Inklusion findet in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen statt, welche die unterschiedlichsten Herausforderungen aufwerfen. Wie sich die Inklusionsprozesse von Geflüchteten in diesen Orten – beispielsweise in der Schule, der Arbeit, der Arztpraxis, im Theater und auf dem Amt – genau gestalteten und unterscheiden, ist der Untersuchungsgegenstand eines Forschungsprojektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), durchgeführt an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Im Rahmen derselben Unternehmung findet eine Lehrveranstaltung statt, in der Studierende mit eigenen Forschungsarbeiten zum Vorhaben beitragen sollen.
Diese Arbeit entsteht im Auftrag des Seminars „Gesellschaftliche Andockstellen für Flüchtlinge“. Sie soll auf zwei Andockstellen scharfstellen, welchen immer wieder ein hohes Maß an Bedeutung zugeschrieben werden, nämlich auf die Schule und die Arbeit. Der Besuch von Bildungs- und Arbeitsstätten scheint ein integraler Bestandteil des Erfolgsrezepts einer „gelungenen Integration“ zu sein. Im Mittelpunkt der Analyse sollen verschiedene Gleichheits- und Ungleichheitserzählungen von Expert*innen der beiden Andockstellen stehen. Angeleitet wird die Untersuchung durch die zwei sozialwissenschaftlichen Gleichberechtigungskonzepte "Equality" und Equity. Sie sollen dabei helfen, mögliche Grenzziehungen zwischen Migrant*innen und Deutschen in der Inklusionspraxis von Schulen und Unternehmen zu identifizieren. Zuerst wird dafür das zugrundeliegende systemtheoretische Inklusionsverständnis erläutert. Im Anschluss folgt die Vorstellung der Denkfiguren Equality und Equity, sowie die Präsentation des methodischen Vorgehens, welches die hermeneutische Analyse von sechs leitfadengestützten Expert*inneninterviews vorsieht. Abschließend werden die Gleichheits- und Ungleicheitsnarrative bzgl. geflüchteter Schüler*innen und Arbeitnehmer*innen verglichen und zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis der Publikation
1. Einleitung
2. Theoretischer Rahmen
2.1 Der Systemtheoretische Inklusionsbegriff
2.2 Equality vs. Equity in Schule und Arbeit
3. Methodisches Vorgehen
4. Erzählungen von Equality und Equity im Vergleich
4.1 ... in der Schule
4.2 ... in der Arbeit
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht, wie in den gesellschaftlichen Systemen Schule und Arbeit mit den Konzepten „Equality“ (Gleichheit/Gleichbehandlung) und „Equity“ (Gerechtigkeit/Berücksichtigung individueller Bedürfnisse) gegenüber Geflüchteten umgegangen wird. Das zentrale Forschungsziel ist die Analyse von Narrativen aus Expert*inneninterviews, um Grenzziehungen sowie die Inklusionslogiken in diesen beiden funktional differenzierten Bereichen zu identifizieren und zu vergleichen.
- Systemtheoretische Grundlagen der Inklusion nach Niklas Luhmann.
- Konzeptionelle Unterscheidung und Anwendung von Equality und Equity in Bildung und Erwerbsleben.
- Empirische Untersuchung mittels hermeneutischer Leitfadeninterviews.
- Vergleich der Inklusionsnarrative und Identifikation system-spezifischer Unterschiede beim Umgang mit geflüchteten Personen.
Auszug aus dem Buch
2.1 Der Systemtheoretische Inklusionsbegriff
Der für die Arbeit verwendete Inklusionsbegriff stützt sich auf Niklas Luhmanns Systemtheorie, spezifischer auf sein Verständnis von funktionaler Differenzierung. Er geht davon aus, es gebe in der Gesellschaft eine Vielzahl sogenannter autopoietischer sozialer Systeme. Es handelt sich bei diesen Systemen um Kommunikation, die laufend an Kommunikation anschließt (Baraldi et al. 2021, S. 221–222). Nach Luhmann habe die moderne Gesellschaft unterschiedliche Subsysteme herausgebildet, welche jeweils eine spezifische Funktion erfüllen. In jedem Funktionssystem bietet sich eine andere Perspektive auf die Gesellschaft. Ereignisse werden mit eigenen binären Codes verarbeitet, ein spezifisches Medium dient der Erfüllung der eigenen Funktion. Wichtig ist ebenfalls, dass zwischen den Funktionssystemen Interdependenzen herrschen, dass nämlich alle Systemprozesse für andere Systeme relevant werden können (Baraldi et al. 2021, S. 65–70).
Die Aufgabe des Wirtschaftssystems ist die Knappheitsminderung, charakteristisch ist die Unterscheidung zwischen Zahlung und Nichtzahlung, durch das Geldmedium vollstreckt. Im Bildungssystem können aber auch Fragen der Wirtschaftlichkeit Bedeutung bekommen, wenn zum Beispiel ein staatliches Budget die Qualität von Bildungseinrichtungen mitbestimmt. Jedoch bleibt das Kernproblem immer noch die Sozialisation von Individuen und nicht die Frage von Zahlungsfähigkeit. Unter der Gesellschaft ist sich also kein Setzkasten vorzustellen, der organismusähnlich auf seinen Erhalt hinarbeitet. Gleiche Vorkommnisse erscheinen lediglich in unterschiedlichen Funktionssystemen in einem anderen Licht und werden mit Hinblick auf das eigene Ziel analysiert. Eine funktional differenzierte Gesellschaft ist eher das Ergebnis eines historisch kontingenten Prozesses anstelle von notwendiger Arbeitsteilung. Es herrscht eine Gleichzeitigkeit von verschiedenen Perspektiven, die sich im Laufe der Zeit funktional herausgebildet haben. Alles kann in jedem Funktionssystem verarbeitet werden, nur eben operativ geschlossen, also getreu der eigenen Funktionslogik (Nassehi 2003, S. 159–169).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Forschungsthema der Inklusion von Geflüchteten in den Systemen Schule und Arbeit ein und benennt die systemtheoretische sowie sozialwissenschaftliche Grundlage der Untersuchung.
2. Theoretischer Rahmen: Das Kapitel erläutert den systemtheoretischen Inklusionsbegriff nach Luhmann und definiert die Konzepte von Equality und Equity als theoretische Werkzeuge zur Analyse der Integrationspraxis.
3. Methodisches Vorgehen: Dieses Kapitel beschreibt die Auswahl von sechs leitfadengestützten Expert*inneninterviews und deren Analyse entlang der Grounded Theory Methode.
4. Erzählungen von Equality und Equity im Vergleich: Der Hauptteil analysiert und vergleicht die Narrative zu Gleichheit und Equity in den beiden Andockstellen Schule und Arbeit.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und schlussfolgert, dass Schulen stärker dem Equity-Narrativ (Förderung) folgen, während in der Arbeit das Equality-Narrativ (Gleichbehandlung) dominiert.
Schlüsselwörter
Systemtheorie, Inklusion, Equity, Equality, Geflüchtete, Bildungssystem, Wirtschaftssystem, funktionale Differenzierung, Diskursanalyse, Integration, Gleichberechtigung, Arbeitsmarkt, hermeneutische Analyse, Fluchthintergrund, Bildungsbeteiligung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht aus einer systemtheoretischen Perspektive, wie zwei zentrale gesellschaftliche Bereiche – Schule und Arbeitswelt – mit der Inklusion von Geflüchteten umgehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verständnis von Inklusion nach Luhmann sowie der Anwendungskontext der Gleichberechtigungskonzepte „Equality“ und „Equity“.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Gleichheits- und Ungleichheitserzählungen von Expert*innen in Schule und Arbeit zu identifizieren und zu vergleichen, um zu verstehen, wie Grenzziehungen zwischen Geflüchteten und Einheimischen verhandelt werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die hermeneutische Analyse von sechs leitfadengestützten Expert*inneninterviews, angelehnt an die Grounded Theory Methode.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Interviews im Kontext der Schulbildung und der Arbeitswelt analysiert und gegenübergestellt, insbesondere im Hinblick auf sprachliche Hürden und Fördermaßnahmen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Systemtheorie, Equity, Equality, Inklusion und die funktionale Differenzierung von sozialen Systemen geprägt.
Warum unterscheidet sich das Integrationsverständnis in Schule und Arbeit?
Dies lässt sich durch die unterschiedlichen Systemlogiken erklären: Das Bildungssystem ist auf die Qualifikation Individuen ausgerichtet (Equity nötig), während das Wirtschaftssystem auf Effizienz und Knappheitsminderung basiert (daher Dominanz von Equality).
Welche Rolle spielt die Sprachbarriere laut den Interviewten?
In beiden Systemen wird die Sprachkompetenz als entscheidende „Eintrittskarte“ wahrgenommen, wobei im Bildungssystem zusätzlich auf die soziale Unterstützung und individuelle Lebenslagen der Geflüchteten eingegangen wird.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2022, Gesellschaftliche Andockstellen für Flüchtlinge. Erzählungen von Equity and Equality in Schule und Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1244961