Antisemitismusforschung und deutsch- jüdische Geschichte haben in den letzten Jahren herausgearbeitet, dass
positive wie negative Haltungen gegenüber Juden auch im‚ Zeitalter der Säkularisierung’ ganz entscheidend
durch konfessionelle Milieus bestimmt wurden. Im Deutschen Kaiserreich war Antisemitismus nicht wie lange
Zeit angenommen ein Privileg protestantischer Nationalisten, sondern auch im katholischen Milieu verbreitet.
Unter Katholiken verband sich Judenfeindlichkeit mit Ultramontanismus und Antimodernismus, nicht jedoch mit
einem rassistischen Weltbild wie bei vielen protestantischen Nationalisten. Die grundsätzlich zutreffende
Unterscheidung zwischen katholischem (bzw. christlich- konservativem) und völkischem Antisemitismus hat
jedoch dazu geführt, dass in der Forschung Verbindungen zwischen beiden Antisemitismen übersehen wurden.
Auf dieses Defizit will der Essay mit einer Analyse der zahlreichen Bücher, Broschüren und Bilderbogen des
katholischen Schriftstellers Max Bewer hinweisen. Bewer strebte die Zusammenführung von völkischer
Bewegung und katholischem Milieu an, auf der Basis ‚des Juden’ als vermeintlicher Erzfeind aller Christen und
aller Deutschen.
Inhaltsverzeichnis
Abstract
I. Protestantismus – Katholizismus – Antisemitismus. Anmerkungen zum Stand der Forschung
II. Kurzbiographie Max Bewers
III. Bismarck – Kult und Antisemitismus im Kampf gegen den ‚Neuen Kurs’
IV. Das ‚Rembrandt- Buch’
V. Die Ritualmordlegende
VI. Der ‚deutsche Christus’ vom Niederrhein
VII. ‚Lösungen der Judenfrage’
VIII. Rezeption
IX. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Schrifttum des katholischen Schriftstellers Max Bewer, um die bisher in der Forschung oft getrennten Felder des katholischen und völkischen Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich als synthetisierte Ideologien aufzuzeigen.
- Analyse der Rolle Max Bewers als Bindeglied zwischen katholischem Milieu und völkischer Bewegung.
- Untersuchung der argumentativen Strategien zur Überwindung der Konfessionsspaltung durch einen gemeinsamen antisemitischen Feind.
- Darstellung der rassentheoretischen und esoterischen Umdeutung christlicher Identität (‚arischer Christus’).
- Untersuchung der medialen Verbreitung antisemitischer Stereotype durch die ‚Politischen Bilderbogen’.
Auszug aus dem Buch
V. Die Ritualmordlegende
Den Versuch einer Synthese von katholischem und völkischem Antisemitismus setzte Bewer mit seinen Auslassungen zur Ritualmordlegende zwischen 1892 und 1895 fort. Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts hatte sich in Europa der christliche Volksglauben verbreitet, dass Juden geheimen Religionsvorschriften folgend von Zeit zu Zeit christliche Knaben entführten, folterten und töteten. Dies diene dem Zweck, in verhöhnender Art und Weise die Passion Christi nachzustellen und Christenblut für religiöse Rituale zu gewinnen. Humanismus, Aufklärung, Wissenschaftsdenken und moderne Rechtsprechung konnten seit Mitte des 16. Jahrhunderts die Blutbeschuldigung gegen die Juden zurückdrängen. Doch mit dem Aufblühen des modernen Antisemitismus kehrte die Ritualmordlegende im 19. Jahrhundert nach Mitteleuropa zurück. In Deutschland und Österreich war sie bereits in den 1870er Jahren von katholisch- ultramontanen Geistlichen und Publizisten, allen voran der Prager Theologieprofessor August Rohling (1839- 1931), im Zusammenhang mit Angriffen auf den Talmud wieder aufgewärmt worden.
Seriöse Orientalisten und Theologen, darunter sogar der notorische Antisemit Paul de Lagarde, betonten in unzähligen apologetischen Schriften und juristischen Gutachten die Haltlosigkeit dieses Mythos. Dennoch kam es vor allem in katholischen Regionen immer wieder dazu, dass ungeklärte Kindsmorde zu vermeintlichen Ritualmordfällen erklärt und sogar als solche vor die Gerichte getragen wurden. In Österreich- Ungarn waren dies insbesondere die Fälle Tisza- Eszlár (1882) und Polná (1899), im Deutschen Reich die Fälle Skurz (1884), Xanten (1891) und Konitz (1900). Bewers niederrheinische Heimat hatte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts immer wieder als eine Hochburg des Ritualmordaberglaubens erwiesen. Entsprechende Verdächtigungen hatten bereits 1819 in Dormagen und Umgebung und von 1834 bis 1840 in der Region zwischen Aachen, Neuss und Bonn zu gewalttätigen Exzessen gegen die jüdische Minderheit geführt.
Zusammenfassung der Kapitel
Abstract: Zusammenfassung der Forschungslücke bezüglich der Verbindungen zwischen katholischem und völkischem Antisemitismus unter Berücksichtigung von Max Bewers Werken.
I. Protestantismus – Katholizismus – Antisemitismus. Anmerkungen zum Stand der Forschung: Diskussion des Forschungsstandes zur Rolle von Konfession und Religion im Antisemitismus des 19. Jahrhunderts.
II. Kurzbiographie Max Bewers: Darstellung des Lebensweges und der ideologischen Entwicklung des Schriftstellers Max Bewer.
III. Bismarck – Kult und Antisemitismus im Kampf gegen den ‚Neuen Kurs’: Analyse der Bismarck-Verehrung als Instrument der ‚neuen Rechten’ zur Mobilisierung gegen den ‚Neuen Kurs’.
IV. Das ‚Rembrandt- Buch’: Untersuchung des kulturellen Einflusses von Julius Langbehn und dessen Rezeption durch Bewer.
V. Die Ritualmordlegende: Analyse der rassentheoretischen Umdeutung der Ritualmordlegende durch Bewer am Beispiel des Falles Xanten.
VI. Der ‚deutsche Christus’ vom Niederrhein: Untersuchung von Bewers Konstruktion eines ‚arisch-niederdeutschen’ Christus als Synthese völkischer und christlicher Ideen.
VII. ‚Lösungen der Judenfrage’: Darlegung der von Bewer vorgeschlagenen radikalen Deportations- und Gewaltphantasien zur Rechristianisierung.
VIII. Rezeption: Untersuchung der zeitgenössischen Wirkung und der Wahrnehmung von Bewers Publikationen in verschiedenen politischen Lagern.
IX. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Argumentationsstrategien Bewers und ihrer Bedeutung für die Antisemitismusforschung.
Schlüsselwörter
Antisemitismus, Max Bewer, Katholizismus, völkische Bewegung, deutsches Kaiserreich, Ritualmordlegende, Kulturkampf, Bismarck-Mythos, Rassentheorie, Rechristianisierung, Politische Bilderbogen, Julius Langbehn, Konfessionsspaltung, Judenfrage, Antisemitismusforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Werk des Schriftstellers Max Bewer, um die oft übersehenen Schnittstellen zwischen katholischem und völkischem Antisemitismus im Wilhelminischen Deutschland aufzudecken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Rolle von Konfessionen im Antisemitismus, die völkische Bewegung, die politische Instrumentalisierung von Bismarck und die mediale Verbreitung antisemitischer Klischees.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu zeigen, wie Bewer versuchte, durch die Konstruktion eines antisemitischen Feindbildes eine Synthese aus katholischem Milieu und völkischem Nationalismus herzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine diskursgeschichtliche Analyse unter Einbeziehung von Publikationen, Bildern, zeitgenössischen Rezensionen und dem Vergleich mit gängigen Forschungspositionen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Bewers Schriften und Bilderbogen zu Themen wie dem ‚Rembrandt-Buch’, der Ritualmordlegende und der rassistischen Umdeutung des Christentums.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Antisemitismus, Max Bewer, Katholizismus, völkische Bewegung, Bismarck-Mythos und die ‚Judenfrage’.
Welche Rolle spielt der Fall Xanten in Bewers Denken?
Bewer nutzte den Fall Xanten, um die mittelalterliche Ritualmordlegende rassentheoretisch zu begründen und sich als Verteidiger der katholischen Volkskultur zu inszenieren.
Wie versuchte Bewer, die Konfessionsspaltung zu überwinden?
Bewer propagierte, dass Katholiken und Protestanten den Antisemitismus als gemeinsames ‚antisemitisches Feuer’ nutzen sollten, um durch den Kampf gegen die Juden eine christliche Einheit zu erreichen.
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- Thomas Gräfe (Author), 2008, Zwischen katholischem und völkischem Antisemitismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/116713