Neben Calderón, Lope de Vega und Francisco de Quevedo ist Miguel de Cervantes wohl der wichtigste Literat des Siglo de Oro. Sein zweiteiliges Werk "El ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha" schrieb Geschichte und gehört noch heute zum Kanon der Weltliteratur.
Es ist kein Wunder, dass dieser eigentliche Hypertext – um mit Genettes Begriffen zu arbeiten – zu einem Hypotext geworden ist. Viele Werke haben Jahrhunderte später Elemente dieses Romans wieder aufgenommen und sie neu verarbeitet. Flaubert mit seiner bücherkranken "Madame Bovary", Jorge Luis Borges in Gedichten wie "Sueña Alonso Quijano" oder "El testigo", Thomas Mann mit seinem Essay "Meerfahrt mit Don Quijote" (1934) und viele andere Schriftsteller haben sich von Don Quijote inspirieren lassen.
In der vorliegenden Arbeit soll nun ein weiteres Buch betrachtet werden, dessen Bezug zum Don Quijote bis lang noch nicht ausführlich untersucht wurde: Paul Austers "City of Glass", der erste Teil seiner "New-York-Trilogie" (1978).
Explizit bestätigte Paul Auster allerdings nie eine intertextuelle Beziehung zwischen Don Quijote und City of Glass. Dennoch, und gerade aus diesem Grund, möchte ich anhand dieser beiden Texte beweisen, dass dem so ist, um damit auch zu veranschaulichen, wie zeitlos und aktuell Cervantes Werk heute noch ist.
Dafür werde ich zunächst einige Begriffe von Gerard Genette klären, die mir für die folgende Untersuchung als besonders wichtig erscheinen. Anschließend werde ich die strukturellen und formalen Gemeinsamkeiten der beiden Romane herausarbeiten und dann auf den Inhalt eingehen. Ein Fazit wird die erarbeiteten Ergebnisse darstellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Drei Schlüsselbegriffe der Erzähltheorie nach Gérard Genette
2.1. Transtextualität
2.2. Fokalisierung und Stimme
2.3. Kommunikationsmodell narrativer Texte
2.4. Metalepse und mise en abyme
3. Paul Auster, City of Glass – Zusammenfassung des Inhalts
4. Inhaltliche Bezüge auf Don Quijote in City of Glass
4.1. Intertextualität in Form einer expliziten Anspielung
4.2. Der Wahn der Bücher
5. Strukturelle Bezüge auf Don Quijote in City of Glass
5.1. Die Erzählkonstellation – ein Spiel mit den Identitäten
5.2. Zur Metalepse
5.3. Die Bedeutungen der Namen
6. Imitation und Transformation
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die intertextuellen und strukturellen Verbindungen zwischen Miguel de Cervantes' „Don Quijote“ und Paul Austers Roman „City of Glass“. Dabei wird analysiert, inwiefern Austers Werk als eine moderne Transformation oder Nachahmung des klassischen Ritterromans zu verstehen ist und welche Bedeutung diese Bezugnahme für die Thematisierung von Identität, Realität und Fiktion hat.
- Anwendung der erzähltheoretischen Konzepte von Gérard Genette
- Analyse der intertextuellen Bezüge und Anspielungen
- Untersuchung der strukturellen Gemeinsamkeiten und Erzählkonstellationen
- Deutung der Symbolik von Namensgebungen in beiden Werken
- Bewertung von „City of Glass“ als Imitation und Transformation
Auszug aus dem Buch
Die Erzählkonstellation – ein Spiel mit den Identitäten
Ich bin der Meinung, dass man die oben erwähnte Textstelle aus City of Glass, in der der fiktive Auster über Don Quijote referiert nicht nur als Metalepse, sondern auch als eine mise en abyme bezeichnen könnte. Denn hier lässt der reale Autor sein fiktives Ich das Prinzip bzw. die Thematik seines eigenen Buches anhand des Don Quijote erklären.
Denn in City of Glass wird – wie auch beim Don Quijote – nie ganz klar, wer eigentlich wer ist. Auf der intradiegetischen Ebene ist Quinn ein Schriftsteller der unter dem Namen William Wilson Bücher publiziert deren Hauptfigur Max Work ist. Quinn fühlt sich nicht für seine Bücher verantwortlich – dank seines Pseudonyms. Er vergleicht diese Dreierkonstellation mit einem Bauchredner: Wilson sei der Mensch aus Fleisch und Blut und Max Work die belebte Stimme. Quinn selber sieht sich lediglich als die Puppe. Im Laufe der Handlung des Buches wird deutlich dass Quinn sich häufig selber nicht ganz klar darüber ist, wer er eigentlich ist. Er verliert sich in den Identitäten der fiktiven Figuren seiner Werke und spricht über sie als wären sie real. Dann kommt noch hinzu, dass Quinn mit einem Paul Auster verwechselt wird der dem realen Autor des Romans sehr ähnlich ist (seine Frau hat den gleichen Namen wie Austers Frau, Don Quijote ist sein Lieblingsbuch, er hat ein Kind, ist Schriftsteller etc.). Quinn kommt auch hier mit den Identitäten durcheinander, d.h. er versucht sich die Identität des fiktiven Paul Auster zeitweise zu Eigen zu machen. Dennoch ist der fiktive Paul Auster nicht der Erzähler des Romans. Wer der extradiegetische Erzähler ist, bleibt unklar, doch es ist nicht Auster selbst. Erst am Ende wird klar, dass es zumindest ein homodiegetischer Erzähler sein muss, denn er bezeichnet sich selber als einen Freund von Auster.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zur Bedeutung von Cervantes' Werk und Definition des Untersuchungsgegenstandes, Paul Austers „City of Glass“.
2. Drei Schlüsselbegriffe der Erzähltheorie nach Gérard Genette: Einführung in die methodischen Grundlagen der Arbeit, insbesondere Transtextualität, Erzählebenen und Metalepse.
3. Paul Auster, City of Glass – Zusammenfassung des Inhalts: Darstellung der Handlung und der zentralen Charaktere des Romans „City of Glass“ als Basis für die Analyse.
4. Inhaltliche Bezüge auf Don Quijote in City of Glass: Untersuchung expliziter Verweise und thematischer Gemeinsamkeiten wie dem Einfluss von Büchern.
5. Strukturelle Bezüge auf Don Quijote in City of Glass: Analyse komplexer erzählstruktureller Parallelen, insbesondere Identitätsspiele, Metalepsen und Namensbedeutungen.
6. Imitation und Transformation: Zusammenführende Diskussion der theoretischen Einordnung des Auster-Romans in das Genette-Modell.
7. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Reflexion über die Zeitlosigkeit von Cervantes' Werk.
Schlüsselwörter
Don Quijote, City of Glass, Paul Auster, Miguel de Cervantes, Intertextualität, Gérard Genette, Erzähltheorie, Metalepse, Identität, Literaturwissenschaft, Hypotext, Hypertext, Romananalyse, Ritterroman, Postmoderne
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die intertextuellen und strukturellen Verbindungen zwischen dem klassischen Roman „Don Quijote“ von Miguel de Cervantes und Paul Austers zeitgenössischem Werk „City of Glass“.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen die literarische Intertextualität, die Erzähltheorie nach Gérard Genette, das Spiel mit Identitäten sowie die Macht von Büchern auf die Wahrnehmung der Realität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Austers „City of Glass“ in enger hypertextueller Beziehung zu „Don Quijote“ steht und dessen strukturelle und inhaltliche Motive transformativ weiterentwickelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse herangezogen?
Die Autorin verwendet primär die erzähltheoretischen Konzepte von Gérard Genette, um die komplexen narrativen Strukturen und das Verhältnis von Hypotext und Hypertext zu analysieren.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine inhaltliche Analyse (Anspielungen, Wahn der Bücher) und eine strukturelle Untersuchung (Identitätsverlust, Metalepsen und Namensbedeutungen) der beiden Werke.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Transtextualität, Metalepse, Mise en abyme, Identitätskonstellation und die Unterscheidung zwischen Imitation und Transformation im literarischen Kontext.
Wie spielt die Namensgebung für die Analyse eine Rolle?
Namen werden in beiden Werken nicht zufällig gewählt, sondern dienen als Schlüssel zur Decodierung der „Doppelbödigkeit“ und zur Offenlegung der literarischen Verweise.
Wie ist die Unzuverlässigkeit des Erzählers in „City of Glass“ zu bewerten?
Die Unzuverlässigkeit wird primär auf die internen Fokalisierungen des Erzählers zurückgeführt, was den Leser in einen Zustand der Verwirrung versetzt, der dem Identitätsverlust des Protagonisten entspricht.
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- Nora Haller (Author), 2007, Don Quijote und Daniel Quinn, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/120655