In Kapitel 2 wird der Begriff der geistigen Behinderung umrissen. Ebenso werden Schwierigkeiten aufgezeigt, die sich im Zusammenhang mit seiner Definition ergeben. Es schließt sich die Beschreibung von wissenschaftlichen Definitionsansätzen an, welche sich auf unterschiedliche Weise dem Phänomen »geistige Behinderung« nähern. Darauf bezugnehmend wird der Wandel, welcher sich in den Sichtweisen zu geistiger Behinderung vollzieht, dargestellt. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der geistigen Behinderung beschließt dieses Kapitel.
Kapitel 3 wird mit der Definition des Wortes »Wohnen« begonnen. Nachfolgend wird die psychologische Bedeutsamkeit des Wohnens erläutert. Aspekte der Wohnqualität verdeutlichen dann den Zusammenhang von Wohnqualität und Lebensqualität. In Abgrenzung zum Wohnen im allgemeinen wird das Wohnen speziell in Verbindung mit geistiger Behinderung aufgezeigt. Ein historischer Abriß über die Unterbringung und das Wohnen von Menschen mit geistiger Behinderung seit der Neuzeit leitet von der Zeit der Anstaltsgründungen bis zu gegenwärtigen Wohnformen für Menschen mit geistiger Behinderung über.
Ein Rückblick in die Geschichte der Umsetzung verschiedener Denkmodelle über geistige Behinderung ab 1933 eröffnet Kapitel 4. Zentraler Gegenstand dieses Kapitels ist dann die Schilderung des Normalisierungsprinzips in seiner Entstehung und weiteren Ausformulierung.
Das Paradigma der Selbstbestimmung ist Gegenstand von Kapitel 5.
Kapitel 6 verbindet die Kapitel 3, 4 und 5. Ausgewählte Wohnformen für Menschen mit geistiger Behinderung werden unter dem Aspekt von Normalisierung und Selbstbestimmung betrachtet, wobei Wohnbedürfnisse zur Beurteilung hinzugezogen werden. Der Schwerpunkt dabei soll auf dem Normalisierungsprinzip als Grundvoraussetzung für ein normalisiertes und integriertes Leben von Menschen mit geistiger Behinderung liegen. Während drei Formen des Wohnens vorwiegend anhand von Literatur dargestellt werden, erfolgt die Betrachtung der vierten im Rahmen einer eigenen Beobachtungsstudie. Diese fällt im Vergleich zu den übrigen etwas umfangreicher aus.
Kapitel 7 beinhaltet eine Interpretation und Reflexion der insbesondere in Kapitel 6 gewonnenen Ergebnisse.
Kapitel 8 bildet das Fazit der Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Gegenstand und Motivation
1.2 Struktur der Arbeit
2 Geistige Behinderung
2.1 Begriff
2.2 Schwierigkeiten einer Definition
2.2.1 Medizinisch-biologischer Ansatz
2.2.1.1 Pränatal entstandene Formen
2.2.1.2 Perinatal entstandene Formen
2.2.1.3 Postnatal entstandene Formen
2.2.2 Psychologischer Ansatz
2.2.3 Soziologischer Ansatz
2.2.4 Pädagogischer Ansatz
2.3 Veränderte Sichtweisen
2.4 Kritik am Begriff »geistige Behinderung«
2.5 Zusammenfassung
3 Das Wohnen
3.1 Definition
3.2 Die psychologische Bedeutsamkeit des Wohnens
3.2.1 Lebensqualität durch Wohnqualität
3.2.1.1 Gestaltung des Wohnraums
3.2.1.2 Wohnzufriedenheit
3.2.1.3 Ortsidentität - Heimat
3.3 Wohnen und geistige Behinderung
3.3.1 Historie der Unterbringung und des Wohnens von Menschen mit geistiger Behinderung in der Neuzeit
3.3.1.1 Von der Zeit der Anstaltsgründungen im 19. Jahrhundert bis 1945
3.3.1.2 Wohnformen nach 1945
3.3.2 Gegenwärtige Wohnformen für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung
3.3.2.1 Geschlossene Wohnformen
3.3.2.2 Offene Wohnformen
3.3.2.4 Situation, Zahlen und Verteilung
3.4 Zusammenfassung
4 Das Normalisierungsprinzip
4.1 Geschichte der Umsetzung verschiedener Denkmodelle über geistige Behinderung
4.1.1 Ideologie der Nationalsozialisten: 1933 - 1945
4.1.2 Nachkriegszeit bis 1960er Jahre: Leitidee der Verwahrung
4.1.3 1960er bis Mitte 1990er Jahre: Leitidee der Förderung und beginnender Normalisierung
4.1.4 Anfang 1990er Jahre: Leitidee der Selbstbestimmung
4.2 Entstehung des Normalisierungsprinzips
4.2.1 Die Anfänge des Normalisierungsprinzips
4.2.2 Der Normalisierungsgedanke bei BANK-MIKKELSEN
4.2.3 Der Normalisierungsgedanke bei NIRJE
4.3 Strukturierung durch WOLFENSBERGER
4.4 Rezeption des Normalisierungsprinzips in Deutschland
4.5 Zusammenfassung
5 Das Paradigma der Selbstbestimmung
5.1 Das Verständnis von Selbstbestimmung
5.2 Selbstbestimmung von Menschen mit geistiger Behinderung
5.2.1 Die Anfänge der Selbstbestimmung
5.2.1.1 Die Independent-Living-Bewegung
5.2.1.2 Self-Advocacy-Bewegung
5.2.2 Konzepte zur Rolle des Helfenden
5.2.2.1 Empowerment
5.2.2.2 Das Assistenzkonzept
5.3 Zusammenfassung
6 Normalisierte Wohnformen für Menschen mit geistiger Behinderung?
6.1 Formen der Unterbringung und des Wohnens unter dem Normalisierungsaspekt
6.1.1 Psychiatrische Einrichtungen
6.1.2 Anstalten
6.1.3 Familie
6.1.4 Ambulant betreutes Wohnen
6.2 Gruppengegliedertes Wohnen im Wohnhaus: Eine Beobachtungsstudie
6.3 Zusammenfassung
7 Interpretation und Reflexion der Ergebnisse
8 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wohnsituation erwachsener Menschen mit geistiger Behinderung vor dem Hintergrund der beiden Leitkonzepte des Normalisierungsprinzips und der Selbstbestimmung. Ziel ist es, die Qualität bestehender Wohnformen kritisch zu bewerten und der Frage nachzugehen, inwieweit diese den Menschen eine selbstbestimmte Lebensführung und Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen.
- Kritische Analyse des Begriffs "geistige Behinderung" und seiner gesellschaftlichen Auswirkungen.
- Untersuchung der historischen Entwicklung von Unterbringungsformen für Menschen mit geistiger Behinderung.
- Darstellung und theoretische Fundierung des Normalisierungsprinzips und des Paradigmas der Selbstbestimmung.
- Evaluation verschiedener Wohnkonzepte (von stationären Anstalten bis zu ambulant betreuten Wohnformen).
- Reflexion der Rolle des Helfenden und der Bedeutung von Empowerment und Assistenzkonzepten.
Auszug aus dem Buch
Die psychologische Bedeutsamkeit des Wohnens
Mit Wohnen im oben beschriebenen Sinne eng verbunden ist das Grundbedürfnis des Menschen, einen „ruhenden und ordnenden Eigenbereich“ zu haben. Dieser Ort bietet Sicherheit und Vertrautheit, ein hohes Maß an Selbstbestimmung und die Möglichkeit, ihn und das Leben darin nach eigenen Maßstäben zu gestalten. Man kann sich in ihn zurückziehen, zur Ruhe kommen und ihn als Abwechslung oder Kompensation zu anderen Lebensbereichen erfahren. Der Wohnbereich wird zum Ort autonomen Verfügenkönnens, zum Raum für Selbstentfaltung und zum Symbol für eigene Identität. Dies scheint besonders wichtig, da diese Selbstentfaltung in anderen Bereichen wie dem der Arbeit oder des gesellschaftlichen Lebens durch Normen recht begrenzt ist.
Ähnliches läßt sich bei THESING nachlesen. Demnach wird Raum aktiv angenommen, also durch Bearbeiten geschaffen. Der Raum bedeutet dadurch für den Menschen Anforderung und Tätigsein.
Der Wohnbereich kann die Lebensqualität und das Wohlbefinden von Personen in hohem Maße beeinflussen. In dem Zusammenhang spielen verschiedene Faktoren und Prozesse eine Rolle, welche die Wohnqualität bestimmen. Entscheidend dabei sind nicht allein objektive Kriterien, sondern ist primär die Art und Weise, wie die Wohnumwelt vom einzelnen Bewohner wahrgenommen wird und dem von außen entsprochen werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Versorgungslage erwachsener Menschen mit geistiger Behinderung in Deutschland und legt das Motiv sowie die Struktur der Untersuchung dar.
2 Geistige Behinderung: Dieses Kapitel erläutert den Begriff der geistigen Behinderung aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven und kritisiert die stigmatisierende Wirkung des Begriffs.
3 Das Wohnen: Es wird die psychologische Bedeutung des Wohnens für das menschliche Wohlbefinden definiert und die historische Entwicklung der Unterbringung von Menschen mit geistiger Behinderung bis zur Gegenwart nachgezeichnet.
4 Das Normalisierungsprinzip: Das Kapitel behandelt die Entstehung und Entwicklung des Normalisierungsgedankens als zentrales Paradigma der Behindertenpädagogik und seine Rezeption in Deutschland.
5 Das Paradigma der Selbstbestimmung: Hier wird der Leitgedanke der Selbstbestimmung als Ergänzung zum Normalisierungsprinzip eingeführt und Konzepte wie Empowerment und Assistenz zur Veränderung der Rolle des Helfenden vorgestellt.
6 Normalisierte Wohnformen für Menschen mit geistiger Behinderung?: Dieses Kapitel bewertet verschiedene Wohnformen unter den Aspekten von Normalisierung und Selbstbestimmung, inklusive einer eigenen Beobachtungsstudie zu gruppengegliedertem Wohnen.
7 Interpretation und Reflexion der Ergebnisse: Die gewonnenen Erkenntnisse über die Wohnformen werden reflektiert und kritisch in den Kontext der Realisierung von Normalisierung und Selbstbestimmung gestellt.
8 Fazit: Das Fazit fasst die theoretischen und empirischen Ergebnisse zusammen und unterstreicht die Notwendigkeit, den Prozeß der Enthospitalisierung und den Ausbau gemeindenaher Wohnformen weiter voranzutreiben.
Schlüsselwörter
Normalisierungsprinzip, Selbstbestimmung, geistige Behinderung, Wohnformen, Lebensqualität, Integration, Empowerment, Assistenzkonzept, Behindertenhilfe, stationäre Einrichtungen, ambulant betreutes Wohnen, Fremdbestimmung, soziale Abhängigkeit, Erwachsensein.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wohnsituation erwachsener Menschen mit geistiger Behinderung und analysiert, inwiefern aktuelle Wohnformen den Anforderungen einer selbstbestimmten Lebensführung und Inklusion entsprechen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Fundierung des Normalisierungsprinzips und des Konzepts der Selbstbestimmung sowie deren praktische Umsetzung in unterschiedlichen Wohn- und Betreuungsmodellen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Lebensbedingungen in verschiedenen Wohnformen kritisch zu beleuchten und zu hinterfragen, ob diese den Rechten behinderter Menschen auf Souveränität und Teilhabe gerecht werden.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Neben einer umfassenden Literaturanalyse zur historischen und theoretischen Einordnung der Thematik beinhaltet die Arbeit eine eigene empirische Beobachtungsstudie zu gruppengegliederten Wohnformen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Diskussion über Behinderung und Wohnen, die Analyse der Leitbilder Normalisierung und Selbstbestimmung sowie die konkrete Untersuchung und Bewertung verschiedener Wohnkonzepte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Normalisierung, Selbstbestimmung, geistige Behinderung, Empowerment und Enthospitalisierung charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Arbeit von rein theoretischen Abhandlungen?
Durch die Integration einer eigenen Beobachtungsstudie (Kapitel 6) bezieht die Arbeit die Lebensrealität von Bewohnern in Wohnhäusern der Lebenshilfe aktiv mit ein und reflektiert diese direkt an den theoretischen Leitbildern.
Warum ist das Thema heute noch von hoher Relevanz?
Trotz zahlreicher Reformen besteht laut Autorin weiterhin ein Mangel an angemessenen Wohnplätzen und eine Tendenz zur institutionellen Fremdbestimmung, weshalb die Forderung nach echter Inklusion aktuell bleibt.
- Arbeit zitieren
- Friederike Jung (Autor:in), 2005, Wohnen erwachsener Menschen mit geistiger Behinderung unter dem Aspekt des Normalisierungsprinzips und der Selbstbestimmung, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/129381