Guy de Maupassants "L’auberge" aus dem 19. Jahrhundert dient als paradigmatisches Werk zur Veranschaulichung der Struktur des Topos, da durch die Entfaltung räumlicher Relationen ein semantisch verflochtenes System konstruiert wird, in welchem seine Figuren platziert werden. Eingebettet in ebendieses System erlauben linguistische Zeichen oppositionelle Beziehungen und Räume zu schaffen, die sich in der ergiebigen Kulisse der Schweizer Alpen als funktionelle Bühne wiederfinden.
Vor diesem Hintergrund soll zunächst nach der unvoreingenommenen Betrachtung des Werkes und seiner grundlegenden Thematiken die Untersuchung der topologischen Raumstruktur in "L’auberge" aufgezeigt werden, gefolgt von der Einführung und Anwendung der Termini "Ereignis" und "Grenze" nach Lotman, welche, sofern vonnöten sind, als dass sie dem Konzept des Sujetaufbaus zugrunde liegen. Anschließend bietet sich die Auseinandersetzung mit der Frage an, inwiefern die Figuren der Erzählung, jene Figuren sich innerhalb semantischer Räume bewegen an, um schließlich das Element der Grenzüberschreitung spezifischer zu betrachten und diesem in "L’auberge" aufzuspüren. Daran anknüpfend wird an dieser Stelle außerdem eine Klassifizierung des Textes im Sinne Lotmans vorgenommen. Schließlich erfolgt eine Lösung von der Grenzüberschreitung aus räumlicher Sicht hin zu jener bezüglich des semantischen Feldes von Vernunft und Wahnsinn, welche die Annäherung an das Thema der Grenzüberschreitung aus einer anderen Perspektive zulässt. Zu guter Letzt erfolgt eine abschließende autobiographische Kontextualisierung des Werkes "L’auberge" mit Fokus auf dem Element des Wahnsinns.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1. L’auberge
2. Die literarische Sujet-Struktur nach Lotman
2. Die topologische Raumstruktur in L’auberge
3. Die Bedeutung und konzeptionelle Einordnung der Termini Grenze und Ereignis/Sujet
5. Grenzüberschreitungen – L’auberge als revolutionärer Text ?
8. Das literarische Element des Wahnsinn
8. Wahnsinn als nicht topologische Grenzüberschreitung
8. Autobiographische Bedeutung des literarischen Elementes des Wahnsinns bei Guy de Maupassant
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Novelle „L’auberge“ von Guy de Maupassant unter Anwendung des strukturalistisch-semiotischen Raummodells von Juri Lotman. Ziel ist es, die räumliche und semantische Struktur des Werkes zu analysieren, um zu klären, ob es sich um einen revolutionären oder einen restitutiven Text handelt.
- Analyse der topologischen Raumstruktur und ihrer Bedeutungsebenen
- Untersuchung der Termini „Grenze“ und „Sujet“ bzw. „Ereignis“ nach Lotman
- Identifikation von Grenzüberschreitungen im Kontext der Erzählung
- Diskussion des Wahnsinns als form von Grenzüberschreitung
- Autobiographische Kontextualisierung des Wahnsinns bei Guy de Maupassant
Auszug aus dem Buch
Grenzüberschreitungen – L’auberge als revolutionärer Text ?
Da die topographische Kulisse, in welche die Figuren platziert werden, in L’auberge auffällig umfangreich und zahlreich angereichert ist, ist es zunächst sinnvoll, schematisch von groß nach klein zu dimensionieren, um einen spezifischeren Überblick über die für die Handlung signifikanten Örtlichkeiten zu erhalten. So kann man die Schweiz als limitierende Lokalität, bzw. Umriss für den gesamten Handlungsraum festlegen, welcher sich dann im Detail auf genau die relevanten Räume aufteilt, in welchen sich die Geschichte konkret abspielt. Hier greift Lotmans Modell der Raumsemantik, indem sich grob das Tal und der Berg als zentral voneinander gesonderte, bedeutungstragende Topologien identifizieren lassen, welchen die semantischen Untermengen von sécurité vs danger zuteilwerden.
Les deux hommes et la bête demeurent jusqu’au printemps dans cette prison de neige, n’ayant devant les yeux que la pente immense et blanche du Balmhorn, entourés de sommets pâles et luisants, enfermés, bloqués, ensevelis sous la neige qui monte autour d’eux, enveloppe, étreint, écrase la petite maison, s’amoncelle sur le toit, atteint les fenêtres et mure la porte.
An Metaphern wie prison de neige oder Attributen wie enfermé und bloqué ist klar zu erkennen, dass von Anfang bezüglich des Berges als topologischer Raum kein neutrales Bild geschaffen, sondern eine subjektiv negativ codierte Semantik aufgebaut wird. Lediglich die Gemmipassage verbindet die gefährliche Bergspitze von dem im Winter sicheren und bewohnten Tal, wobei ab dem Moment des Wintereintritts, welcher den ersten Schneefall mit sich bringt, sukzessiv durch diesen, nach Lotman, zwei disjunkte Teilräume entstehen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung stellt die Fragestellung und Forschungsweise der Arbeit vor, die L’auberge mittels Lotmans Modell der Raumsemantik untersucht.
L’auberge: Dieses Kapitel führt in die Novelle ein, erläutert den Schauplatz in den Schweizer Alpen und skizziert die Handlung um Gaspard Hari und Ulrich Kunsi.
Die literarische Sujet-Struktur nach Lotman: Hier wird kurz die theoretische Grundlage von Juri Lotman zur Struktur literarischer Texte vorgestellt.
Die topologische Raumstruktur in L’auberge: Dieses Kapitel widmet sich der Bedeutung des literarischen Raums und der Oppositionen, die den Text semantisch strukturieren.
Die Bedeutung und konzeptionelle Einordnung der Termini Grenze und Ereignis/Sujet: Hier werden die zentralen Fachbegriffe Lotmans definiert und ihre narrative Funktion im Modell erläutert.
Grenzüberschreitungen – L’auberge als revolutionärer Text ?: Dieses Kapitel analysiert das Werk auf das Vorliegen von Grenzüberschreitungen und bewertet den revolutionären bzw. restitutiven Charakter.
Das literarische Element des Wahnsinn: Hier wird die Relevanz des Wahnsinns als semantisches Feld im Werk herausgestellt.
Wahnsinn als nicht topologische Grenzüberschreitung: Dieses Kapitel untersucht, ob Wahnsinn jenseits topologischer Grenzen als Ereignis im Lotmanschen Sinne verstanden werden kann.
Autobiographische Bedeutung des literarischen Elementes des Wahnsinns bei Guy de Maupassant: Dieses Kapitel stellt Bezüge zwischen der Biografie des Autors, insbesondere seiner Syphilis-Erkrankung, und der Darstellung des Wahnsinns in der Novelle her.
Schlüsselwörter
L’auberge, Guy de Maupassant, Juri Lotman, Raumsemantik, Sujet, Grenze, Grenzüberschreitung, Wahnsinn, Topologie, Semantik, Opposition, Literaturwissenschaft, strukturalistische Analyse, Erzähltheorie, Autobiographie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Novelle „L’auberge“ von Guy de Maupassant unter Rückgriff auf das strukturalistisch-semiotische Raummodell von Juri Lotman.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse räumlicher Strukturen, semantischer Oppositionen (wie Vernunft vs. Wahnsinn oder Sicherheit vs. Gefahr), dem Konzept der Grenzüberschreitung und dem Sujetbegriff.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu unterscheiden, ob das Werk als „revolutionärer“ oder „restitutiver“ Text eingestuft werden kann, basierend auf der Fähigkeit der Figuren, bestehende semantische Grenzen zu überwinden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung folgt dem strukturalistischen Ansatz von Juri Lotman, wobei literarische Räume als Abbildungen der Welt mit Bedeutungssystemen modelliert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen (Lotman), die Analyse der geografischen und mentalen Räume in „L’auberge“ sowie deren autobiographische Kontextualisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Raumsemantik, Sujet, Grenze, Grenzüberschreitung, Wahnsinn, Opposition und strukturalistische Literaturwissenschaft.
Inwiefern beeinflusst der Wahnsinn die Interpretation der Novelle?
Der Wahnsinn wird als semantische Grenze interpretiert, deren Überschreitung den Sujetaufbau der Novelle maßgeblich bestimmt und das Scheitern des Protagonisten Ulrich Kunsi markiert.
Gibt es einen autobiographischen Bezug zum Werk?
Ja, die Arbeit verknüpft die physische und psychische Verschlechterung des Autors durch Syphilis mit der Darstellung von Halluzinationen und Isolation im Werk.
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- Juliane Schnelle (Author), 2022, Die Semantisierung des Raumes in Guy de Maupassants "L’auberge", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1288561