Dilthey’s Zeitlehre bildet einen Widerspruch gegen die Kantische Zeitanalyse im Namen der traditionellen Zeitauffassungen. Bei der Entwicklung der Zeitlehre von Dilthey spielt auch die Kritik an der wissenschaftlichen Zeitanalyse eine wichtige Rolle. Dilthey setzt die Zeit mit der inneren Erfahrung und damit mit dem Leben in Beziehung. Er hebt den Erlebnischarakter der Zeit statt deren sukzessiven Charakter hervor. In diesem Sinne unterscheidet er die wirkliche Zeit, welche dem Leben zukommt, von der objektiven Zeit. Er ist der Meinung, dass die qualitative Zeit nicht auf die quantitative Zeit zurückzuführen ist. Er lehnt die Transzendentalität der Zeit ab. Die Zeitlichkeit macht für Dilthey die Grundlage der menschlichen Existenz aus. Dilthey will das Reich des geistigen Lebens durch die innere Erfahrung der Zeit begründen. Für Dilthey ist die Zeit am Werden der Natur nicht beteiligt, d.h. sie ist nicht das Prinzip des Werdens und Vergehens. Dilthey unternimmt im Gegensatz zu Kant keine ausführliche Analyse der Zeit.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
I. KAPITEL: Diltheys Zeitlehre
1. Die Bedeutung des Zeitbegriffs in Diltheys Philosophie
2. Zeit als reale Lebenskategorie
3. Zeitdimensionen bei Dilthey
3.1. Gegenwart
3.2. Vergangenheit
3.3. Zukunft
4. Die Unterschiede zwischen den Zeitdimensionen
5. Die Kategorien des Denkens in Bezug auf die Zeit
6. Die Zeitlichkeit des Lebens
6.1. Der Lebensverlauf im Zusammenhang der Zeitlichkeit
6.2. Die Unterscheidung von konkreter Zeit und phänomenaler Zeit (die Zeit des Naturgeschehens)
7. Die Unermesslichkeit der Zeit in Bezug auf die Unterscheidung von realer und objektiver Zeit
II. KAPITEL: Die Zeitlehre von Kant
1. Eine kurze Geschichte der Zeitauffassung vor I. Kant
2. Die Zeitlehre in Kants Dissertation
3. Die Bestimmung der Zeit in der transzendentalen Ästhetik der Kritik der reinen Vernunft
4. Das Zeitproblem in der transzendentalen Analytik
III. KAPITEL: Diltheys Kritik an Kants Zeitlehre
1. Die Bedeutung der Kantischen Philosophie für Dilthey
2. Diltheys Kritik in den Berliner Logik-Vorlesungen der achtziger Jahre
3. Diltheys Kritik an Kants Zeitlehre in Ausarbeitungen und Entwürfen zum zweiten Band der „Einleitung in die Geisteswissenschaften.“
4. Dauer und Veränderung in der Zeit im Zusammenhang der Kritik an der Kantischen Zeitlehre
5. Weitere Kritik Diltheys in Bezug auf die psychischen Akte
SCHLUSSBEMERKUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Wesen der Zeit durch den Vergleich von Wilhelm Diltheys lebensphilosophischer Zeitauffassung mit der erkenntnistheoretischen Zeitlehre Immanuel Kants. Das primäre Ziel ist es, Diltheys Kritik an Kant zu analysieren, um aufzuzeigen, wie Dilthey die Zeit als "reale Lebenskategorie" und als konstitutives Element menschlicher Erfahrung begründet und warum er eine rein physikalische oder formal-apriorische Zeitauffassung als unzureichend ablehnt.
- Diltheys Konzept der gelebten Zeit und der Zeitlichkeit des Lebens.
- Kritische Auseinandersetzung mit Kants Theorie der Zeit als reiner Form der Anschauung.
- Die Differenzierung zwischen konkreter (gelebter) Zeit und phänomenaler (objektiver) Zeit.
- Die Rolle von Bedeutung, Erinnerung und Lebenszusammenhang in der Zeitanalyse.
Auszug aus dem Buch
Die Zeitlichkeit des Lebens
Das Leben ist zeitlich bestimmt. Die Zeitlichkeit ist für Dilthey die erste bestimmende Kategorie des Lebens und grundlegend für alle übrigen Bestimmungen, die Zeitlichkeit enthalten. Das zeigt sich schon in dem Ausdruck „Lebensverlauf“, der die zeitliche Erstreckung des Lebens meint. Die Zeit begleitet die Menschen bis zu ihrem Tod und ist für sie immer da. Sie bildet die zusammenfassende Einheit unseres Bewusstseins. Der Lebensverlauf wird durch die gegenseitigen Wechselwirkungen zwischen dem Mensch und der Natur bestimmt (vgl. VI, 313f.). Das Leben ist aber nicht nur äußerlich, sondern auch von innen her als eine sich zeitlich erstreckende Einheit gegeben, dem die Zeit aber in anderer Weise als dem Naturgeschehen zukommt. Dilthey bestand auf der Unterscheidung der Zeit des Lebens als ‚wirkliche Zeit’ von der Zeit des Naturgeschehens als einer äußerer Form. Für ihn wird die Zeit in den Geisteswissenschaften, in denen die innere Wahrnehmung eine größere Rolle spielt, anders behandelt als in den Naturwissenschaften. Dilthey versucht nun, die Realität durch die innere Wahrnehmung zu begründen, d.h. geisteswissenschaftlich zu fundieren. Während die äußere Wahrnehmung auf die Natur zu zutreffen scheint und mit dem Raum verbunden wurde, hat die innere Wahrnehmung die äußere in sich. Der Mensch ist sich selbst und der Gesellschaft, in der er lebt, nicht als etwas Konstantes, sondern als etwas Zeitliches, Vergängliches, Veränderliches inne. Diese Erfahrungstatsache bildet die Basis, auf der die Theorie der geisteswissenschaftlichen ,Realität der Zeit’ zu stehen kommt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. KAPITEL: Diltheys Zeitlehre: Dieses Kapitel erörtert Diltheys Zeitverständnis, bei dem die Zeitlichkeit als fundamentale Kategorie des Lebens fungiert und das Erlebnis sowie der Lebensverlauf eine zentrale Rolle spielen.
II. KAPITEL: Die Zeitlehre von Kant: Hier werden die Grundlagen der Kantischen Zeitlehre dargestellt, insbesondere ihre Herleitung aus der Dissertation und ihre Ausarbeitung in der "Kritik der reinen Vernunft" als reine Form der inneren Anschauung.
III. KAPITEL: Diltheys Kritik an Kants Zeitlehre: Dieses Kapitel analysiert Diltheys Gegenposition zu Kant, wobei er vor allem Kants Vernachlässigung der lebendigen Erfahrung und seine vermeintliche Ableitung der Zeit aus einem zeitlosen Zustand kritisiert.
Schlüsselwörter
Wilhelm Dilthey, Immanuel Kant, Zeitlehre, Zeitlichkeit, gelebte Zeit, Lebensverlauf, innere Erfahrung, Kritik der reinen Vernunft, Geisteswissenschaften, Zeitmoment, Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft, Erlebniseinheit, Korruptibilität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die philosophische Auseinandersetzung Wilhelm Diltheys mit der Zeitlehre Immanuel Kants und beleuchtet die unterschiedlichen Ansätze zur Definition und Bedeutung von Zeit in der Philosophie.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung konzentriert sich auf Diltheys Konzept der "gelebten Zeit", seine Kritik an physikalischen Zeitbegriffen sowie die detaillierte Analyse seiner Vorwürfe gegenüber der Kantischen transzendentalen Zeitauffassung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel der Arbeit ist es, darzustellen, wie Dilthey die Zeit als reale Lebenskategorie begründet und durch welche Argumente er versucht, die Realität der geistigen Welt gegenüber Kants Idealität der Zeit zu rechtfertigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse und einen systematischen Vergleich, bei dem Diltheys Schriften, insbesondere zur Kritik der historischen Vernunft und zur Einleitung in die Geisteswissenschaften, mit Kants Hauptwerk "Kritik der reinen Vernunft" kontrastiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei große Abschnitte: Diltheys eigene Zeitanalyse, die Darstellung der Kantischen Zeitlehre und schließlich die direkte, kritische Auseinandersetzung Diltheys mit Kants Thesen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Besonders prägend sind Begriffe wie Lebensverlauf, Zeitlichkeit, erlebte Zeit, innere Wahrnehmung, apriorische Anschauung und das Konzept der Korruptibilität des menschlichen Daseins.
Wie begründet Dilthey seine Kritik an Kant bezüglich der "reinen Anschauung"?
Dilthey argumentiert, dass die Zeit nicht eine bloße, leere Form der Anschauung ist, sondern dass sie untrennbar mit dem gelebten Inhalt des menschlichen Bewusstseins verbunden ist und daher aus der lebendigen Erfahrung verstanden werden muss.
Warum spielt der Begriff der "Korruptibilität" eine Rolle bei Dilthey?
Die Korruptibilität verweist auf die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit des menschlichen Lebens; sie verdeutlicht, dass das menschliche Dasein zeitlich begrenzt und damit konstitutiv zeitgebunden ist.
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- PD.Dr. Arslan Topakkaya (Author), 2009, DIE GELEBTE ZEIT - Dilthey’s Auffassung von der Zeit und seine Kritik an Kant’s Zeitlehre, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/125692