In der allgemeinen Übersetzungswissenschaft wird die literarische Selbstübersetzung häufig gar nicht oder nur am Rande thematisiert. Erst in jüngster Zeit findet sie zunehmend mehr Beachtung. Vielfach stützen sich diese Analysen allerdings auf nur einen einzigen Autor oder auf die bekanntesten Selbstübersetzer wie Samuel Beckett, Vladimir Nabokov oder Julien Green. Raymond Federman betonte 1987, dass es nötig sei, eine Poetik der Selbstübersetzungen Becketts zu entwickeln. Diese Diplomarbeit möchte Federmans Forderung aufgreifen, sie jedoch angesichts einer Vielzahl von literarischen Selbstübersetzern im 20. Jahrhundert ausweiten und aufzeigen, dass die dringende Notwendigkeit besteht, eine allgemeine Poetik der literarischen Selbstübersetzung zu entwickeln. Hierzu wird ein umfassender Überblick über das Forschungsdesiderat ‚Literarische Selbstübersetzung‘ gegeben. Betrachtet werden sowohl die theoretischen wie auch praktischen Aspekte; der Schwerpunkt liegt hierbei auf dem 20. Jahrhundert. Zentrale Fragestellungen sind hierbei: Aus welchen Gründen übersetzen sich Autoren selbst? Wie gehen sie bei dabei vor? Welche Unterschiede bestehen zwischen einem Selbstübersetzer und einem Fremdübersetzer? Welches Verhältnis entsteht zwischen Originaltext und Selbstübersetzung? Welche Anforderungen ergeben sich für den Fremdübersetzer aus dem besonderen Verhältnis von Originaltext und Selbstübersetzung?
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
I.1 FORSCHUNGSSTAND
I.2 AUFBAU DER ARBEIT
II. SPRACHWAHL UND SPRACHKOMPETENZ BILINGUALER AUTOREN
II.1 OPTIONEN DER SPRACHWAHL
II.2 GRÜNDE DER SPRACHWAHL
II.3 GRENZEN DER SPRACHWAHL
II.4 LITERARISCHE SPRACHKOMPETENZ
III. LITERARISCHE MEHRSPRACHIGKEIT
IV. GESCHICHTE DER LITERARISCHEN SELBSTÜBERSETZUNG
V. DIE LITERARISCHE SELBSTÜBERSETZUNG IM 20. JAHRHUNDERT
V.1 RAYMOND FEDERMAN
V.2 NANCY HUSTON
V.3 VASSILIS ALEXAKIS
V.4 ROSARIO FERRÉ
VI. ASPEKTE DER LITERARISCHEN SELBSTÜBERSETZUNG
VI.1 GRÜNDE FÜR DIE SELBSTÜBERSETZUNG
VI.2 METHODIK DER SELBSTÜBERSETZUNG
VI.3 ‚TRADUCTION AUCTORIALE‘ ODER ‚TRADUCTION ALLOGRAPHE‘
VII. THEORIE DER LITERARISCHEN SELBSTÜBERSETZUNG
VII.1 VERHÄLTNIS AUTOR – SELBSTÜBERSETZER – FREMDÜBERSETZER
VII.2 FREIHEITEN DES SELBSTÜBERSETZERS
VII.3 VERHÄLTNIS ORIGINAL – SELBSTÜBERSETZUNG
VIII. KONSEQUENZEN DER LITERARISCHEN SELBSTÜBERSETZUNG FÜR DEN FREMDÜBERSETZER
VIII.1 HELENA TANQUEIRO ALS ÜBERSETZERIN VON ANTONÍ MARI
VIII.2 ELMAR TOPHOVEN ALS ÜBERSETZER VON SAMUEL BECKETT
IX. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit zielt darauf ab, die Verbreitung und Bedeutung der literarischen Selbstübersetzung im 20. Jahrhundert umfassend aufzuzeigen und dabei den bisherigen Fokus auf einzelne kanonisierte Autoren zu erweitern. Es wird die Forschungsfrage verfolgt, welche Motive, Methoden und theoretischen Implikationen die literarische Selbstübersetzung für Autoren verschiedener Sprachhintergründe mit sich bringt und wie diese im übersetzungstheoretischen Kontext zu verorten sind.
- Analyse der Beweggründe für einen literarischen Sprachwechsel.
- Untersuchung der Methodik und Praxis der Selbstübersetzung bei ausgewählten Autoren wie Federman, Huston, Alexakis und Ferré.
- Kritische Diskussion theoretischer Ansätze zum Status von Selbstübersetzungen.
- Erörterung der Konsequenzen der Selbstübersetzung für die Arbeit externer Fremdübersetzer.
Auszug aus dem Buch
V.1 Raymond Federman
Raymond Federman wurde 1928 in Paris geboren. Seine Eltern und Geschwister starben im KZ Auschwitz, er selbst überlebte nur, weil seine Mutter ihn zum Zeitpunkt der Deportation in einem Schrank versteckt hatte. Federman wanderte 1947 in die USA aus und studierte Vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia Universität in New York. Er zählt heute zu den einflussreichsten Schriftstellern der Postmoderne und erhielt 1986 den American Book Award für Smiles on Washington Square (1985). Seine Werke wurden in fünfzehn Sprachen übersetzt.
Federman lernte erst mit zwanzig Jahren Englisch und verwendet seine Erstsprache Französisch und seine Zweitsprache Englisch seitdem parallel. Er empfindet seine Zweisprachigkeit nicht als hinderlich, sondern vielmehr als bereichernd und versucht auch nicht, beide Sprachen strikt voneinander getrennt zu halten: „I do not feel afflicted with bilingualism, I feel enriched by it. At the same time, however, I do not feel that I want to preserve the purity of my native tongue […]“
Federman versteht sich selbst als bilingualer Autor, d. h. er verfasst seine Werke auf Englisch und/oder Französisch. Die Sprachwahl trifft er bei jedem Buch aufs Neue. Er beschreibt diesen Entscheidungsprozess als inneren Kampf der Sprachen: „Though it seems that whenever I begin a new book there is a quarrel inside of me between the two languages to decide which I should use.“ Federman bevorzugt allerdings die englische Sprache, weil sie ihm mehr Freiheiten erlaubt als das Französische:
I write more, and have always written more in English than in French, even though English is not my first language. Somehow the French language scares me. It seems to dictate to me how I should write and therefore prevents me from challenging its rules of grammar, whereas English, irrational as it may be in its grammar and syntax, gives me the freedom to experiment with grammar and syntax. […] To put it differently, I feel like a prisoner in the French language, perhaps because it made me, because it captured me originally, and I feel free in English because it liberated me, because it took me out of the French language and the French culture.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Definiert das Thema der literarischen Selbstübersetzung im 20. Jahrhundert und stellt den aktuellen Forschungsstand sowie den Aufbau der Arbeit vor.
II. SPRACHWAHL UND SPRACHKOMPETENZ BILINGUALER AUTOREN: Untersucht die Motive, Optionen und Herausforderungen bei der Entscheidung für eine bestimmte Literatursprache.
III. LITERARISCHE MEHRSPRACHIGKEIT: Differenziert zwischen intratextueller und intertextueller Mehrsprachigkeit in der Literatur.
IV. GESCHICHTE DER LITERARISCHEN SELBSTÜBERSETZUNG: Skizziert die historische Entwicklung der Selbstübersetzung vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert.
V. DIE LITERARISCHE SELBSTÜBERSETZUNG IM 20. JAHRHUNDERT: Präsentiert und analysiert vier zeitgenössische Selbstübersetzer: Raymond Federman, Nancy Huston, Vassilis Alexakis und Rosario Ferré.
VI. ASPEKTE DER LITERARISCHEN SELBSTÜBERSETZUNG: Analysiert die Beweggründe und Vorgehensweisen von Autoren bei der Selbstübersetzung.
VII. THEORIE DER LITERARISCHEN SELBSTÜBERSETZUNG: Diskutiert kritisch das Verhältnis von Autor, Selbstübersetzer und Original.
VIII. KONSEQUENZEN DER LITERARISCHEN SELBSTÜBERSETZUNG FÜR DEN FREMDÜBERSETZER: Untersucht die Herausforderungen für Fremdübersetzer bei der Arbeit mit bilingualen Autoren anhand von Fallbeispielen.
IX. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK: Fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen und formuliert Empfehlungen für zukünftige Forschungen.
Schlüsselwörter
Selbstübersetzung, Bilinguismus, Sprachwahl, Exilliteratur, Mehrsprachigkeit, Übersetzungstheorie, Autor-Übersetzer, Literaturkritik, Textgenese, kultureller Kontext, Schreibstil, Identität, Raymond Federman, Nancy Huston, Vassilis Alexakis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Phänomene der literarischen Selbstübersetzung, bei der Schriftsteller ihre eigenen Werke in eine andere Sprache übertragen. Sie analysiert die Motive, Methoden und die daraus resultierenden theoretischen und praktischen Fragestellungen im 20. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind die Motivation für einen Sprachwechsel, der Status von Selbstübersetzungen im Vergleich zum Original, die Freiheiten des autorialen Übersetzers sowie die Auswirkungen auf die Arbeit von Fremdübersetzern.
Welche Forschungsfrage steht im Mittelpunkt?
Die Arbeit geht der Frage nach, wie sich die literarische Selbstübersetzung als verbreitetes, aber oft marginalisiertes Phänomen theoretisch und praktisch in den Literatur- und Übersetzungswissenschaften einordnen lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine vergleichende Analyse von Fallbeispielen renommierter Selbstübersetzer und stützt sich dabei auf eine umfassende Auswertung literatur- und übersetzungswissenschaftlicher Fachliteratur sowie auf Interviews mit den Autoren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden neben einer historischen Einordnung konkrete Biographien und Vorgehensweisen von Schriftstellern wie Federman, Huston, Alexakis und Ferré detailliert untersucht, gefolgt von einer kritischen Diskussion theoretischer Ansätze und Konsequenzen für die Fremdübersetzung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Begriffe wie Bilinguismus, autoriale Übersetzung, Textgenese, kulturelle Adaptation und das Verhältnis von Original zu Selbstübersetzung stehen im Zentrum der terminologischen Auseinandersetzung.
Wie unterscheidet sich der autoriale Übersetzer vom Fremdübersetzer?
Der autoriale Übersetzer ist im Gegensatz zum Fremdübersetzer identisch mit dem Autor des Originals, was ihm einen privilegierten Zugang zur Intention ermöglicht und ihm in der Regel größere Freiheiten bei der Umgestaltung seines Textes einräumt.
Welche besondere Rolle spielt die Zeit bei der Selbstübersetzung?
Die zeitliche Komponente ist entscheidend: Es wird zwischen simultaner Übersetzung (während der Entstehung des Originals) und zeitversetzter Übersetzung (delayed auto-translation) unterschieden, wobei letztere oft eine distanziertere Revision des Textes ermöglicht.
Warum wird das Werk von Samuel Beckett so häufig als Referenz herangezogen?
Beckett gilt als der bekannteste Selbstübersetzer, weshalb er in der Forschung als primäres Studienobjekt dient. Die Arbeit nutzt ihn als Vergleichspunkt, um die Einzigartigkeit anderer, bisher weniger beachteter Autoren herauszuarbeiten.
Was schlussfolgert die Arbeit hinsichtlich der Praxis von Fremdübersetzern?
Die Arbeit stellt fest, dass Fremdübersetzer beim Vorliegen einer Selbstübersetzung vor der Wahl stehen, das Original oder die Selbstübersetzung als Basis zu nutzen. Eine "wahrhafte Synthese", wie sie etwa Elmar Tophoven praktizierte, bleibt jedoch eine seltene Ausnahme im Übersetzeralltag.
- Arbeit zitieren
- Eva Gentes (Autor:in), 2008, Toujours infidèle – Writing from the midzone: Die literarische Selbstübersetzung im 20. Jahrhundert , München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/122638