In der Betrachtung des Zustandes der Russischen Demokratie unter dem Präsidenten Vladimir Putin
sind sich (fast) alle einig. Ein Indikator der häufig zu einer negativen Bewertung im Sinne eines
bürgerlich-liberalen Demokratiebegriffs herangezogen wird, ist die mangelnde Freiheit der Menschen
– und insbesondere die Freiheit der Medien. Die eingeschränkte Pluralität, obstruierte Medienarbeit
durch Mechanismen der (Selbst-) Zensur und Instrumentalisierung sind regelmäßig wiederkehrende
Kritikpunkte neben den Schreckensbildern der Journalistenmorde.5Meist wird dabei ein
tiefgreifender Wandel im Vergleich zur Ära seines Vorgängers Boris Jelzin explizit formuliert oder
implizit mitgedacht. Nach einer Liberalisierungsphase unter Gorbatschow und dem Umbruch
1990/1991, habe unter Jelzin zumindest partiell der Konsolidierungsprozess hin zu einer Demokratie
westlichen Typs eingesetzt. Dieser eigentlichen Demokratisierung würde die Putinsche Politik
nun vollkommen entgegenstehen und die Konsolidierung im grauen Bereich verharren. Ohne dieser
Feststellung im Allgemeinen widerlegen zu wollen, kann man formulieren, dass es bereits in der
Ära Jelzin grundlegende Muster der Beziehung zwischen Gesellschaft und Medien und insbesondere
zwischen dem Politischen System und dem System der Massenkommunikation, gab, die den nun
zu Tage tretenden Entwicklungen unter Putin prägend vorausgingen. Diese Annahme voraussetzend
soll in der vorliegenden Arbeit versucht werden das Beziehungsgeflecht von Gesellschaft, Medien
und Politik in der Ära Jelzin – im Sinne von Grundlagenarbeit für ein Verständnis der heutigen Situation
– genauer zu untersuchen. Dabei wird der Transformationsprozess, den die russische Gesellschaft
noch heute durchläuft unter einer systemtheoretischen Perspektive als Ausdifferenzierung
der gesellschaftlichen Teilsysteme verstanden. Der (demokratische) Transformationsprozess wird
nicht so sehr phasenorientiert sondern anhand der Merkmale der Ausdifferenzierung des Funktionssystems
Massenkommunikation in seinem Verhältnis zu Gesellschaft und Politik untersucht. In einem ersten theoretischen Teil (Teil A) werde ich mich mit der Transformationsforschung
allgemein, dem Phasenmodell und notwendigen Erweiterungen auseinandersetzen um sodann
genauer auf vorhandene Ansätze zum Einbezug der Medien in diese Forschungen einzugehen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
A Theoretischer Ansatz
I. Klassische Transformationsforschung
II. Phasen- Modell der Transformationsforschung und notwendige Erweiterungen
III. Rolle der Medien in der Analyse des Transformationsprozesses
IV. Systemtheoretische Einbeziehung der Medientransformation (eigener Ansatz)
IV.1 Systemtheoretische Grundlagen
IV.2 Methodisches Raster zur Analyse des Ausmaßes der Ausdifferenzierung des Mediensystems
B Analyse der Ausdifferenzierung des russischen Mediensystems unter Boris Jelzin
I. Strukturelle Ebene: Gesellschaftliche Entwicklung und Machtstrukturen
II. Rechtliche Ebene
III. Wirtschaftliche Ebene
IV. Funktionale Ebene
IV.1 Herstellung der Öffentlichkeit
IV.1.1 Selbstverständnis der Medien
IV.1.2 Kritik und Kontrollfunktion
IV.1.3 Zensur- und weitere Obstruktionsmechanismen
IV.2 Struktur der Öffentlichkeit
IV.2.1 Strukturen der Medienlandschaft
IV.2.2 Medieninhalte und ihre Entstehung: Spiegel oder Propaganda?
C Zusammenfassung und Vergleich zum „System Putin“
I. Zusammenfassung des Standes der Ausdifferenzierung unter Jelzin
II. Fortsetzung und Veränderung unter Putin
II.1 Strukturelle Ebene
II.2 Wirtschaftliche Ebene und Struktur der Öffentlichkeit
II.3 Rechtliche Ebene
II.4 Struktur der Öffentlichkeit
II.5 Herstellung der Öffentlichkeit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Beziehungsgeflecht von Gesellschaft, Medien und Politik in Russland während der Ära Jelzin, um ein fundamentales Verständnis für die heutige Situation unter Wladimir Putin zu gewinnen. Der Transformationsprozess wird dabei nicht phasenorientiert, sondern systemtheoretisch als Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Teilsysteme analysiert.
- Systemtheoretische Analyse von Transformation und Medien
- Die strukturelle, rechtliche, wirtschaftliche und funktionale Ausdifferenzierung des Mediensystems
- Machtstrukturen und Medieneinfluss in der Ära Jelzin
- Vergleich der Medienentwicklung und -kontrolle unter Jelzin und Putin
Auszug aus dem Buch
IV.1.2 Kritik und Kontrollfunktion
In der Putschzeit mobilisierten die zunehmend selbstbewussten Journalisten das ganze Land. Unterstützung bekamen sie bei der Gewerkschaft der Journalistischen Union. So schlossen zum Beispiel die früher stark konkurrierenden Redaktionen zusammen und gründeten spontan ein gemeinsamen Zeitung Obs`c`aja Gazeta (Gemeinsame Zeitung) und stellten illegal täglich in den Putsch- Tagen 300 000 Stück her. Die Kritikfunktion der Medien wurde zunächst in der Phase der politischen Machtverschiebung gerne gesehen, da vornehmlich die alten Strukturen kritisiert wurden. Bis zum Beginn des ersten Tschetschenienkrieges bestand zwischen der Regierung und den Massenmedien eine gegenseitig unterstützende Beziehung. Der Angst vor der Rückkehr der kommunistischen Partei stärkte sie in ihrer antikommunistische Orientierung.
Es lag in dieser Symbiose-Beziehung aber schon ihr Widerstreit angelegt: Kritik kann sich, wenn sie frei ist, nicht konstant nur auf eine politische Strömung richten. Das friedliche Nebeneinander der Massenmedien und Politik wurde durch den ersten Tschetschenien-Konflikt beendet. In der Phase, in der die Medien über die Institutionalisierung der Kritik- ihre Kontrollfunktion zu realisieren begannen, kam es zum Zwist mit der Politik, die diese Selbstständigkeit nicht akzeptieren wollte. Alle Medien, sowohl staatliche als auch nichtstaatliche Medien lehnten den Tschetschenienkrieg ab. Die „demokratische Werte waren mit einem Bürgerkrieg nicht zu vereinbaren“63. Medien begannen die politische Instanzen durch Kritik auf ihre Fehler hinzuweisen. Als dies keinen Einfluss auf die politischen Entscheidungen brachte, wurde die Kritik verschärft.64 Der Konflikt zwischen Massenmedien und Regierung dauerte zwei Jahre. Dadurch nahm die Popularität des Präsidenten in der Bevölkerung laut Umfragen stark ab. Zu Beginn des Jahres betrug die Beliebtheit des Präsidenten nach Umfragen zwischen 6 und 10 Prozent.65 Die Regierung versuchte, nach sowjetischem Muster die Informationen zu manipulieren66 und verweigerte die Zulassung von unabhängigen Journalisten in den Kriegsgebieten. Die kommerziellen Medien konnten zumindest partiell im Tschetschenienkrieg die Rolle der Kritik- und Kontrollfunktion übernehmen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Problematik der russischen Demokratie und Begründung der systemtheoretischen Untersuchung des Mediensystems in der Ära Jelzin.
A Theoretischer Ansatz: Darstellung der Transformationsforschung sowie Entwicklung eines methodischen Rasters zur Analyse der Ausdifferenzierung des Mediensystems.
B Analyse der Ausdifferenzierung des russischen Mediensystems unter Boris Jelzin: Systematische Untersuchung des Mediensystems auf struktureller, rechtlicher, wirtschaftlicher und funktionaler Ebene während der Amtszeit von Boris Jelzin.
C Zusammenfassung und Vergleich zum „System Putin“: Synthese der Ergebnisse unter Jelzin und Analyse der Fortsetzung bzw. Verschärfung der Medienkontrolle unter Wladimir Putin.
Schlüsselwörter
Russland, Transformationsprozess, Mediensystem, Systemtheorie, Ausdifferenzierung, Boris Jelzin, Wladimir Putin, Medienfreiheit, Zensur, Oligarchen, Öffentlichkeit, Demokratisierung, Massenkommunikation, politische Instrumentalisierung, Transformation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Medien, Politik und Gesellschaft in Russland während der Ära Jelzin aus systemtheoretischer Sicht und setzt diese Ergebnisse in Bezug zur späteren Entwicklung unter Putin.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Transformation von Mediensystemen in post-kommunistischen Staaten, die Ausdifferenzierung von Mediensystemen, der Einfluss politischer und wirtschaftlicher Macht auf die Pressefreiheit sowie die Rolle der Medien als "Vierte Gewalt".
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Grundlagen für das Verständnis der heutigen Medienlandschaft in Russland zu legen, indem man analysiert, wie sich das Beziehungsgeflecht von Politik und Medien unter Jelzin formte und welche Entwicklungen daraus unter Putin hervorgingen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Luhmannsche Systemtheorie als theoretischen Rahmen und wendet ein methodisches Raster an, das in strukturelle, rechtliche, wirtschaftliche und funktionale Analyseebenen unterteilt ist.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die strukturellen Machtkonflikte, rechtliche Rahmenbedingungen, ökonomische Abhängigkeiten (wie die Rolle der Oligarchen) und die funktionale Ausgestaltung der Öffentlichkeit, einschließlich Zensurmechanismen und des journalistischen Selbstverständnisses unter Jelzin.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär durch Begriffe wie Transformationsforschung, Mediensysteme, Systemtheorie, Medienfreiheit, politische Instrumentalisierung und die Ären Jelzin und Putin beschreiben.
Wie unterscheidet sich die Medienkontrolle unter Jelzin von der unter Putin?
Unter Jelzin erfolgte die Mediensteuerung oft informell, über persönliche Verbindungen zu Oligarchen und Lizenzpolitik. Unter Putin hingegen fand eine offizielle, systematische Verstaatlichung und Zentralisierung der Medienanstalten statt, die die Medienfreiheit weiter einschränkte.
Welche Rolle spielten die "Oligarchen" bei der Ausdifferenzierung des Mediensystems?
Die Oligarchen fungierten sowohl als Sponsoren, die das Überleben der Medien sicherten, als auch als Instrumente der Macht, indem sie Medien zur Unterstützung politischer Interessen (insbesondere bei Wahlkämpfen) instrumentalisierten, was wiederum die wirtschaftliche Abhängigkeit der Medien verstärkte.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2007, Die gesellschaftliche Ausdifferenzierung des Mediensystems im russischen Transformationsprozess unter Präsident Jelzin als Grundlage neuerer Entwicklungen unter Putin, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/125940