Die folgende Arbeit befasst sich mit der Suche nach dem Grundelement soziokultureller Evolution. In Betracht gezogen werden dabei verschiedene systemtheoretische Begriffe. Ausgehend von dem Kommunikationsbegriff, den Luhmann selbst als den Grundbegriff der Systemtheorie geprägt hat, fassen wir in unserer Diskussion auch die Begrifflichkeiten Handlung, Sinn, Form, Semantik und Sozialstruktur als potentielle Grundelemente soziokultureller Evolution ins Auge.
In einem ersten Teil versuchen wir, die zum Verständnis unserer Arbeit elementaren Kenntnisse über Evolution zu liefern. Anschließend erläutern wir kurz und ohne Anspruch auf Vollständigkeit im Hinblick auf unsere Diskussion die oben bereits aufgeführten Begriffskonstrukte aus der Systemtheorie. Wir beginnen beim Kommunikationsprozess, gehen über zu sozialen Handlungen, die Luhmann als eine Komplexitätsreduktion gegenüber dem dreistelligen Selektionsprozess von Kommunikation versteht und wenden uns dann dem Sinnbegriff zu; ein Begriff, dem von Luhmann eine hohe Relevanz für die Soziologie eingeräumt wird. Daran schließt sich unmittelbar der Begriff der Form an. Wir schließen den ersten Teil unserer Ausführungen mit einer Vorstellung der Begriffe Semantik und Sozialstruktur ab. Beide Begriffe sind eng miteinander verknüpft und stellen wichtige Elemente bei der Betrachtung der gesellschaftlichen Historie dar. Sie dienen uns also quasi als Spiegel von Evolution. Ob sie als Grundelement soziokultureller Evolution bestimmt werden können, wird sich im zweiten Teil unserer Ausführungen zeigen.
Der Chronologie des ersten Teils folgend, diskutieren wir die potentiellen Grundelemente und grenzen, wo nötig und möglich, die einzelnen Begriffe gegeneinander ab. Abschließend gehen wir genauer auf das von uns als Grundelement soziokultureller Evolution angesehene systemtheoretische Begriffskonstrukt ein. Wir schließen unsere Ausführungen mit einem philosophischen Ausblick auf die Ursprünge von Variation.
Inhaltsverzeichnis
1. Abstract
2. Einleitung
3. Erster Teil
3.1 Evolution
3.2 Erläuterungen zu den potentiellen Grundelementen sozio-kultureller Evolution
3.2.1 Kommunikation
3.2.2 Systeminterne Reduktion kommunikativer Komplexität durch den Begriff der Handlung
3.2.3 Der Sinnbegriff der Gesellschaft
3.2.4 Die Form von Sinn
3.2.5 Die gesellschaftliche Semantik
3.2.6 Zum Begriff der Sozialstruktur
4. Zweiter Teil
4.1 Diskussion der möglichen Grundelemente soziokultureller Evolution
4.1.1 Kommunikation und Handlung versus Sinn
4.1.2 Die Relevanz des Formbegriffs im Evolutionsprozess
4.1.3 Semantik und Sozialstruktur – eine weitreichende Problematik
4.2 Sinn als Grundelement soziokultureller Evolution
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die systemtheoretischen Grundlagen, um das primäre Grundelement soziokultureller Evolution zu identifizieren und dessen Rolle bei der Genese von Neuerung zu bestimmen.
- Systemtheoretische Evolutionstheorie nach Niklas Luhmann
- Analyse der Begriffe Kommunikation, Handlung und Sinn
- Die Funktion von Form und Semantik im Evolutionsprozess
- Das Verhältnis von Semantik und Sozialstruktur
- Sinn als zentrales Grundelement gesellschaftlicher Evolution
Auszug aus dem Buch
3.2.3 Der Sinnbegriff der Gesellschaft
Für das Funktionieren der Gesellschaft ist festzuhalten, dass psychische und soziale Systeme aufeinander angewiesen sind. Eine gemeinsame evolutionäre Errungenschaft, die beide Systemarten in gewisser Weise füreinander zugänglich macht, ist Sinn. Sinn steht als Überschuss von Verweisungen auf Möglichkeiten des Erlebens und Handelns den Systemen zur Verfügung. Dadurch kann die Welt im Ganzen offen gehalten werden, die Zugänglichkeit der Welt wird durch Sinn garantiert. Luhmann beschreibt die Welt als Summe allen Sinns.
„Sinn fungiert als Prämisse der Erlebnisverarbeitung in einer Weise, die die Auswahl von Bewusstseinszuständen ermöglicht, dabei das jeweils nicht Gewählte aber nicht vernichtet, sondern es in der Form von Welt erhält und zugänglich bleiben lässt.“ (Luhmann 1972: 34). Der Verweisungsüberschuss von Sinn konstituiert die reale Welt, die laut Luhmann ihre Grenze am Ende des Verweisungshorizontes findet. Luhmann kann sich eine Außenseite von Sinn, die überschritten werden kann, nicht vorstellen; also ist für Luhmann „Nicht- Sinn“ nicht möglich. Bereits hier wird die Tragweite des Sinnbegriffs in der Systemtheorie deutlich.
Der Zugang zur Welt durch Sinnformen zwingt zu Selektionen, Selektion geht aber immer auch mit Unsicherheitsfaktoren einher. Diese Unsicherheit wird dadurch kompensiert, dass Sinn das Anschließen von Erleben und Handeln aus einem Pool vorgegebener, redundanter Möglichkeiten ermöglicht. Sinn baut somit einen Sicherheitsgurt in Handlungen und Erleben der Systeme ein. „Sinn ist das Medium des Erlebens, des Handelns, des Denkens“ (Schützeichel 2003: 32). und wird von Luhmann daher auch als Universalmedium bezeichnet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Abstract: Kurze Zusammenfassung der Absicht, das Grundelement soziokultureller Evolution anhand systemtheoretischer Begriffe zu identifizieren.
2. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage und des methodischen Vorgehens bei der Untersuchung systemtheoretischer Grundbegriffe.
3. Erster Teil: Erläuterung der systemtheoretischen Grundlagen von Evolution und der Definitionen von Kommunikation, Handlung, Sinn, Form, Semantik und Sozialstruktur.
4. Zweiter Teil: Kritische Diskussion der vorgestellten Begriffe auf ihre Eignung als Grundelement soziokultureller Evolution mit dem Ergebnis, dass Sinn diese Rolle einnimmt.
5. Schlussbetrachtung: Reflexion über den Ursprung von Varianten und das Problem der Unmöglichkeit von „Nicht-Sinn“.
Schlüsselwörter
Systemtheorie, Niklas Luhmann, soziokulturelle Evolution, Sinn, Kommunikation, Handlung, Form, Semantik, Sozialstruktur, Autopoiesis, Selektion, Variation, Retention, Evolution, Gesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit primär?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Suche nach dem Grundelement, welches soziokulturelle Evolutionsprozesse innerhalb der Systemtheorie ermöglicht.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit behandelt die systemtheoretischen Kernbegriffe wie Kommunikation, Handlung, Sinn, Semantik und Sozialstruktur und deren Interdependenzen.
Was ist das Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Begriff zu identifizieren, der als basales Grundelement soziokultureller Evolution fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Es wird eine systemtheoretische Analyse und begriffliche Abgrenzung auf Basis der Literatur von Niklas Luhmann und weiterführender Interpreten vorgenommen.
Was ist der wesentliche Inhalt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Definition der Begriffe (erster Teil) und eine anschließende Diskussion ihrer Eignung als Evolutions-Grundelement (zweiter Teil).
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit maßgeblich?
Die Arbeit wird besonders durch die Begriffe Sinn, Evolution, Systemtheorie und Kommunikation charakterisiert.
Warum wird Sinn als Grundelement anderen Begriffen vorgezogen?
Sinn wird vorgezogen, da er die Voraussetzung für jegliche Kommunikation und Handlungsfähigkeit bildet und als instabiler „Sinnstrom“ die notwendige Variation für Evolution liefert.
Welche Rolle spielt der Begriff der „Semantik“ in der Argumentation?
Semantik wird als soziales Gedächtnis betrachtet, welches zwar Evolution widerspiegelt, jedoch selbst nicht die variationstreibende Kraft darstellt, da sie eher konservierend wirkt.
Wie wird das Problem von „Nicht-Sinn“ in der Arbeit reflektiert?
Der Autor diskutiert kritisch, ob Variationen aus einem „Nicht-Sinn“ entstehen könnten, kommt jedoch zum Schluss, dass für Luhmann Nicht-Sinn undenkbar ist und Variationen aus dem Sinn selbst resultieren müssen.
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- Dipl. Soz. Carolin Schneider (Author), 2003, Variation für Evolution, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/116413