Cidade de Deus wird zu City of God: „Deutsche“ Titelübersetzung als Ideengeber für die vorliegende Arbeit.
Als der Film Cidade de Deus 2003 in Deutschland anlief, war ich sehr überrascht, dass der Film die entsprechende englische Titelübersetzung, City of God, bekommen hat. Dies hat mich sehr beschäftigt und ich sah in der Diplomarbeit die Möglichkeit zur Ausarbeitung des Themas. Ausgangspunkt war eine potenzielle Fehlrezeption. Bereits durch die Titelübernahme unterstützt von mangelden Hintergrundkenntnissen seitens des deutschen Publikums konnte ich nicht verstehen, dass man einen brasilianischen Titel aus dem Englischen übernimmt ohne weitere Erklärungen dafür zu geben. Die kommerziellen Absichten, die damit verbunden sind, waren mir von Anfang an bekannt, jedoch wurde die Gefahr einen deutschen Fehlrezeption vergrößert. Der Film wurde vom Publikum und von der Kritik insgesamt gut aufgenommen und 2003 in Deutschland laut einer Statistik aus der Lumiere-Datenbank von 447.001 Zuschauern gesehen. In Europa war der Film nur in Großbritanien noch erfolgreicher. Als Vergleich kann man Central do Brasil (1998) von Walter Salles heranziehen, auch ein weiterer erfolgreicher Film der brasilianischen retomada, der im Vergleich jedoch nur ca. 293.000 Zuschauer in Deutschland erreichte.
Die Arbeit ist in vier Kapitel gegliedert. Das erste Kapitel bildet einen Überblick über die Entstehung des Films Cidade de Deus und seinen Inhalt. Im zweiten Kapitel wird der brasilianische Film chronologisch dargestellt, um eine Grundlage für das bessere Verständnis des Kapitelschwerpunktes vorzubereiten: Die Auseinandersetzung um den heutigen brasilianischen Film.
Die Wiederbelebung und Verstärkung dieser Debatte durch Cidade de Deus verursachte außerdem eine interdisziplinäre Debatte: Von einer Ästhetik zu einer Kosmetik des Hungers. Diese Diskussion hat in Brasilien für enorme Auseinandersetzungen v. a. im Bereich der Medienwissenschaft gesorgt und kennzeichnet sie auch heute noch. Die Wissenschaftlerin Ivana Bentes prägte diese theoretische Welle mit ihrer Kosmetik des Hungers in Anlehnung an der von Glauber Rocha in den 60er Jahren entstandenen revolutionären Theorie der Ästhetik des Hungers. Die Ästhetik des Hungers fungierte als eine Art Manifest für das brasilianische cinema novo und diente als theoretische Grundlage der Bewegung.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Entstehung der Cidade de Deus: Realer und fiktiver Ort
2 Filmgeschichte in Brasilien
2.1 Entstehung des brasilianischen Films
2.2 Realitätsfilm in Brasilien: Eine Geschichte der Gattung
2.2.1 Realität im Film: Ein kurzer Überblick
2.2.2 Realität im brasilianischen Film: Eine Tradition?
2.2.3 Allegorie der Realität: Das Cinema Novo
2.2.4 Die letzten Jahrzehnte: Ein kurzer Überblick
2.3 Estética vs. Cosmética da Fome
2.3.1 Estética da Fome
2.3.2 Cosmética da Fome
2.3.2.1 Debatte über den heutigen brasilianischen Film und die Cosmética da Fome: Cidade de Deus als Vorreiter
2.4 Cidade de Deus: Zwischen Fiktion und Realität
2.4.1 Gewalt im brasilianischen Film
2.4.2 Gewalt in Cidade de Deus
2.4.3 Realitätseffekt in Cidade de Deus: Dokumentarische Fiktion und fiktive Dokumentation
3 Kosmetik des Hungers durch die Übersetzung des Films?
3.1 Ein kurzer Überblick über die Filmübersetzung
3.1.1 Untertitelung
3.1.2 Synchronisation
3.2 City of God: Ein mittelalterlich theologischer Titel oder Die Kirche lässt grüßen
3.3 Eigennamen: Eine Sache für sich
3.4 Die Synchronisation und Untertitelung im Film Cidade de Deus
3.4.1 Die Synchronisation in Cidade de Deus
3.4.2 Die Untertitelung in Cidade de Deus
3.5 Ausgewählte Beispielszenen für die Übersetzungsanalyse
3.5.1 Szene 1: Die Entstehung der Stadt Gottes (00:01:59 bis 00:07:52)
3.5.2 Szene 2: Der Überfall auf das Motel (00:10:21 bis 00:11:27)
3.5.3 Szene 3: Die Cocotas am Strand (00:32:53 bis 00:34:22)
4 Rezeption des Films Cidade de Deus in Deutschland: Eine Fehlrezeption?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rezeption des brasilianischen Films Cidade de Deus in Deutschland mit einem Fokus auf die Rolle der Filmübersetzung (Synchronisation und Untertitelung). Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, ob die spezifische Art der Übersetzung sowie eine mangelnde Kontextualisierung zu einer Fehlrezeption beim deutschen Publikum beigetragen haben und inwiefern die theoretische Debatte um die "Kosmetik des Hungers" in diesem Kontext eine Rolle spielt.
- Analyse der brasilianischen Filmgeschichte und der Entwicklung des Realitätsfilms.
- Diskussion der interdisziplinären Debatte: Ästhetik des Hungers versus Kosmetik des Hungers.
- Untersuchung der filmischen Darstellung von Gewalt und deren Wahrnehmung.
- Kritische Analyse der Übersetzungsstrategien (Titelwahl, Synchronisation, Untertitelung) anhand konkreter Szenenbeispiele.
- Betrachtung des interkulturellen Transfers und der Gefahr von Fehlrezeptionen.
Auszug aus dem Buch
3.5.1 Szene 1: Die Entstehung der Stadt Gottes (00:01:59 bis 00:07:52)
Man muss sich auch im Klaren darüber sein, dass durch wirtschaftliche Zwänge die Filme in Rekordzeiten fertig gestellt werden müssen. Daher bleibt meist keine Zeit für das Korrektur lesen und die Revision übrig, ganz abgesehen von der Zusammenarbeit mit Übersetzungs- bzw. Medienübersetzungsexperten.
Einige problematische Stellen in den ausgewählten Szenen sowohl im Bereich der Untertitelung als auch im Bereich der Synchronisation werde ich nun näher analysieren. Die zu besprechenden Stellen werden mit Zahlen im Original und in der entsprechenden Übersetzung versehen und punktuell abgehandelt. Im vierten Kapitel werde ich dann auf mögliche Rezeptionsfehler auch anhand der deutschen Version eingehen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung des Themas und der Forschungsfrage bezüglich einer potenziellen Fehlrezeption von Cidade de Deus in Deutschland durch unzureichende Titelübernahme und fehlende Kontextualisierung.
1 Entstehung der Cidade de Deus: Realer und fiktiver Ort: Überblick über die Ursprünge des Begriffs Favela, den Roman von Paulo Lins und die Entstehung des Films von Fernando Meirelles.
2 Filmgeschichte in Brasilien: Chronologische Darstellung des brasilianischen Kinos mit Fokus auf die Entwicklung zum Realitätsfilm und die theoretischen Debatten über Ästhetik und Gewalt.
3 Kosmetik des Hungers durch die Übersetzung des Films?: Analyse der Übersetzungsstrategien des Films, der Problematik der Titelwahl sowie der Auswirkung von Synchronisation und Untertitelung auf die Wahrnehmung der Originalatmosphäre.
4 Rezeption des Films Cidade de Deus in Deutschland: Eine Fehlrezeption?: Untersuchung der deutschen Rezeption anhand von Pressekritiken und Zusammenführung der Erkenntnisse zur Frage, ob ein interkultureller Transfer des Films geglückt ist.
Schlüsselwörter
Cidade de Deus, City of God, Brasilianischer Film, Filmübersetzung, Synchronisation, Untertitelung, Fehlrezeption, Ästhetik des Hungers, Kosmetik des Hungers, Ivana Bentes, Glauber Rocha, Cinema Novo, Gewalt, Interkultureller Transfer, Retomada.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die deutsche Rezeption des Films Cidade de Deus und analysiert, wie die gewählte Filmübersetzung (Titel, Synchronisation, Untertitelung) das Verständnis des Films beim deutschen Publikum beeinflusst hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft brasilianische Filmgeschichte und theoretische Debatten über Armut und Gewalt im Film mit übersetzungswissenschaftlichen Ansätzen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll geprüft werden, ob die deutsche Synchronfassung und Untertitelung zu einer Fehlrezeption beigetragen haben, insbesondere im Hinblick auf die Debatte um die "Kosmetik des Hungers".
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine filmhistorische Einordnung mit einer vergleichenden Übersetzungsanalyse (Original vs. deutsche Version) und stützt sich auf Rezensionen und kritische Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Neben der Filmgeschichte Brasiliens analysiert die Arbeit die Debatte zwischen der "Ästhetik des Hungers" (Glauber Rocha) und der kritischen Sichtweise der "Kosmetik des Hungers" (Ivana Bentes) sowie konkrete Beispielszenen aus dem Film.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Cidade de Deus, Filmübersetzung, interkultureller Transfer, Fehlrezeption und Ästhetik des Hungers.
Warum wird die deutsche Titelübersetzung "City of God" kritisiert?
Die Autorin argumentiert, dass der englische Titel keine Verbindung zur brasilianischen Realität herstellt und beim deutschen Publikum falsche Erwartungen weckt, die den Zugang zur tatsächlichen Problematik des Films erschweren.
Welche Rolle spielt die Gewaltdarstellung im Film laut der Autorin?
Gewalt wird im Film als zentrales Element der Favela-Realität begriffen; die Kritik entzündet sich daran, ob diese Gewalt pädagogisch sinnvoll dargestellt wird oder lediglich zur Unterhaltung ("Kosmetik") dient.
Wie bewertet die Autorin die deutsche Synchronisation?
Sie bewertet die Synchronisation als problematisch, da durch die Anpassung der Sprache und Stimmen (z. B. Xavier Naidoo als Sprecher für einen Jugendlichen) die authentische Atmosphäre und der soziolinguistische Kontext des Originals verloren gehen.
- Arbeit zitieren
- Dipl. Übersetzerin Alessandra Gusatto (Autor:in), 2006, Ästhetik oder Kosmetik? Eine kontroverse Debatte um den Film "Cidade de Deus" und seine Rezeption in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/122529