Offenbarungsbegriff und Offenbarungskritik kennzeichnen eine über 2000jährige kirchliche Lehr- und Forschungstradition. Diese in ganz kurzen und überblickartigen Zügen nach zu skizzieren ist das Ansinnen dieses Essays. Den Überblick habe ich als Essay ausformuliert, da es die Verschriftlichung eines gleichnamigen Referats in einem Examens-Kolloquium darstellt.
Inhaltsverzeichnis
Vorstellung
Offenbarungsbegriff und Offenbarungskritik
Alternative Offenbarungsmodelle
1. Universalität statt Partikularität
2. Autonomie statt Autorität
3. Verstehbarkeit statt Geheimnishaftigkeit
4. Orthopraxie statt Orthodoxie
Zielsetzung und Themen
Der vorliegende Essay verfolgt das Ziel, die über 2000-jährige kirchliche Lehr- und Forschungstradition hinsichtlich des Spannungsfeldes zwischen Offenbarungsbegriff und Offenbarungskritik in überblickartigen Zügen zu skizzieren. Dabei wird untersucht, wie sich das Verständnis von Offenbarung durch die Auseinandersetzung mit Vernunft, Philosophie und Aufklärung gewandelt hat und welche Auswirkungen dies auf das heutige theologische Selbstverständnis hat.
- Historische Entwicklung des Paradigmengegensatzes zwischen Glaube und Vernunft.
- Die Rolle der Offenbarungskritik als Impulsgeber für die theologische Selbstklärung.
- Unterscheidung der Offenbarungsmodelle (instruktionstheoretisch vs. personal-kommunikativ).
- Auseinandersetzung mit der Aufklärungsphilosophie und dem Deismus.
- Die Positionierung der (Neu-)Scholastik und der Dialektischen Theologie Karl Barths.
Auszug aus dem Buch
Offenbarungsbegriff und Offenbarungskritik
In der systematischen Theologie gibt es auf die Frage nach der Möglichkeit Gott zu erkennen zwei unterschiedliche Antworten, die sich – und das ist prägend für das jeweilige Zeitverständnis – gegenseitig ausschließen oder ergänzen: Glaube und Vernunft. Der Beginn des Paradigmengegensatzes kann bis auf die Weisheitspsalme zurückgeführt werden – sinnvoller aber ist es bei der Entstehung des Neuen Testaments anzusetzen. So weist Paulus jeden Versuch zurück, das Christusereignis der Weltweisheit anzupassen – ihm entgegen steht das Johannesevangelium, das den Christus mit dem Zentralbegriff der griechischen Philosophie belegt: Logos.
Paulus als Urheber der ältesten Schriften des Neuen Testaments und Johannes als das jüngste der Evangelien bilden also einen Gegensatz, der die künftige Theologiegeschichte paradigmatisch bestimmen sollte. Eine Balance zwischen den beiden Strömungen ist selten – vielmehr zeigt sich jeweils ein Übergewicht der einen oder anderen Seite bei der jeweiligen Schule oder dem jeweiligen Denker. Überwog in der paulinischen Richtung die fideistische Tradition, wurde durch Johannes die rationale Sicht betont und – im Laufe der weiteren Apologetik – beibehalten.
Dies kam daher, dass man sich in Verteidigung der heidnischen Streitschriften und Pamphlete (z.B. des Neuplatonismus durch Plotin oder Porphyrius) mit denselben Waffen eindeckte wie der Gegner: Durch Philosophie wurde die Wortoffenbarung im Zuge ihrer zunehmenden Verschriftlichung intellektualisiert und hellenisiert: Aus Christus wurde der Logos und – besonders durch Philo v. Alexandrien – eine Trennung von Geist und Körper propagiert - eine Dichotomie, die im Gegensatz zur ganzheitlichen Vorstellung des biblischen Menschen steht.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorstellung: Der Autor erläutert den Charakter des Essays als Ausformulierung eines Referats aus einem Examens-Kolloquium zur theologischen Tradition.
Offenbarungsbegriff und Offenbarungskritik: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung des Spannungsfeldes zwischen Glaube und Vernunft von den neutestamentlichen Wurzeln über das mittelalterliche Etagensystem bis hin zur aufklärerischen Kritik nach.
Alternative Offenbarungsmodelle: Hier werden konservative Strömungen wie die Neuscholastik sowie die Dialektische Theologie Karl Barths in ihrer Reaktion auf moderne Offenbarungskritik und gesellschaftliche Umbrüche diskutiert.
Schlüsselwörter
Offenbarung, Offenbarungskritik, Glaube, Vernunft, Fundamentaltheologie, Aufklärung, Scholastik, Neuscholastik, Karl Barth, Logos, Christusereignis, Offenbarungstheologie, Religion, Anthropologie, Existenzialphilosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Der Essay befasst sich mit der zweitausendjährigen Tradition des Offenbarungsbegriffs und der damit einhergehenden, stetigen Offenbarungskritik im Kontext der christlichen Theologie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen das Verhältnis von Glaube und Vernunft, die historische Entwicklung der Offenbarungslehre, den Einfluss der Philosophie auf die Theologie sowie den Wandel vom instruktionstheoretischen zum personalen Offenbarungsverständnis.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Entwicklung der Offenbarungskritik und deren produktive Rolle bei der Klärung des christlichen Glaubensverständnisses in kurzen, überblickartigen Zügen darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine systematisch-theologische und historische Diskursanalyse, die theologiegeschichtliche Entwicklungen und philosophische Positionen gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt den Gegensatz zwischen paulinischer und johanneischer Tradition, die Systematisierung durch die Scholastik, die Herausforderung durch die Aufklärung und den Deismus sowie die moderne Auseinandersetzung durch Neuscholastik und Dialektische Theologie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Offenbarungsbegriff, Offenbarungskritik, Vernunft, Glaube, scholastische Tradition und die anthropologische Wende in der Theologie charakterisiert.
Warum spielt das I. und II. Vaticanum eine wichtige Rolle im Text?
Diese Konzilien markieren den Übergang vom instruktionstheoretischen, informationsorientierten Offenbarungsmodell hin zu einer personalen Selbstmitteilung Gottes, was den Wandel des Verständnisses von Offenbarung verdeutlicht.
Wie bewertet der Autor die Rolle der Offenbarungskritik?
Der Autor führt mit Max Seckler aus, dass die Offenbarungskritik keine rein negative, zerstörerische Kraft ist, sondern der Theologie geholfen hat, den Offenbarungsbegriff für sich selbst zu klären und die Offenbarung zum zentralen Thema der Selbstkritik zu machen.
Was versteht Karl Barth unter dem „ganz Anderen“?
Barth betont damit die absolute Transzendenz Gottes, der als „totaliter aliter“ nicht durch menschliche Vernunft oder religiöse Bemühungen „von unten“ erreicht werden kann, sondern allein durch seine Offenbarung „von oben“ in unsere Welt schlägt.
- Arbeit zitieren
- David Liebelt (Autor:in), 2008, Begriff, Kritik und alternative Modelle der Offenbarung. Zur Vorbereitung auf das Theologie-Examen, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/123877