der junge Märchenheld lieber die „Höhlen und Wälder“ (ebd.), denn dort „sprach er immer fort mit Thieren und Vögeln, mit Bäumen und Felsen“.
Genauso wie im Volks- oder in den grimmschen Kinder- und Hausmärchen wird hier somit das vermeintlich nicht-hinterfragbare Wunderbare realisiert, dennoch gibt es in diesem Merkmal gravierende Unterschiede zwischen den genannten Märchentypen. Im Kunstmärchen, das nach Kremer „als eigenständige Arbeit mit einem namentlich festgelegten Autor verbunden wird“ (Kremer 2017, S. 188), ist das Wunder differenziert angelegt und baue sich im Laufe der Handlung kontinuierlich auf, um schlussendlich auf seine „geheime Bedeutung“ (Mayer/Tismar 2003, S. 67) hinzuweisen.
Im hier thematisierten Märchen von Hyazinth und Rosenblüte, wird beispielsweise die wunderbare Kommunikation des Helden mit den Tieren durch Kommentare des intradiegetisch-heterodiegetischen Erzählers der Rahmenhandlung nivelliert. Durch wertende Beträge wie der Charakterisierung der Konversationen zwischen Hyazinth und der Natur als „närrisches Zeug“ oder den Zusatz, dass der Anblick des Jungen in Auseinandersetzung mit den Tieren und Pflanzen „zum Todlachen“ sei, wird das Märchenmerkmal des nicht-hinterfragbaren Wunderbaren deutlich modifiziert (vgl. Neuhaus 2017, S.3ff.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hier wird der theoretische Rahmen gesteckt, indem die kriteriengeleitete Analyse von Märchenmerkmalen im Kontext von Novalis' Binnenmärchen als Ziel definiert wird.
2. Analyse der Märchenmerkmale: In diesem Kapitel werden spezifische Elemente wie das Wunderbare, die Namenslosigkeit und die Heldenreise auf ihre Modifizierung gegenüber dem Volksmärchen untersucht.
3. Triadischer Entwicklungsprozess und Transzendentalpoesie: Der Hauptteil erläutert die geschichtsphilosophische Grundfigur der Romantik und wie durch die Psychologisierung der Figuren eine Transzendentalpoesie erzeugt wird.
Schlüsselwörter
Novalis, Kunstmärchen, Hyazinth und Rosenblüte, Frühromantik, Volksmärchen, Märchenmerkmale, Transzendentalpoesie, triadischer Entwicklungsprozess, Geschichtsphilosophie, Namenslosigkeit, Psychologisierung, Die Lehrlinge zu Sais, Wunderbares, Dichter, Heilige Göttin Isis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Struktur und die Märchenmerkmale in Novalis' Binnenmärchen ‚Hyazinth und Rosenblüte‘ aus dem Roman ‚Die Lehrlinge zu Sais‘.
Welche zentralen Themenfelder behandelt der Text?
Im Fokus stehen die Abweichungen vom klassischen Volksmärchen, die frühromantische Geschichtsphilosophie und die Rolle des Dichters.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Novalis durch die poetische Bearbeitung von Märchenmerkmalen sein triadisches Geschichtskonzept in einer transzendentalen Ebene verknüpft.
Welche methodische Vorgehensweise liegt dieser Arbeit zugrunde?
Die Autorin verwendet eine kriteriengeleitete Analyse von Märchenmerkmalen unter Einbezug literaturwissenschaftlicher Fachliteratur.
Was ist der Kerninhalt des Hauptteils?
Der Hauptteil befasst sich mit der detaillierten Untersuchung des triadischen Entwicklungsprozesses (Urzustand, Entfremdung, goldenes Zeitalter) und dessen Spiegelung im literarischen Heldenweg Hyazinths.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Text am besten charakterisieren?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Transzendentalpoesie, Triadik, Kunstmärchen, Romantik und Novalis definiert.
Wie unterscheidet sich das ‚Wunderbare‘ in diesem Kunstmärchen vom klassischen Volksmärchen?
Im vorgestellten Kunstmärchen wird das Wunderbare nicht als unhinterfragt hingenommen, sondern durch erzählerische Kommentare und psychologische Tiefe differenziert und modifiziert.
Welche Bedeutung kommt der Traumsequenz des Protagonisten zu?
Der Traum dient Hyazinth als notwendiges Medium, um das Innerste des Helden zu erreichen und die transzendentale Erkenntnis über die Wiederherstellung der göttlichen Ordnung zu erlangen.
- Arbeit zitieren
- Philipp Wandelt (Autor:in), 2023, Der Dichter zwischen Poesie und Prophetie im Kunstmärchen "Hyazinth und Rosenblüte", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1319545