Dieses Essay handelt von den Fiskalbedingungen und folgt der Fragestellung, welche Schritte notwendig wären, um den Leistungsansprüchen der Kinder, Jugendlichen und deren Familien gerecht zu werden. Es geht um die Erarbeitung einer Idee einer möglichen "Neuen neuen Steuerung". Dahingehend werde ich die aktuellen Strukturen reflexiv betrachten und meine Haltung mit Fakten überprüfen und erweitern. Dazu zählt auch aktuell Gelingendes aufzugreifen und einzubeziehen, jedoch ebenso Hinderndes aufzuzeigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Zur Einführung – Ausgangssituation
2. Das ökonomisch-kapitalistische Prinzip in der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe
3. New Public Management – Neue Steuerung
4. Ökonomischer Zwang vs. Leistungsanspruch
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den zunehmenden ökonomischen Druck in der Kinder- und Jugendhilfe, der durch die Einführung von New Public Management und kapitalistische Steuerungsprinzipien in der öffentlichen Verwaltung entsteht. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich dabei mit der Frage, wie trotz dieser fiskalpolitischen Zwänge den Leistungsansprüchen von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien gerecht werden kann, ohne den professionellen Kern der Sozialen Arbeit zu gefährden.
- Die Auswirkungen des ökonomisch-kapitalistischen Prinzips auf die Jugendhilfe.
- Die Implementierung von New Public Management und die Folgen für die pädagogische Praxis.
- Der Zielkonflikt zwischen fiskalischem Spardiktat und dem rechtlichen Anspruch auf Förderung nach SGB VIII.
- Möglichkeiten einer reflexiven Neuausrichtung der Sozialen Arbeit zwischen Effizienz und bedarfsgerechter Unterstützung.
Auszug aus dem Buch
Zur Einführung – Ausgangssituation
Seit nunmehr sechs Monaten arbeite ich als Sozialarbeiter im Regionalen Sozialpädagogischen Dienst Marzahn-Mitte des Jugendamtes Marzahn-Hellersdorf. Das Amt, das die Aufgabe hat sicherzustellen, dass das Recht von jungen Menschen „auf Entwicklung und auf Erziehung zu [...] eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit[en]“ (§ 1 SGB VIII) verwirklicht wird. Was ist jedoch, wenn der Bedarf eines einzelnen Kindes so hoch ist, dass derart intensive Hilfen notwendig wären, um das Recht des Kindes sicherzustellen? Steht das Recht des Kindes in der Hierarchie unter dem Spardiktat? Dazu ein Beispiel:
Ein zwölfjähriges Mädchen musste bereits zwei Wohngruppen verlassen, weil sie den Bedarfen des Kindes nicht mehr gerecht werden konnten. Es kam täglich zu körperlichen und verbalen Angriffen sowohl gegenüber den anderen Kindern als auch gegenüber den Pädagog/innen. Das Mädchen hat eine diagnostizierte reaktive Bindungsstörung des Kindesalters, eine hyperkinetische Störung sowie einen Gesamt-IQ von 117. Derzeit wird nach einer geeigneten Wohngruppe geschaut, aber was bedeutet in diesem Zusammenhang geeignet?
Das Mädchen benötigt eine verlässliche und stabile Person, in einem sehr kleinen Gruppensetting, da sonst die Gefahr besteht, dass erneut eine Beendigung der Hilfe von Seiten des Trägers stattfindet. Es gibt Wohngruppen, die derartige Hilfen anbieten: ländlicher Raum, max. drei Kolleg/innen, 1:3 Betreuung. Jedoch sind die Kostensätze für diese Unterbringungsformen so horrend (Tagessatz von etwa 400€), dass die Hilfe mit großer Wahrscheinlichkeit nicht bewilligt wird, obwohl sie geeignet und notwendig wäre (vgl. § 27 Abs. 1 SGB VIII).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zur Einführung – Ausgangssituation: Der Autor schildert anhand eines Praxisbeispiels aus dem Jugendamt Marzahn-Hellersdorf den Konflikt zwischen individuellem Hilfebedarf und fiskalischen Spargrenzen.
2. Das ökonomisch-kapitalistische Prinzip in der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe: Dieses Kapitel analysiert die Neoliberalisierung der Verwaltung und die daraus resultierende Verschiebung der Verantwortung auf das Individuum und den Markt.
3. New Public Management – Neue Steuerung: Der Abschnitt betrachtet die Einführung betriebswirtschaftlicher Steuerungsmodelle und deren Auswirkungen auf die pädagogische Beziehungsarbeit durch Standardisierungen und Kontrollmechanismen.
4. Ökonomischer Zwang vs. Leistungsanspruch: Hier wird dargelegt, wie Haushaltszwänge der Kommunen dazu führen, dass stationäre/teure Hilfen reduziert werden, was oft entgegen den Bestimmungen des SGB VIII zu qualitativ unzureichenden Lösungen führt.
5. Fazit: Der Autor resümiert die Notwendigkeit einer Abkehr von rein profitorientierten Strukturen und plädiert für eine Ausrichtung der Jugendhilfe an den tatsächlichen Bedarfen der Klient/innen.
Schlüsselwörter
Soziale Arbeit, Kinder- und Jugendhilfe, New Public Management, Ökonomisierung, SGB VIII, Hilfe zur Erziehung, Spardiktat, Bedarfsdeckung, Neue Steuerung, Fiskalpolitik, Kostendruck, Trägerlandschaft, Professionalisierung, Sozialraumorientierung, Fallverantwortung.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Thema dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert den wachsenden ökonomischen Druck auf die Kinder- und Jugendhilfe und dessen Spannungsfeld zur fachlichen Qualität pädagogischer Arbeit.
Welcher übergeordnete Konflikt wird thematisiert?
Das Hauptproblem ist der Widerspruch zwischen dem gesetzlich verbrieften Rechtsanspruch der Kinder auf Förderung und den begrenzten finanziellen Ressourcen der Kommunen.
Welches Ziel verfolgt der Autor mit dieser Untersuchung?
Ziel ist es, die strukturellen Ursachen für die prekäre Situation in der Jugendhilfe aufzuzeigen und Ansätze für eine gelingendere, bedarfsorientierte Praxis zu formulieren.
Welche steuerungstheoretischen Konzepte werden kritisch betrachtet?
Der Autor hinterfragt primär die Einführung von "New Public Management" sowie Instrumente wie Kontraktmanagement und ökonomische Budgetvorgaben in der Sozialen Arbeit.
Was sind die wichtigsten Erkenntnisse im Hauptteil?
Der Hauptteil belegt, dass ökonomische Steuerungsmechanismen oft zu einer Reduktion von Leistungen führen ("Treppenprinzip") und unvorhersehbare pädagogische Prozesse durch starre Zielvorgaben behindert werden.
Welche Rolle spielt das SMART-System in der Kritik?
Das SMART-System wird als problematisch wahrgenommen, da es zu einer Fixierung auf messbare Ziele führt und die essenzielle, jedoch schwer quantifizierbare pädagogische Beziehungsarbeit verdrängen kann.
Wie bewertet der Autor die Rolle freier Träger im ökonomischen Kontext?
Er fordert, dass öffentliche Aufgaben grundsätzlich nur an gemeinnützige Träger vergeben werden sollten und warnt vor einer Auszahlungslogik an gewinnorientierte Unternehmen.
Welche spezifischen Veränderungen sind im Jugendamt Marzahn-Hellersdorf zu erwarten?
Der Autor berichtet von einer geplanten Umstrukturierung 2021, die darauf abzielt, stationäre Hilfen zentral zu steuern, was der Autor primär als Maßnahme zur Kostenreduktion einstuft.
- Arbeit zitieren
- Paul Friedrich (Autor:in), 2020, Der Kostendruck in der Kinder- und Jugendhilfe. Welche Schritte wären notwendig, um Leistungsansprüchen gerecht zu werden?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1268106