Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, als Spezialfall von Protestbewegungen in der Systemtheorie nach Niklas Luhmann. Es wird die Frage beantwortet, ob sich die Ausführungen Niklas Luhmanns auf die Frauenbewegung übertragen lassen und diese damit anhand der Theorie erklärt werden kann. Dabei wurde vor allem die Fragestellung des Codes sozialer Bewegung betrachtet und Unstimmigkeiten bezüglich der von Luhmann aufgestellten Codierung der Frauenbewegung festgestellt. Nach eingehender Erörterung des Aufsatzes von Niklas Luhmann „Frauen Männer und George Spencer Brown“ aus dem Jahr 1988 kommt diese Arbeit zu dem Ergebnis, dass die Forderungen der neuen Frauenbewegung nicht mit den Anforderungen der funktionalen Differenzierung neuer sozialer Systeme vereinbar sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Zur Fragestellung
2. Systemtheorie und Protestbewegung
2.1. Funktionen sozialer Bewegungen
2.2. Arbeitsweise sozialer Bewegungen
2.3. Motivation der sozialen Bewegungen
2.4. Protest und strukturelle Kopplung
3. Frauenbewegung
3.1. Ziele und Forderungen
3.2. Theoretischer Ansatz von Sabine Wesely
3.3. Frauenbewegung und Gender Studies
4. Luhmann, die Frauen und George Spencer Brown
4.1. Unterscheidung und Asymmetrie
4.2. Die Logik der Unterscheidung in Systemen mit funktionaler Differenzierung
4.3. Die Problematik des ausgeschlossenen Dritten
4.4. Der kritische Betrachtung zum Code der Frauenbewegung
5. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die neue Frauenbewegung der 1970er Jahre unter Anwendung der systemtheoretischen Konzepte von Niklas Luhmann, um zu klären, ob deren Forderungen mit der funktionalen Differenzierung moderner Gesellschaftssysteme vereinbar sind oder ob systemtheoretische Widersprüche bestehen.
- Grundlagen der Systemtheorie und Charakterisierung von Protestbewegungen
- Die Entwicklung und Zielsetzungen der neuen Frauenbewegung in Deutschland
- Analyse der Codierung von Protestbewegungen nach dem Schema von George Spencer Brown
- Die Problematik der Leitdifferenz "Mann/Frau" im Kontext funktional differenzierter Systeme
- Kritische Reflexion der Vereinbarkeit von feministischen Anliegen und Luhmanns Systemtheorie
Auszug aus dem Buch
4.1. Unterscheidung und Asymmetrie
Das grundlegende Problem der Frauenforschung liegt in der mangelnden methodisch kontrollierten, theoretisch und empirisch unzureichenden Ausdifferenzierung der Fragestellung. Damit fehlt der Forschung die logische Grundlage, in der zunächst einmal die Frage nach dem "Warum" beantwortet werden sollte. Warum wollen die Frauen Gleichberechtigung?
Vor diesem Hintergrund schlägt Luhmann für die Untersuchung eine Herangehensweise über die Unterscheidungstheorie von Georg Spencer Brown vor. Demnach soll zunächst die Differenz von Mann und Frau durch die Frauenforschung zugrunde gelegt werden, damit die Theoriemöglichkeiten auf der Grundlage dieser Differenz gefasst werden kann (Luhmann 1988: 109). Das bedeutet nichts anderes als, dass durch das Treffen einer Unterscheidung darüber was männlich und was weiblich ist, (Spencer Brown fordert "draw a distinction") eine genaue Beobachtung ermöglicht werden soll, Unterschiedliches zu bezeichnen. Auf diese Art und Weise findet eine Einführung in eine Form statt, welche nun die Grundlage für eine ordentliche Argumentation im Sinne des Codes und des Programms in der sozialen Bewegung darstellen kann.
Mit dem Code folgt die Asymmetrie und daraus die Hierarchie, wodurch Gleichstellung von vornherein schon ausgeschlossen werden kann. Dennoch liegt die Lösung nicht darin, die Unterscheidung aufzugeben, da die anatomische Differenzierung der Geschlechter nun mal gegeben und es damit unlogisch, die daraus folgende Unterscheidung auf sozialer und kultureller Ebene zu vernachlässigen, „denn damit wäre die Ordnung der Situation der Logik übergeordnet“ (Luhmann 1988: 112).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zur Fragestellung: Einführung in die Systemtheorie Niklas Luhmanns und Darlegung der zentralen Forschungsfrage bezüglich der Einordnung der Frauenbewegung als Protestbewegung.
2. Systemtheorie und Protestbewegung: Erläuterung der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft und der Rolle von Protestbewegungen als Akteure in der Peripherie.
3. Frauenbewegung: Darstellung der historischen Ziele der Frauenbewegung, der theoretischen Ansätze nach Sabine Wesely sowie der Abgrenzung zwischen Frauenforschung und Gender Studies.
4. Luhmann, die Frauen und George Spencer Brown: Kritische Analyse der feministischen Leitdifferenz "Mann/Frau" anhand der Unterscheidungstheorie von George Spencer Brown und der Problematik des "ausgeschlossenen Dritten".
5. Schlussfolgerung: Synthese der Ergebnisse, wonach die Forderungen der Frauenbewegung aufgrund ihrer spezifischen Codierung nicht nahtlos in die funktionale Differenzierung der Luhmannschen Systemtheorie passen.
Schlüsselwörter
Systemtheorie, Niklas Luhmann, Protestbewegung, Frauenbewegung, funktionale Differenzierung, Gender Studies, George Spencer Brown, Leitdifferenz, ausgeschlossener Dritter, soziale Differenzierung, Feminismus, Selbstverwirklichung, Codierung, Gesellschaftsstruktur, Reflexion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Hausarbeit?
Die Arbeit analysiert die neue Frauenbewegung der 1970er Jahre unter der systemtheoretischen Perspektive von Niklas Luhmann.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen die Definition von Protestbewegungen, die Ziele der Frauenbewegung sowie die systemtheoretische Untersuchung der Codierung von Geschlechterdifferenzen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu prüfen, ob die Forderungen der Frauenbewegung mit Luhmanns Modell der funktionalen Differenzierung kompatibel sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse und Anwendung von Luhmanns zentralen Aufsätzen zur Systemtheorie und Protestbewegungen, ergänzt durch Konzepte von George Spencer Brown.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition von Protesten, die historische und theoretische Einordnung der Frauenbewegung sowie die kritische systemtheoretische Dekonstruktion der Leitdifferenz Mann/Frau.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Systemtheorie, Protestbewegung, Frauenbewegung, funktionale Differenzierung, Geschlechterdifferenz und Gender Studies sind die prägenden Begriffe.
Wie bewertet Luhmann laut der Arbeit die Rolle der Frau in der Gesellschaft?
Luhmann betrachtet Geschlechterdifferenzen als eine Leitdifferenz, die jedoch in einer funktional differenzierten Gesellschaft ihre Bedeutung für die Arbeitsaufteilung verliert, was zu theoretischen Spannungen führt.
Warum kommt die Autorin zu dem Ergebnis, dass feministische Forderungen "nicht passen"?
Die Arbeit argumentiert, dass die starre Codierung der Frauenbewegung (Mann/Frau) keine Komplexitätsreduktion im Sinne Luhmanns zulässt und den "ausgeschlossenen Dritten" nicht adäquat integriert.
- Arbeit zitieren
- Claudia Denecke (Autor:in), 2009, Protestbewegung in der Systemtheorie von Niklas Luhmann, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/129367