Die Arbeit widmet sich der These, dass die Laienchorbewegung am Ende des 18. und zu Beginn des darauf folgenden Jahrhunderts durchaus Professionalisierungstendenzen aufweist, wenngleich in verschieden starker Ausprägung und unter verschiedenen Bedingungen.
Schwerpunkt der Betrachtungen sollen jene Bedingungen oder Faktoren sein, welche Einfluss auf den Prozess der Professionalisierung haben können. Hierzu wird zunächst die Entwicklung des Chorwesens von seinen Anfängen im 18. Jahrhundert an, einschließlich der verschiedenen Chormodelle wie der Singakademie oder den Liederkränzen, beleuchtet werden. Anschließend soll als eine Art Sonderfall innerhalb dieser Entwicklung auf den Frauenchor unter der Leitung von Johannes BRAHMS eingegangen werden.
Zum Abschluss werden die ermittelten Faktoren einander gegenübergestellt und hinsichtlich ihrer Art und Wirkung auf die Professionalität bewertet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entwicklung des Chorwesens vom Ende des 18. Jahrhunderts an
2.1. Kurze Begriffgeschichte des Dilettantismus’
2.2.1. Frauenzimmer „und wir haben Alt und Diskant für immer.“
2.2.2. „Niedersinken vor des Gesanges Macht der Stände lächerliche Schranken!“
2.3. Singen, um dem Mann zu gefallen
2.4. Frauen in der musikalischen Männerdomäne Chorgesang
3. Johannes Brahms und die Damenchöre
3.1. Ein Damenkränzchen in der Heimatstadt
3.1.1. Entstehung und Entwicklung des Hamburger Frauenchors
3.1.2. Erst die Arbeit – dann das Vergnügen?
3.2. Folgeentwicklungen
4. Der Aspekt der Professionalisierung in der Entwicklung des Chorwesens
4.1. Was macht Professionalität aus?
4.2. Volksbildung vs. Elite
4.3. Früchte der Geselligkeit
5. Abschlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die These, dass die Laienchorbewegung am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts trotz ihres nicht-professionellen Charakters deutliche Professionalisierungstendenzen aufwies. Dabei wird analysiert, wie Faktoren wie Qualität, Prestige, gesellschaftliche Ökonomik und der Aspekt der Geselligkeit den Entwicklungsprozess verschiedener Chormodelle beeinflussten.
- Professionalisierungstendenzen im Laienchorwesen
- Einflussfaktoren wie Qualität, Prestige und Geselligkeit
- Die Rolle der Frau in der musikalischen Männerdomäne des 19. Jahrhunderts
- Fallstudie: Johannes Brahms und der Hamburger Frauenchor
- Vergleichende Analyse verschiedener Chormodelle wie Singakademie und Liedertafeln
Auszug aus dem Buch
3.1.2. Erst die Arbeit – dann das Vergnügen?
„Bei aller biedermeierlichen Enge war der Flirt das beliebteste Gesellschaftsspiel der Zeit“, bemerkt Siegfried KROSS, und so anachronistisch der Begriff „Flirt“ auch sein mag, es gibt wohl keinen treffenderen um das Verhältnis von BRAHMS zu einigen seiner Chormädchen zu beschreiben. Nach den frustrierenden Erlebnissen, die BRAHMS’ Verhältnis zu Frauen bislang kennzeichneten, mussten die Hamburger Damen wie eine Erlösung auf ihn wirken. Und auch hinsichtlich der ungeliebten Arbeit in Detmold hatten die Wochen mit dem Hamburger Frauenchor etwas erholsames. So gestaltete sich „der Sommer [1860] [...] für ihn zu einer bezaubernden biedermeierlichen Idylle, getragen von Freundschaft, Sorglosigkeit, jugendlichem Übermut und Kokettieren.“ Man veranstaltet gesellige Landpartien in die nähere Umgebung, bei denen GRAEDENERs Frau als Anstandsdame fungierte. Hierbei frönte man dann der schönen Natur und den typischen Spielereien der Zeit. Der sonst so ernste BRAHMS konnte sich offenbar ganz unbefangen gehen lassen im Kreise der Damen, wie eine Anekdote berichtet:
„Da Singen nicht nur Vereinszweck war, sondern zugleich auch Ausdruck der Lebensfreude ist, wurde auf diesen Ausflügen auch gesungen, und da wenig geeigneter ist, Ausgelassenheit noch zu steigern, als außergewöhnliche Situationen ins Groteske zu treiben, erstieg Brahms zur allgemeinen Gaudi in Ermangelung eines Dirigenten-Podests einen Baum und gab die Einsätze auf einem Ast sitzend und im Gegensatz zur Petri-Kirche hatte niemand Anlaß zur Beschwerde, er könne den Dirigenten nicht sehen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, wie sich die Laienchorbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts durch Professionalisierungstendenzen auszeichnete, wobei der Frauenchor unter Johannes Brahms als besonderer Fall betrachtet wird.
2. Die Entwicklung des Chorwesens vom Ende des 18. Jahrhunderts an: Dieses Kapitel erläutert den Begriff des Dilettantismus und untersucht verschiedene Organisationsformen wie die Berliner Singakademie, Liedertafeln und Ansätze zur Volksbildung, sowie die Rolle der Frau im damaligen Musikleben.
3. Johannes Brahms und die Damenchöre: Hier wird die spezifische Verbindung zwischen Johannes Brahms und dem Hamburger Frauenchor analysiert, wobei besonders die Entstehung, die motivierende Wirkung von Geselligkeit und die persönlichen Verflechtungen thematisiert werden.
4. Der Aspekt der Professionalisierung in der Entwicklung des Chorwesens: Das Kapitel verknüpft die historischen Beobachtungen mit dem theoretischen Begriff der Professionalisierung und vergleicht die unterschiedlichen Chormodelle hinsichtlich ihrer Qualität und Kapazität.
5. Abschlussbemerkungen: Die Ergebnisse werden zusammengefasst, wobei betont wird, dass der Hamburger Frauenchor eine Sonderrolle einnimmt, da hier Geselligkeit in Verbindung mit Kompetenz professionalitätsfördernd wirkte.
Schlüsselwörter
Laienchorbewegung, Professionalisierung, Johannes Brahms, Hamburger Frauenchor, Dilettantismus, Volksbildung, Geselligkeit, Berliner Singakademie, Liedertafel, Chorgesang, Musikgeschichte, 19. Jahrhundert, Musikerziehung, Frauenrolle, Musikverein
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, inwiefern die Laienchorbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts bereits Tendenzen der Professionalisierung aufwies und welche Faktoren, wie Qualität oder geselliges Miteinander, diesen Prozess beeinflussten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Geschichte des Chorwesens, den Dilettantismusbegriff, die Rolle der Frau in der Musik sowie die Analyse spezifischer Chormodelle im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Bewertung der Professionalisierungstendenzen in der Laienchorbewegung, insbesondere unter Berücksichtigung von Bedingungen wie Qualität, öffentlichem Auftreten und sozialem Prestige.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historische und musikwissenschaftliche Analyse, die theoretische Begriffe (Professionalisierung) auf konkrete Institutionen und Chormodelle anwendet und durch vereinfachte Modelle visualisiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Entwicklung der Chorvereinigungen und eine detaillierte Fallstudie zum Hamburger Frauenchor unter Johannes Brahms sowie eine theoretische Reflexion über die Faktoren Qualität, Ökonomik und Geselligkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird vor allem durch Begriffe wie Laienchorbewegung, Professionalisierung, Johannes Brahms, Dilettantismus und Geselligkeit geprägt.
Welche Rolle spielte der Faktor Geselligkeit in der Bewertung durch Brahms?
Brahms sah in der Arbeit mit dem Hamburger Frauenchor ein Beispiel, bei dem Geselligkeit die Motivation und damit die musikalische Qualität förderte, statt sie, wie oft befürchtet, zu mindern.
Warum wird der Hamburger Frauenchor im Vergleich zu anderen Vereinen als Sonderfall betrachtet?
Weil in diesem spezifischen Fall das harmonische Zusammenspiel aus charismatischer Leitung und der Motivation der Sängerinnen eine positive Professionalisierung bewirkte, die sich durch öffentliche Aufführungen und anspruchsvolle Kompositionen manifestierte.
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- Susanne Ziese (Author), 2006, "Und die Welt hebt an zu singen..." , Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/125625