Wie in vielen anderen Ländern auch sind Frauen und Männer in Israel nicht gleichberechtigt. Für die gleiche Arbeit bekommen Männer ein höheres Gehalt (gender pay gap), haben bessere Aufstiegschancen, mehr Mitbestimmungs- und
Beteiligungsrechte und können mehr soziales Kapital akkumulieren. Diese ungleiche Machtverteilung hängt in Israel eng mit dem Militär zusammen.
Die israelischen Streitkräfte, sowie der für Frauen und Männer obligatorische Militärdienst, stellen aufgrund des kulturellen und historischen Hintergrund Israels eine hohe gesellschaftliche Relevanz dar. Wer nicht in den Streitkräften gedient hat, wird nicht als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt. Da die Israeli Defence Forces (IDF) sowie das Militär generell als eine von männlich-chauvinistischer Ideologie aufgeladene Institution beschrieben werden kann, bestehen in vielerlei Hinsicht Herausforderungen für weibliche Soldaten. Durch die Vorstellung, das Kämpfen als etwas rein „Männliches“ anzusehen, wird den Frauen immer wieder signalisiert, Fremdkörper in der Armee zu sein. Diese Arbeit geht nun aus einer gendertheoretischen Perspektive der folgenden Frage nach: Inwieweit versuchen Frauen in der IDF über Praktiken des Doing und Undoing Gender ihrer strukturellen Benachteiligung gegenüber Männern entgegenzuwirken?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gender
2.1 Doing Gender
2.2 Undoing Gender
3. Die israelische Armee
3.1 Funktionen der weiblichen Soldaten
3.2 Das medial vermittelte Bild der Frauen in der IDF
3.3 „Kämpfen ist Männersache“
4. Doing Gender der Frauen in der IDF
4.1 Imitation des männlichen Habitus
4.2 Ablehnung traditioneller Weiblichkeit
4.3 Bagatellisierung sexueller Belästigung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht aus einer gendertheoretischen Perspektive, inwieweit Frauen in den israelischen Streitkräften (IDF) durch Praktiken des „Doing Gender“ und „Undoing Gender“ versuchen, ihrer strukturellen Benachteiligung im Vergleich zu Männern entgegenzuwirken und alternative Identitäten zu entwickeln.
- Soziologische Grundlagen von „Doing Gender“ und „Undoing Gender“
- Die gesellschaftliche und historische Rolle des Militärs in Israel
- Mediale Repräsentation von Soldatinnen und die militärische Erziehung
- Identitätsstrategien von Frauen in der IDF
- Analyse der Machtverhältnisse und Reproduktion von Geschlechterrollen
Auszug aus dem Buch
4.1 Imitation des männlichen Habitus
Viele Soldatinnen berichten in den Interviews von einer Stärkung ihres Selbstbewusstseins und Selbstvertrauens und das Erleben eines „Empowerments“ durch den Militärdienst. Sie erreichen dies, indem sie eine alternative Genderidentität kreieren, die typisch männliche und typisch weibliche Verhaltensweisen kombiniert. Zum Teil behalten sie die ihr anerzogenen weiblichen Eigenschaften bei, imitieren zugleich aber auch Praktiken des männlichen Kämpfers. Dies äußert sich vor allem in der Sprechweise. Dazu zählt ein Tieferwerden der Stimmte und eine autoritäre Ausdrucksweise. Eine Soldatin berichtet davon, wie sie ganz unbemerkt sich den männlich-militärischen Habitus aneignete, indem sie „eine schnarrende Stimme bekommen hatte, zotig daher redete und überhaupt aggressiver geworden war“. Erst als ihre Mutter sie darauf anspricht, wurde ihr das bewusst. Ihre Mutter berichtete auch, dass sie nach ihrem Militärdienst wieder „weicher und sensibler“ wurde. Das Beispiel ist in zweierlei Hinsicht interessant. Zum einen veranschaulicht es die unhinterfragte unbewusste Imitation männlichen Verhaltens zur Stärkung der eigenen Position. Zum anderen zeigt es, dass Genderidentitäten Ort und Zeit abhängig hervorgebracht und abgelegt werden können. Die Aneignung der männlichen Verhaltensweisen von Frauen kann als doing gender bezeichnet werden (Sasson-Levy 2003, S. 81–84). Da die Frauen hier allerdings nicht Weiblichkeit, sondern Männlichkeit aufführen, kann auch insofern von undoing gender gesprochen werden, dass die binäre Geschlechterstruktur aufgebrochen und sich eine neue Genderidentität angeeignet wird, die weder weiblich noch männlich ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage bezüglich der Benachteiligung von Frauen in der IDF und der gendertheoretischen Herangehensweise.
2. Gender: Theoretische Begriffsbestimmung der Konzepte „Doing Gender“ und „Undoing Gender“ zur theoretischen Fundierung der Analyse.
3. Die israelische Armee: Historische Einordnung des israelischen Militärdienstes und Darstellung der Rolle der Frau sowie der medialen Konstruktion weiblicher Soldatinnen.
4. Doing Gender der Frauen in der IDF: Detaillierte Untersuchung spezifischer Praktiken wie Habitus-Imitation, Ablehnung von Weiblichkeit und Umgang mit Belästigung.
5. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Ausgangsfrage und Reflexion über die Ambivalenz des Empowerment-Prozesses innerhalb der militärischen Hierarchie.
Schlüsselwörter
Doing Gender, Undoing Gender, Israelische Streitkräfte, IDF, Militärsoziologie, Genderkonstruktion, Männlichkeit, Weiblichkeit, Identitätsstrategien, Empowerment, Geschlechterrollen, Feminismus, Israel, Militäralltag, Machtstrukturen.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Thema der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie weibliche Soldaten in der israelischen Armee (IDF) mit der dort vorherrschenden männlich-chauvinistischen Ideologie umgehen und welche Identitätsstrategien sie nutzen.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Neben der theoretischen Auseinandersetzung mit „Doing“ und „Undoing Gender“ stehen die soziologische Analyse des israelischen Militärs, die mediale Darstellung von Soldatinnen und deren praktische Bewältigungsstrategien im Vordergrund.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist herauszufinden, ob Frauen durch spezifische Genderpraktiken ihre strukturelle Benachteiligung im Militär ausgleichen können und welche Auswirkungen dies auf ihre Identität hat.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine gendertheoretische Perspektive und stützt sich auf die Sekundäranalyse von Interviews, die von Orna Sasson-Levy durchgeführt wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen erläutert, gefolgt von einer Analyse der IDF als Institution und der Identitätsarbeit von Soldatinnen durch Imitation männlicher Verhaltensweisen sowie Distanzierung von traditioneller Weiblichkeit.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Doing Gender, Undoing Gender, Identitätskonstruktion, Militär und israelische Streitkräfte definiert.
Warum wird sexuelle Belästigung trivilialisiert?
Die Soldatinnen trivilialisieren Belästigung oft, um nicht als vermeintliche „Opfer“ wahrgenommen zu werden und ihren Status als professionelle Kämpferinnen, die in das androzentrische System passen, nicht zu gefährden.
Kann das Verhalten als „Undoing Gender“ gelten?
Die Autorin argumentiert ambivalenter: Während die Frauen durch ihre Praktiken bestehende Normen aufbrechen und hinterfragen könnten, führen sie gleichzeitig dazu, dass die männliche Seite der Dichotomie als Norm bestätigt wird.
- Quote paper
- Christian Hübener (Author), 2022, Frauen in den israelischen Streitkräften, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1259079