(...) Ulbricht isolierte sich immer mehr, sowohl bei den sowjetischen Machtha-bern als auch bei den eigenen Parteigenossen, während Honecker Gegner der Ulbricht’schen Politik um sich sammelte und sich am Ende auch der Unterstützung bzw. Billigung der Sowje-tunion sicher sein konnte. Allerdings unterlag die Wachablösung von Partei- und Staatsführung in der so genannten Diktatur des Proletariats ungeschriebenen Gesetzen. Es waren weder Mehr-heitsverhältnisse noch Sympathien von Bedeutung. Ausschlaggebend war hingegen, dass der „Kronprinz“ vom Apparat der Partei geprägt und geformt worden war, als prinzipienfest im Sinne des marxistisch-leninistischen Dogmas galt und sich im Umgang mit der Macht bereits bewährt hatte.1 Diese Hausarbeit zielt darauf ab, den Prozess der Ablösung Ulbrichts und die damit einher-gehende Stärkung der Position Honeckers zu untersuchen. Dabei müssen Schwerpunkte gesetzt werden, weil der Rahmen sonst gesprengt werden würde. Zunächst wird das politische Wirken Walter Ulbrichts bis 1961 untersucht. Hier musste eine Zäsur gesetzt werden und das Jahr 1961 kann als solche gesehen werden, da der Mauerbau ein „neues Zeitalter“ in der DDR-Entwicklung einläutete und Ulbrichts Position nach dem Krisenjahr 1953 wieder gefestigt war. Wichtig ist die Betrachtung von Ulbrichts politischer Tätigkeit, weil dies seine besondere Posi-tion in der SED, aber auch in Moskau erklärt. Allerdings wurden auch hier Schwerpunkte ge-setzt. Die folgenden Jahre nach 1961 sollen aber im Zusammenhang mit der allmählichen Ablö-sung Ulbrichts intensiver betrachtet werden. Im zweiten Kapitel soll Erich Honeckers Karriere als Ulbrichts „Kronprinz“ untersucht werden. Dabei soll der Einfluss Ulbrichts auf eben diese berücksichtigt werden. Es wird aber auch untersucht, inwiefern die Beziehungen zwischen bei-den Politikern so harmonisch waren, wie es propagandiert wurde. Anschließend werden Ent-fremdungstendenzen betrachtet, die sich im Laufe der letzten Jahre Ulbrichts deutlich aufzeig-ten: zwischen ihm und der Breschnew-Führung, dem Politbüro und den Parteigenossen sowie in Bezug auf die Deutschlandpolitik. Der Prozess der Ablösung war mit dem Jahre 1971 und der Aufgabe der Ämter noch nicht beendet. Das Politbüro arbeitete weiter daran, Ulbricht in Miss-kredit zu bringen und ihn politisch mundtot zu machen. Das soll im fünften Kapitel untersucht werden, bevor in der Schlussbetrachtung Resümee gezogen werden soll
Inhaltsverzeichnis der Arbeit
1 Einleitung
2 Kurzer Abriss des politischen Wirkens Walter Ulbrichts bis 1961
3 „Kronprinz“ Erich Honecker
4 Entfremdungstendenzen
4.1 Entfremdung zur Sowjetunion
4.2 Entfremdung zum Politbüro und Parteigenossen
4.3 Die Frage der deutsch-deutschen Beziehungen
5 Der Ablösungsprozess
6 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen der Seminararbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den komplexen Prozess der Ablösung Walter Ulbrichts als Erster Sekretär der SED durch Erich Honecker. Dabei wird analysiert, inwiefern interne Machtkämpfe, wirtschaftspolitische Differenzen und das angespannte Verhältnis zur sowjetischen Führung unter Leonid Breschnew diesen politischen Zäsur-Moment herbeiführten und wie Honecker seine eigene Position innerhalb der Partei strategisch festigte.
- Politischer Werdegang und Machtbasis von Walter Ulbricht bis 1961
- Aufstieg von Erich Honecker zum designierten Nachfolger
- Konfliktlinien zwischen der SED-Spitze und der sowjetischen KPdSU
- Innenparteiliche Entfremdung und die Rolle des Neuen Ökonomischen Systems (NÖS)
- Deutschlandpolitik als Spannungsfeld zwischen Ulbricht und Moskau
Auszug aus dem Buch
4.1. Entfremdung zur Sowjetunion
Die Beziehungen zum Bruderland Sowjetunion waren für die DDR von unermesslicher Bedeutung. Dementsprechend war man darauf erpicht eben diese bilateralen Beziehungen freundschaftlich zu halten. Aber seit dem Tode Stalins 1953 hatte sich der Ton zwischen beiden Ländern merklich abgekühlt. Nikita Chruschtschow und Walter Ulbricht hatten einige Meinungsverschiedenheiten. „Wir haben den Krieg gewonnen. Unsere Arbeiter werden nicht eure Toiletten putzen“, blaffte der sowjetische Parteichef Ulbricht in seinem barschen Ton und seiner emotionalen Art an, als der SED-Chef ihn bat, zur Unterstützung der DDR-Wirtschaft sowjetische Gastarbeiter nach Ostdeutschland zu schicken. Meinungsverschiedenheiten an sich sind nicht problematisch, normalerweise hatte sich die DDR der Sowjetunion zu beugen. Aber ab Ende der 1960er Jahre verschlechterten sich die Beziehungen vehement. Ulbricht wurde eigensinniger in Bezug auf die Entwicklung der DDR. Dieses Verhalten resultierte in tiefem Misstrauen und Konflikten, so dass auch die sowjetische Führung 1971 Ulbricht nicht länger tragen wollte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung umreißt die historische Bedeutung der Machtübergabe von Walter Ulbricht an Erich Honecker und stellt die methodische Herangehensweise der Arbeit dar.
2 Kurzer Abriss des politischen Wirkens Walter Ulbrichts bis 1961: Dieses Kapitel zeichnet den Aufstieg Ulbrichts zum kommunistischen Führer in Deutschland nach und beleuchtet seine Rolle bei der Etablierung der SED-Herrschaft.
3 „Kronprinz“ Erich Honecker: Hier wird die Karriere von Erich Honecker analysiert, insbesondere wie er das Vertrauen Ulbrichts gewann und sich als dessen Nachfolger in Stellung brachte.
4 Entfremdungstendenzen: Dieses zentrale Kapitel behandelt die wachsenden Konflikte Ulbrichts mit der Sowjetunion, den eigenen Parteigenossen und seine abweichenden Vorstellungen in der Deutschlandpolitik.
5 Der Ablösungsprozess: Das Kapitel beschreibt den konkreten Verlauf der Entmachtung Ulbrichts im Jahr 1971 und die erfolgreiche Machtübernahme durch Honecker.
6 Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung resümiert die Ursachen für Ulbrichts Sturz und bewertet den Führungswechsel als tiefgreifenden Politikwechsel innerhalb der DDR.
Schlüsselwörter
Walter Ulbricht, Erich Honecker, DDR, SED, Sowjetunion, Leonid Breschnew, Machtwechsel, Politbüro, Deutschlandpolitik, Sozialismus, Führungskrise, Entfremdung, Parteiapparat, KPdSU, politische Zäsur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den politischen Sturz Walter Ulbrichts und den damit verbundenen Machtaufstieg Erich Honeckers in der DDR zu Beginn der 1970er Jahre.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Machtstrukturen der SED, die Abhängigkeit von der Sowjetunion sowie die wirtschafts- und deutschlandpolitischen Differenzen, die zum Zerwürfnis zwischen Ulbricht und Moskau führten.
Welches ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es, den Prozess der Ablösung Ulbrichts zu untersuchen und aufzuzeigen, wie sich Honecker als Alternative etablierte und welche Rolle die sowjetische Führung dabei spielte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine tiefgehende Literaturanalyse, um den historischen Kontext und die internen Parteidynamiken der DDR-Führung zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die politische Biografie Ulbrichts, die Aufstiegskariere Honeckers, die Analyse von Entfremdungsprozessen auf verschiedenen Ebenen und den konkreten Ablauf der Machtübernahme.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Machtwechsel, SED-Führung, Sowjet-DDR-Beziehungen und Ulbricht-Ära beschreiben.
Warum galt das Jahr 1961 als eine wichtige Zäsur für Ulbricht?
Das Jahr 1961 mit dem Mauerbau wird als Zäsur betrachtet, da es die Macht Ulbrichts stabilisierte, gleichzeitig aber ein neues Zeitalter der DDR-Entwicklung einleitete.
Welche Rolle spielte Leonid Breschnew bei der Entmachtung Ulbrichts?
Breschnew war maßgeblich an der Entscheidung beteiligt, Ulbricht zu ersetzen, da dieser durch seine eigenwillige Deutschlandpolitik und wirtschaftspolitische Fehler das Vertrauen der sowjetischen Führung verloren hatte.
- Arbeit zitieren
- Elisa Mätzig (Autor:in), 2008, Der Sturz des Walter Ulbricht, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/119463