Siegfried Kracauer veröffentlichte 1929 im Feuilleton der Frankfurter Zeitung seine Aufsehen erregende Studie „Die Angestellten. Aus dem neuen Deutschland“, in welcher er eine Berufsgruppe porträtiert, deren Situation „sich seit den Jahren vor dem Krieg von Grund auf verändert“ hat. In Deutschland gab es zu dieser Zeit 3,5 Millionen Angestellte, davon 1,2 Millionen Frauen.
Schon vor dem Ersten Weltkrieg wuchsen die Städte sehr stark. Dadurch wandelte sich auch die Struktur der Wirtschaft: Es entstanden neue Arbeitsfelder, die es außerhalb dieser großen Städte vorher nicht gegeben hatte. Das Zusammenleben so vieler Menschen auf verhältnismäßig kleinem Raum musste organisiert werden, was von Stadtverwaltungen und ihren Angestellten erledigt wurde. Die vielen Handels-, Finanz- und Industrieunternehmen, die sich im urbanen Raum ansiedelten, stellten u.a. kaufmännische Angestellte ein, die mit 2,25 Millionen Menschen die größte Gruppe innerhalb der Angestellten darstellte. Es folgten 1,35 Millionen Industrieangestellte und jeweils ungefähr 250.000 Büroangestellte, Techniker und Werkmeister.
Die schnell wachsende Zahl der Angestellten wurde nach dem Krieg noch größer, da vor allem durch die Inflation ruinierte Selbstständige aus Handwerk und Handel in die Angestelltenberufe drängten.
Inhaltsverzeichnis
1. Zur Soziologie der Angestellten
1.1 Überblick über das Leben der Angestellten
1.2 Die wirtschaftliche und soziale Lage in den Jahren von 1930 bis 1932
1.3 Angestellte versus Arbeiter
2. Fallada und der Angestelltenroman
2.1 Zur Entstehung: Motivation und Intention
2.2 Gattungsfragen
2.3 Der Weg des Protagonisten
3. Die Arbeitswelt
3.1 Die Darstellung im Roman
3.2 Aus der Sicht von Johannes Pinneberg
3.3 Der Blick auf andere
3.4 Die Kollegen
3.4.1 Kube
3.4.2 Heilbutt
3.4.3 Fazit
3.5 Vitamin B
4. Biographische Aspekte
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen Deutschlands zu Beginn der 1930er Jahre anhand von Hans Falladas Roman „Kleiner Mann – was nun?“. Im Zentrum steht dabei die Figur des Johannes Pinneberg, dessen Schicksal als Angestellter im Kontext von Massenarbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Krise analysiert wird.
- Soziologische Einordnung der Angestellten in der Weimarer Republik.
- Einfluss der wirtschaftlichen Krise und Rationalisierung auf das Arbeitsleben.
- Differenzierung zwischen Angestellten und der Arbeiterschaft.
- Analyse der Romanfiguren und ihrer jeweiligen Bewältigungsstrategien.
- Biographische Parallelen zwischen Hans Fallada und seinem Protagonisten.
Auszug aus dem Buch
3.4.1 Kube
Mit diesem arbeitet Pinneberg an einem Wochenende zusammen, als bei Emil Kleinholz kurzfristig viel Weizen abgewogen werden muss und dieser deshalb in kurzer Zeit viele Helfer auftreiben muss, unter anderem Kube. Der ist ein ehemaliger Arbeiter von Kleinholz und lässt sich, ganz im Gegensatz zu Pinneberg, von Kleinholz nichts gefallen. Der Leser erfährt, dass er Kleinholz bereits dreimal vor Gericht gebracht hat. „Ich geh auch viertens. Ich hab keine Bange, Herr Kleinholz“49 droht er dem Chef, der ihm unterstellt, geklaut zu haben. Ehe der Chef kurz darauf in sein Büro geht, befiehlt er Pinneberg, aufzupassen: „Ich geh mal auf’s Büro, Pinneberg. Passen Sie hier auf, dass weitergemacht wird. Vesper gibt’s nicht, verstanden? Sie stehen mir dafür, Pinneberg!“50 Doch kaum hat Kleinholz den Weizenboden verlassen, fängt Kube an zu vespern und beruft sich dabei auf Tarifbestimmungen, in denen Vesper vorgesehen sind. Pinneberg gerät deshalb sehr unter Druck und bittet Kube, damit aufzuhören, da er großen Ärger mit Kleinholz befürchtet. Auf seine Äußerung „Wenn Sie in meiner Lage wären Kube…“ sagt dieser: „Weeß [sic!] ich. Weeß [sic!] ich. Wenn alle so dächten wie Sie, junger Mann, dann dürften wir wohl wegen der Herren Arbeitgeber in Ketten schuften und für jedes Stück Brot ’nen Psalm singen. […] Sie werden ja auch noch erleben, wie weit Sie mit der Kriecherei kommen.“51
Kube ist also eine Figur, die sich, ganz im Gegensatz zu Pinneberg, nicht einschüchtern lässt und seine Rechte durchzusetzen versucht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zur Soziologie der Angestellten: Dieses Kapitel beleuchtet die prekäre Lebens- und Arbeitssituation der Angestellten in Deutschland zwischen 1930 und 1932 und setzt sie in Kontrast zur Arbeiterschaft.
2. Fallada und der Angestelltenroman: Hier wird die Entstehungsgeschichte des Romans sowie die Gattungsproblematik diskutiert, wobei die Entwicklung des Protagonisten im Zentrum der Betrachtung steht.
3. Die Arbeitswelt: Dieses Kapitel analysiert detailliert, wie Johannes Pinneberg seine Arbeitswelt erlebt, und kontrastiert dies mit anderen Romanfiguren wie Kube, Heilbutt und Jachmann.
4. Biographische Aspekte: Der Autor untersucht die Parallelen zwischen Hans Falladas eigenem Leben, seinen persönlichen Erfahrungen als kleiner Angestellter und der Gestaltung des Romans.
Schlüsselwörter
Hans Fallada, Kleiner Mann – was nun?, Weimarer Republik, Angestellte, Johannes Pinneberg, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Proletarisierung, Rationalisierung, Soziale Lage, Literaturanalyse, Siegfried Kracauer, Angestelltenroman, Biographische Aspekte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die soziologische und politische Situation der Angestellten in der Weimarer Republik, veranschaulicht an der Romanfigur Johannes Pinneberg bei Hans Fallada.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Arbeitswelt der frühen 1930er Jahre, der Angst vor Arbeitslosigkeit, sozialen Unterschieden und dem Identitätsverlust des "kleinen Mannes".
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor der Arbeit?
Das Ziel ist es, das Spannungsfeld zwischen individueller Ohnmacht des Angestellten und den gesellschaftlichen Krisenbedingungen darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methodik wurde angewandt?
Es handelt sich um eine textanalytische Untersuchung, die durch soziologische Studien der Zeit (insb. Kracauer) und biographische Hintergrundinformationen gestützt wird.
Was wird primär im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Darstellung der Arbeitswelt im Roman, den unterschiedlichen Reaktionen der Charaktere auf ihre prekäre Lage sowie dem Einfluss biographischer Faktoren auf das Werk.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind "Angestelltenroman", "soziale Unsicherheit", "Proletarisierung" und das "Streben nach dem schönen Schein".
Wie unterscheidet sich Johannes Pinneberg von anderen Charakteren wie Kube oder Heilbutt?
Während Pinneberg unterwürfig und ängstlich agiert, um seinen Status zu bewahren, zeichnen sich Kube durch gewerkschaftliches Bewusstsein und Heilbutt durch unternehmerische Eigeninitiative aus.
Welche Rolle spielt die Figur "Lämmchen" für den Protagonisten?
Lämmchen fungiert als moralischer Anker und Rückhalt für Pinneberg und stellt einen positiven Gegenentwurf zur allgemein trostlosen gesellschaftlichen Lage dar.
- Quote paper
- Florian Brücher (Author), 2008, Die Not des Angestellten Pinneberg ("Kleiner Mann - was nun?" von Hans Fallada), Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/119036