Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Generation und Gedächtnis in Hinblick auf den Nationalsozialismus am Beispiel der zweiten Generation. Im Blickpunkt stehen jene Kinder, deren Eltern im Nationalsozialismus eine eindeutig aktive Rolle als Täter spielten und sich von der Masse der "kleinen Rädchen im Getriebe" abhoben. Gefragt wird nach den unterschiedlichen Umgangsformen der Nachgeborenen mit der NS-Vergangenheit der Eltern. Wesentliche Fragen sind dabei: Welche Identifikationsmöglichkeiten boten sich, fand eine Entidentifizierung mit der Geschichte der Eltern statt bzw. welche Abwehrmechanismen sind in diesem Generationszusammenhang zu finden? Dazu wird anfangs untersucht, wie sich das Leben der Kinder der Täter in der Nachkriegsfamilie darstellte, und vor allem wie in diesen Familien über die NS-Zeit kommuniziert wurde. Anhand biographischer Beispiele werden die unterschiedlichen Rollenbilder analysiert.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I . Die 2. Generation
I.1. Begriffserklärung
I.2. Die Nachkriegsfamilie
II . Die Kinder der Täter und deren Umgang mit dem geschichtlichen Erbe
II.1. Die Integration ambivalenter Väterbilder
II.2. Rehabilitierung und Rechtfertigung
II.3. Die anklagende Haltung
II.3.1. Die Opferidentifikation
II.3.2. Die Wiederkehr der Verfolgermentalität
III . Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Generation und Gedächtnis im Kontext des Nationalsozialismus, wobei der Fokus auf den Kindern von NS-Tätern liegt. Ziel ist es, die verschiedenen Bewältigungsstrategien und psychologischen Identifikationsmuster der Nachgeborenen im Umgang mit dem belastenden geschichtlichen Erbe ihrer Eltern zu analysieren.
- Die Kindheit in der NS-Nachkriegsfamilie und das Paktieren mit dem Schweigen
- Die psychologische Erbschaft der Schuld und deren unbewusste Weitergabe
- Möglichkeiten der Identifikation mit den Eltern und alternative Abwehrmechanismen
- Die Ambivalenz zwischen privatem Vaterbild und öffentlicher Täterschaft
- Analyse verschiedener Reaktionen: Von der Rechtfertigung bis zur radikalen Abrechnung
Auszug aus dem Buch
II.1. Die Integration ambivalenter Väterbilder
„Der Pakt des Schweigens hatte für die junge Generation die Folge eines gespaltenen Elternbildes gehabt. Es gab die Väter und die Täter. Beides wurde getrennt verhandelt.“5 Christian Schneider charakterisiert hier eines der Hauptprobleme, die die Kinder der Täter bei der Verarbeitung des psychischen Erbes zu bewältigen hatten. Gerade die unbestreitbare Tatsache, daß der Vater einen hohen Rang im SS-Kader eingenommen hatte oder persönlich die Anordnung zur Massenerschießung von Juden gegeben hatte, konnte oft nicht in Relation zu der in der Kindheit erlebten Vaterfigur gesetzt werden. Der Mann, der gebrochen aus dem Krieg heimkehrte, war eher ein Abbild der Ohnmacht als das einer Autorität, die über Leben und Tod entscheiden konnte. Einerseits stellte der Vater für das Kind ein Liebesobjekt dar und andererseits hat dieser geliebte Mensch an einem der größten Verbrechen der Menschheit teilgenommen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung nach dem Umgang der Nachgeborenen mit der NS-Vergangenheit ihrer Eltern ein und skizziert die methodische Untersuchung der Identifikations- und Abwehrmechanismen.
I . Die 2. Generation: Dieses Kapitel definiert den Begriff der „2. Generation“ innerhalb des Dreigenerationenmodells und beleuchtet die Atmosphäre in der Nachkriegsfamilie, die durch Existenzsicherung und das „Schweigen“ über die NS-Zeit geprägt war.
II . Die Kinder der Täter und deren Umgang mit dem geschichtlichen Erbe: Der Hauptteil analysiert, wie Kinder mit der Ambivalenz zwischen väterlicher Liebe und der Kenntnis der begangenen Verbrechen umgingen, und stellt verschiedene Bewältigungstypen vor.
III . Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Auseinandersetzung mit der Tätervergangenheit eine breite Palette an Reaktionen umfasst, die immer auf einer unbewussten Identifikation mit den Eltern basieren, deren Bewusstwerdung für die eigene psychische Verarbeitung entscheidend ist.
Schlüsselwörter
Zweite Generation, Nationalsozialismus, Täterschaft, Vergangenheitsbewältigung, Familiengeheimnis, Identifikation, Abwehrmechanismen, NS-Erbe, Väterbilder, Opferidentifikation, Verfolgermentalität, Aufarbeitung, Psychologie, Gedächtnis, Nachgeborene.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Generation und Gedächtnis am Beispiel der sogenannten zweiten Generation, also der Kinder von NS-Tätern, und deren spezifische Verarbeitung der väterlichen Geschichte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Kommunikation innerhalb der Nachkriegsfamilie, der unbewussten Übertragung von Schuld und den verschiedenen Identifikationsmustern der Kinder gegenüber ihren Eltern.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Kinder von NS-Tätern das belastende Erbe der nationalsozialistischen Verbrechen ihrer Eltern psychologisch integrieren oder abwehren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische und psychologische Analyse, gestützt durch Fachliteratur zu Generationsfragen und Fallbeispiele von Nachgeborenen wie etwa Niklas Frank.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Integration ambivalenter Väterbilder, die kritische Haltung der Rehabilitierung sowie extreme Abwehrmechanismen wie die Opferidentifikation und die Wiederkehr der Verfolgermentalität diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind NS-Täterschaft, Vergangenheitsbewältigung, Abwehrmechanismen, psychisches Erbe und die Identifikation mit den Eltern.
Welche Rolle spielte die „Mauer des Schweigens“ in den Nachkriegsfamilien?
Sie diente dazu, die private Familiengeschichte vor der Aufarbeitung zu schützen, was die Kinder in einen loyalen Pakt des Schweigens zwang und ihre eigene Auseinandersetzung mit der Geschichte massiv erschwerte.
Wie unterscheidet sich die „Opferidentifikation“ von der „Verfolgermentalität“ bei den Kindern?
Während die Opferidentifikation versucht, sich durch Philosemitismus oder politisches Engagement von der Schuld zu befreien, zeigt sich in der Verfolgermentalität eine aggressive, oft mitleidlose Abrechnung mit dem Täter-Vater, bei der die Kinder jedoch paradoxerweise dessen eigene Härte übernehmen.
- Arbeit zitieren
- Mag.phil. Verena Brunner (Autor:in), 2001, Die Kinder der Täter und deren Umgang mit der NS-Beteiligung der Eltern, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/12375