Die Gebrüder Grimm schreiben dem Begriff Körper in ihrem Deutschen Wörterbuch in erster Linie die Bedeutung „Leichnam“ zu. Diese altertümliche Verwendung des Begriffs ist mittlerweile nicht mehr aktuell, trifft aber einen interessanten Punkt. Der Körper wird erst durch den Menschen, der in ihm steckt lebendig. In der nachfolgenden Arbeit soll erörtert werden, wie sich der – nicht immer frei gewählte – Umgang mit Körper und Leben in verschiedenen Epochen darstellt und was für Anforderungen bestehende Verhältnisse den Menschen aufzwingen. Oftmals scheint es in dieser, nur auf den Körper und nicht auf den ganzen Menschen bezogenen Darstellung, als wären die Betroffenen nur ein Spielball der Umstände; als wären sie eben nur leblose Körper, denen Zumutungen aufgezwungen werden, die ein moderner Geist nicht verkraften würde. Oft stecken jedoch mehr in Informationen zwischen den Zeilen, als die vorliegende Arbeit tatsächlich abhandeln kann. Diese sind für eine ganzheitliche Betrachtung durchaus förderlich; es lohnt sich, ab und zu die Frage nach der Befindlichkeit der Personen in den folgenden Episoden zu stellen, um eine Vorstellung der Tatsächlichen Um-stände zu bekommen.
Nähert sich man einer Darstellung, die über mehrere Jahrhunderte die Wahrnehmung des und den Umgang mit dem Körper abbilden soll, so stößt man schnell an Grenzen. Allgemeingülti-ge Aussagen über die Einstellung „der Gesellschaft“ zu „ihrem Körper“ gibt es nicht. Ebenso wenig kann von einem theoretischen Konzept ausgegangen werden, das gleichsam als Über-bau einen pauschalen Umgang oder eine universelle Wahrnehmung widerspiegelt. Nur wenn man die Makroebene verlässt, und sich Einzelheiten vornimmt bekommt man Einblick in ein-zelne Schicksale, in tatsächlich stattgefundene Begebenheiten, die es erlauben, sich dem Thema zu nähern. Aus diesem Grund sollen in dieser Arbeit einige Überlieferungen darge-stellt werden, um sich in dem überaus komplexen Themenkomplex zu orientieren. Durch eine knappe Analyse soll eine Darstellung erreicht werden, die es ermöglicht, Geschichten exem-plarisch zu betrachten um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie die Menschen in der jüngeren Geschichte – meist unfreiwillig – mit ihrem Körper (und dem von anderen) umge-hen. Über diesen Umgang lassen sich Rückschlüsse auf die Bedeutung und die Wahrnehmung des Körpers ziehen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. THEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN
3. PHÄNOMENE AUS DEM LEBENSALLTAG VERSCHIEDENER EPOCHEN
3. 1. MITTELALTERLICHE RECHTSAUFFASSUNG UND -SPRECHUNG
3. 2. DER DREIßIGJÄHRIGE KRIEG
3. 3. SÄUGLINGSSTERBLICHKEIT UND UMGANG MIT KINDERSTERBLICHKEIT IM 19. JAHRHUNDERT
3. 4. DAS „HIMMELN“
3. 5. ENTWICKLUNG AB DEM 20. JAHRHUNDERT
4. FAZIT
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den historisch gewandelten Umgang von Menschen mit ihrem eigenen Körper und dem Leben an sich. Dabei liegt der Fokus auf der Erkenntnis, dass der Körper in vergangenen Epochen häufig primär als Instrument in einem harten Alltag betrachtet wurde, wobei die Gestaltung dieses Umgangs stark durch gesellschaftliche Verhältnisse und äußere Zwänge determiniert war.
- Historische Entwicklung der Körperwahrnehmung vom Mittelalter bis zur Spätmoderne
- Die Rolle des Körpers in Rechtsprechung, Krieg und täglicher Überlebenssicherung
- Soziale Einflüsse auf den Umgang mit Säuglings- und Kindersterblichkeit
- Der Übergang von funktionaler Körperbeurteilung zu individuellen Körperkonzepten
- Bedeutung von gesellschaftlichen Normen und existentiellen Notlagen für die Körperverfügung
Auszug aus dem Buch
3. 2. Der dreißigjährige Krieg
Das 17. Jahrhundert ist geprägt vom dreißigjährigen Krieg und seinen Verheerungen. Es erscheint aus mehreren Gründen sinnvoll, diese Zeitspanne näher zu betrachten. Zum einen stellt der Krieg einen großen Einschnitt in die europäische und die deutsche Geschichte dar und betrifft nahezu alle Bevölkerungsschichten. Zum anderen gibt die Betrachtung auch Einblick in den Umgang mit dem Körper und seinen Belastungen durch den Krieg. Die bestehenden Umstände zwingen der Bevölkerung zahllose Entbehrungen, Leid und Krankheiten auf und nehmen eine besondere Stellung in der Untersuchung des Gegenstandes – Umgang mit Leben und Körper – ein. Es ist unbestreitbar, dass die Umstände in dieser Zeit das Leben unzähliger Menschen prägten und lange das Alltagsleben bestimmten – ganz zu schweigen von den vielen Leben, die der Krieg forderte. Der Alltag im Krieg ist somit reale Wirklichkeit, die nicht als bloße Unregelmäßigkeit – als Einzelphänomen das für sich untersucht werden will – betrachtet werden kann. Er wird in dieser Arbeit auf gleicher Ebene mit dem Alltag in Friedenszeiten behandelt.
Die Annäherung erfolgt über zwei Seiten. Einerseits – auf der Mikroebene – über die Autobiografie eines Zeitzeugen, dem Söldner Peter Hagendorf, die exemplarisch für ein Soldatenschicksal stehen soll. Andererseits über einen – exemplarischeren – Blick in eine Passage des „Abenteuerlichen Simplicissimus“ von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen. Dieser Roman basiert auf einer fiktiven Geschichte, beinhaltet aber detaillierte Beobachtungen des Autors, der selbst 15 Jahre lang Soldat im dreißigjährigen Krieg war. Die Erzählung dient als veranschaulichende Ergänzung der protokollhaften Biografie Hagendorfs.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in das Thema ein, indem sie die Bedeutung des Körperbegriffs historisch einordnet und die Zielsetzung erläutert, den oft unfreiwilligen Umgang mit dem Körper in verschiedenen Epochen exemplarisch zu untersuchen.
2. THEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN: Hier werden grundlegende Aspekte wie das Spannungsfeld zwischen „Haben“ und „Sein“ eines Körpers sowie dessen Funktion als Instrument der Wahrnehmung und Beeinflussung der Außenwelt erörtert.
3. PHÄNOMENE AUS DEM LEBENSALLTAG VERSCHIEDENER EPOCHEN: Dieses Kapitel liefert eine detaillierte, historische Betrachtung verschiedener Lebensbereiche, von der mittelalterlichen Rechtsprechung über die Belastungen des Dreißigjährigen Krieges bis hin zu Aspekten der Säuglingssterblichkeit und der Entwicklung moderner Körperbilder.
4. FAZIT: Das Fazit fasst zusammen, dass der Umgang mit dem Körper in der Geschichte primär von externen Anforderungen des Überlebens und gesellschaftlicher Zwänge geprägt war und hebt die Bedeutung moderner rechtlicher Absicherungen der körperlichen Unversehrtheit hervor.
Schlüsselwörter
Körpergeschichte, Lebensalltag, Mittelalter, Dreißigjähriger Krieg, Säuglingssterblichkeit, Körperwahrnehmung, Himmeln, Rechtsprechung, Sozialgeschichte, Körperfunktion, Individualisierung, Körperbild, Existenzielle Not, Industrielle Revolution, Körperliche Unversehrtheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den historischen Umgang von Menschen mit ihrem Körper und dem Leben vom Mittelalter bis in die Moderne, wobei sie insbesondere die Auswirkungen von äußeren Lebensumständen auf die Körperwahrnehmung beleuchtet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die historische Körperwahrnehmung, die Auswirkungen von Kriegen auf die körperliche Existenz, den gesellschaftlichen Umgang mit Sterblichkeit sowie die Entwicklung von Körperidealen und körperlicher Selbstbestimmung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, anhand von exemplarischen Einblicken in verschiedene Epochen aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Verhältnisse und materielle Not den Menschen dazu zwangen, ihren Körper primär funktional und oft unfreiwillig zu nutzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine exemplarische, kulturhistorische Vorgehensweise, die auf der Analyse von Autobiografien, literarischen Quellen und sozialgeschichtlichen Studien basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Epochen und Phänomene: Mittelalterliche Rechtsauffassung, das Leben als Soldat im Dreißigjährigen Krieg, die Säuglingssterblichkeit im 19. Jahrhundert sowie das Phänomen des „Himmeln“ und moderne Entwicklungen seit dem 20. Jahrhundert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Körpergeschichte, Sozialgeschichte, Existenzielle Not, Körperwahrnehmung und gesellschaftliche Determination.
Was genau versteht der Autor unter dem Begriff „Himmeln“?
„Himmeln“ beschreibt eine historische Praxis im 19. Jahrhundert, bei der Kinder aufgrund wirtschaftlicher Not und fehlender Versorgungsmöglichkeiten vernachlässigt wurden, wobei der frühe Tod aus religiöser Perspektive als Erlösung oder Segen gedeutet wurde.
Warum wird der Dreißigjährige Krieg als ein zentrales Fallbeispiel gewählt?
Der Krieg wird gewählt, weil er eine extreme Situation darstellt, die nahezu alle Bevölkerungsschichten betraf und exemplarisch verdeutlicht, wie der Körper in einer Notsituation allein auf seine funktionale Überlebensfähigkeit reduziert wird.
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- Christoph Mayr (Author), 2008, Umgang mit Leib und Leben im alltäglichen Leben, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/122757