Wie bestimmt Gottsched, der einflussreiche frühaufklärerische Poetologe und Dichter, theoretische Gestalt und praktische Wirkung der Tragödie? Diese Arbeit versucht, die wirkungsästhetischen Grundzüge der Gottschedschen Poetologie, besonders im Hinblick auf die Tragödie, herauszuarbeiten. Dabei wird zunächst das Wesen der Dichtung bzw. das Verhältnis von Dichtung und Wirklichkeit untersucht.
Im nächsten Schritt werden die Grundbegriffe von Gottscheds Tragödientheorie bestimmt, denn gerade die Tragödie hat für Gottsched eine herausgehobene Stellung innerhalb der Poesie.
Anschließend werden verschiedene Konzeptionen des tragischen Helden, das Bewunderungskonzept und das Fehlerkonzept, analysiert. Damit hängt aufs Engste das Wirkungskonzept des Trauerspiels zusammen, das um die aristotelischen Begriffe eleos, phobos und katharsis kreist. Wo es hilfreich und notwendig ist, werden zentrale Stellen der Poetik des Aristoteles miteinbezogen.
Abschließend wird auf die weitreichende wirkungsästhetische Dimension eingegangen, denn Theater und Trauerspiel wird im poetologischen System Gottscheds eine moralisch-didaktische Funktion zugeschrieben, die zur Stabilisierung eines politisch-sozialen Gemeinwesens, aber auch zur individuellen Versittlichung des Menschen beitragen soll.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Die Grundbegriffe von Gottscheds Tragödientheorie
1. Wesensbestimmung der Dichtung / Verhältnis von Dichtung und Wirklichkeit
2. Die Klassifizierung der Fabel
3. Der Handlungsaufbau der Tragödie
4. Die Konzeption des tragischen Helden
4.1. Das Fehlerkonzept
4.2. Das Bewunderungskonzept
III Das Wirkungskonzept der Tragödie
1. eleos, phobos und katharsis bei Aristoteles
2. Die tragischen Wirkungskategorien bei Gottsched
IV Die Dimension der Wirkungsästhetik
V Literatur
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit skizziert die wirkungsästhetischen Grundzüge der Gottschedschen Poetologie, insbesondere im Hinblick auf das Trauerspiel, und analysiert deren moralisch-didaktische Funktion zur Versittlichung des Menschen. Dabei wird untersucht, wie Gottsched antike und klassizistische Konzepte in sein aufklärerisches System integriert.
- Analyse der zentralen Grundbegriffe der Gottschedschen Tragödientheorie.
- Untersuchung der beiden tragischen Heldenkonzepte: Fehler- und Bewunderungskonzept.
- Rekonstruktion des Wirkungskonzepts unter Einbezug von Mitleid, Schrecken und Verwunderung.
- Beleuchtung der moralisch-didaktischen Funktion des Theaters als "moralische Anstalt".
- Diskussion des Einflusses der Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie auf Gottscheds Poetik.
Auszug aus dem Buch
4.2. Das Bewunderungskonzept
Gottsched entwickelt ein zweites Heldenmodell, das man als Bewunderungskonzept bezeichnen könnte. Es steht in enger Verbindung mit der Ständeklausel, der Forderung, dass das Dramenpersonal der Tragödie vor allem aus den höchsten sozialen Schichten stammen sollte. Hatte Aristoteles im Rahmen seiner Heldentypologie lediglich angemerkt, dass die (mittleren) Helden der Tragödie „großes Ansehen und Glück genießen, wie Ödipus und Thyestes und andere hervorragende Männer aus derartigen Geschlechtern“, so wird dieser Hinweis seit den Dramen der tragédie classique zum Dogma erhoben. Im Zusammenhang mit einer Unterscheidung von Tragödie und Komödie führt Gottsched in der Critischen Dichtkunst aus:
Die Tragödie ist von der Komödie nur in der besonderen Absicht unterschieden, daß sie anstatt des Gelächters die Verwunderung, das Schrecken und Mitleiden zu erwecken suchet. Daher pflegt sie sich lauter vornehmer Personen zu bedienen, die durch ihren Stand, Namen und Aufzug mehr in die Augen fallen und durch große Laster und traurige Unglücks-Fälle solche heftige Gemüts-Bewegungen erwecken können.
Die Ständeklausel begründet Gottsched hier wirkungsästhetisch: Ein sozial hoch stehender Held besitzt eine große Fallhöhe, und diese garantiert eine überzeugendere Wirkung durch größere Emotionalität des Zuschauers; außerdem erscheint das Unglück von Königen, Fürsten und anderen Personen aus der Spitze der Ständepyramide durch die schiere Größe ausweglos.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Lessings Kritik an Gottscheds Theaterreform wird als Ausgangspunkt genutzt, um Gottscheds Rolle als einflussreicher, aber umstrittener Theoretiker der Frühaufklärung einzuführen.
II Die Grundbegriffe von Gottscheds Tragödientheorie: Dieses Kapitel erläutert Gottscheds rationalistische Poetik, seine Mimesistheorie und die zentralen Anforderungen an Fabel, Handlungsaufbau und die Konzeption des Helden.
III Das Wirkungskonzept der Tragödie: Hier wird die aristotelische Lehre von Affekten (eleos, phobos, katharsis) analysiert und Gottscheds spezifische Umdeutung bzw. Erweiterung durch die Kategorie der Bewunderung untersucht.
IV Die Dimension der Wirkungsästhetik: Die abschließenden Ausführungen betonen die didaktische Zielsetzung des Theaters als "moralische Anstalt", die durch die Regulierung der Affekte zur sittlichen Besserung der Zuschauer beitragen soll.
V Literatur: Dieses Verzeichnis listet die für die Arbeit herangezogene Primär- und Sekundärliteratur auf.
Schlüsselwörter
Gottsched, Critische Dichtkunst, Tragödientheorie, Wirkungsästhetik, Aufklärung, Fabel, Wahrscheinlichkeit, Katharsis, moralische Anstalt, tragischer Held, Fehlerkonzept, Bewunderungskonzept, Mitleid, Schrecken, Ständeklausel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Tragödientheorie Johann Christoph Gottscheds, insbesondere mit seinem Werk "Critische Dichtkunst", und analysiert, wie er ästhetische Normen für das Theater der deutschen Frühaufklärung definierte.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die theoretische Begründung der Tragödie, das Verständnis von Nachahmung (Mimesis), die moralische Didaktik des Theaters sowie das Zusammenspiel von Emotionen und vernünftiger Erziehung beim Zuschauer.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Fragestellung?
Das Ziel ist die Rekonstruktion der wirkungsästhetischen Grundzüge Gottscheds und die Beantwortung der Frage, wie durch das Trauerspiel als "moralische Anstalt" eine sittliche Besserung des Publikums erreicht werden soll.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit nutzt eine systematische literaturwissenschaftliche Analyse, die Gottscheds theoretische Schriften (insb. "Critische Dichtkunst" und "Schauspielrede") mit den aristotelischen Grundlagen und der zeitgenössischen philosophischen Tradition (Leibniz-Wolff) in Beziehung setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Gottscheds Anforderungen an Fabel, Handlung und Helden (Fehler- vs. Bewunderungskonzept) und beleuchtet detailliert seine Interpretation der tragischen Wirkungsaffekte Mitleid, Schrecken und Verwunderung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Neben dem zentralen Akteur Gottsched sind Begriffe wie Wirkungsästhetik, moralische Anstalt, Katharsis, Wahrscheinlichkeit und das Spannungsfeld zwischen aristotelischer Poetik und frühaufklärerischem Moralismus entscheidend.
Warum ist die Unterscheidung zwischen dem "Fehlerkonzept" und dem "Bewunderungskonzept" für Gottsched so wichtig?
Gottsched versucht, zwei verschiedene Wirkungsabsichten zu vereinen: Einerseits die Identifikation mit einem menschlich-mittleren Helden (Fehlerkonzept), andererseits die moralische Vorbildfunktion hochstehender Persönlichkeiten (Bewunderungskonzept), wobei beide Modelle unterschiedliche Funktionen zur Versittlichung des Zuschauers erfüllen sollen.
Wie verändert Gottsched das aristotelische Verständnis von "Katharsis"?
Gottsched interpretiert die Katharsis nicht nur rein psychologisch oder medizinisch, sondern ordnet sie seinem moralischen Programm unter. Für ihn dient die Reinigung der Leidenschaften der Mäßigung, damit die Vernunft das Handeln des Individuums nach sittlichen Normen bestimmen kann.
- Arbeit zitieren
- Roman Shahriari (Autor:in), 2004, Gottsched und die Wirkung der Tragödie, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/129671