Diese Arbeit befasst sich mit dem Thema der Medikalisierung und Pathologisierung von Herz- und Hirntod und spezialisiert sich insbesondere auf die Transplantationsmedizin.
Medikalisierung bezeichnet einen weitläufigen gesellschaftlichen Veränderungsprozess, durch den als zuvor alltägliche und normative Prozesse im Leben eines Menschen nun in den Tätigkeits- und somit auch im Verlauf den Handlungsbereich der Medizin übergehen. Kurz gefasst bedeutet dies, dass besonders Ärzte, aber auch die Pharmaindustrie dabei ein Monopol im jeweiligen Tätigkeitsbereich erhalten.
Dabei fallen mit zunehmender Häufigkeit die den Anfang des Lebens betreffenden Prozesse wie die Geburtenregulierung und Planung sowie die des Endes des Lebens betreffenden Prozesse, ergo das Sterben mit dem anschließenden Tod des Individuums, in den medizinischen Fachbereich. Dadurch wird versucht, diese eigentlich natürlichen, dennoch in gewisser Weise unberechenbaren Vorgänge, jetzt transparenter und somit wenn möglich auch teilweise steuerbar zu machen. Die Grenzen des Lebens und somit auch des Todes werden faktisch neu definiert, damit aber auch in gewisser Weise undeutlich gemacht. Im Diskurs des Todes wird dieser Prozess nicht nur besonders deutlich, sondern auch sehr vielschichtig, weshalb in folgender Ausarbeitung die „Medikalisierung des Todes“ erläutert werden soll.
Obwohl all diese Themen aktuell eine zunehmende gesellschaftliche Relevanz darstellen und die Vielschichtigkeit der Medikalisierung des Todes verdeutlichen, kann auf den Großteil davon nicht näher eingegangen werden. Vielmehr soll einer der sicherlich gravierendsten medizinischen Eingriffe in das (eigentliche) menschliche Leben, mit folgendem verscheiden dieses dargestellt werden – die Diagnose des Hirntodes, mit anschließender Organexplantation. So wird hier eine deutliche Machtstellung der Medizin deutlich und zeigt, wie diese nicht nur Leben rettet, sondern diese auch durchaus bewusst nehmen kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Der Tod und dessen Feststellung im Medikalisierungsprozess
3. Differenzierung von Herz- und Hirntod
3.1 Der Herz-Kreislauf-Tod
3.2 Der Hirntod
4. Die Transplantationsmedizin
4.1 Hintergründe der Organtransplantation
4.2 Verfahren bei einer Organexplantation
5. Kritik an der Hirntoddiagnostik
6. Kritik an der einseitigen Öffentlichkeitsarbeit für Organspende
7. Eigene Stellungnahme
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch den Prozess der Medikalisierung des Todes mit einem besonderen Fokus auf die Hirntoddiagnostik und die Transplantationsmedizin, um die Widersprüche zwischen dem medizinischen Todesverständnis und dem tatsächlichen Zustand der Patienten zu beleuchten.
- Medikalisierungsprozesse im gesellschaftlichen Umgang mit Sterben und Tod
- Kritische Analyse der Hirntoddiagnostik und ihrer ethischen Implikationen
- Zusammenhang zwischen Hirntodkonzepten und der Transplantationsmedizin
- Psychosoziale Auswirkungen auf Organempfänger
- Reflektion der Machtstellung moderner Medizin
Auszug aus dem Buch
4.2 Verfahren bei einer Organexplantation
Beim Verfahren einer Organexplantation soll sich hierbei auf den Vorgang mit einem erwachsenen hirntoten Patienten bezogen werden.
Wider ärztlicher Aussagen eine Organtransplantation sei eine normale, alltägliche Prozedur im Krankenhaus, finden diese im Regelfall erst nachts statt und sind so für andere Patienten aber auch Mitarbeiter des Krankenhaus nicht wahrnehmbar. Nach der Hirntoddiagnose wird der Patient, der ja eigentlich doch kein Patient ist, da er weder dessen Rechte besitzt noch behandelt wird, um seinen Gesundheitszustand zu bessern, wird dieser möglichst schnell für seine Explantation vorbereitet. Weiterhin intensivmedizinisch beatmet wird der Spender desinfiziert, sein Gesicht wird abgedeckt, Arme sowie Beine werden, wenn nötig am Operationstisch befestigt, um mögliche störende Bewegungen zu unterbinden (vgl. KAO, 2018, Seite 52) und er wird gegebenenfalls medikamentös vorbereitet. Eine medikamentöse Weiterbehandlung während der Entnahme ist dabei aber keinesfalls rechtlich vorgeschrieben, sondern vielmehr eine Ermessenssache des jeweiligen Anästhesisten, so kann dieser dem Patienten Muskelrelaxantien geben, um mögliche Bewegungen durch Reflexe zu unterdrücken oder auch Opioide zur Schmerzunterdrückung und darauf basierenden Reaktionen geben. Hält der zuständige Anästhesist dies für überflüssig, wird darauf verzichtet und es wird ausschließlich medikamentös behandelt, wenn dies für die Weiterführung der Operation nötig ist (vgl. Bergmann, 2004, Seite 294).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Einführung in den Prozess der Medikalisierung und die historische Veränderung des Todesbegriffs.
2. Der Tod und dessen Feststellung im Medikalisierungsprozess: Abgrenzung zwischen klinischem und biologischem Tod sowie Erläuterung der Zuständigkeit von Ärzten bei der Todesfeststellung.
3. Differenzierung von Herz- und Hirntod: Kulturelle und biologische Bedeutung von Herz und Gehirn sowie die medizinische Definition des Todes.
4. Die Transplantationsmedizin: Historischer Rückblick auf die Entwicklung der Transplantationsmedizin und der damit verbundene Einfluss auf die Todesdefinition.
5. Kritik an der Hirntoddiagnostik: Ethische Auseinandersetzung mit der Zuverlässigkeit der Hirntoddiagnose und dem Eigeninteresse der medizinischen Akteure.
6. Kritik an der einseitigen Öffentlichkeitsarbeit für Organspende: Beleuchtung der negativen physischen und psychischen Langzeitfolgen für Organempfänger.
7. Eigene Stellungnahme: Persönliche Reflektion des Autors über das eigene Organspendeverhalten und die ethischen Bedenken.
Schlüsselwörter
Medikalisierung, Todesbegriff, Hirntod, Transplantationsmedizin, Organexplantation, Intensivmedizin, Ethik, Organspende, Sterbeprozess, Patientenrechte, Transplantationsgesetz, Körperintegrität, Sterbebegleitung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem soziologischen und medizinischen Phänomen der Medikalisierung des Todes, insbesondere im Kontext der Hirntoddiagnostik und Organtransplantation.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Themen umfassen die Definition des Todes, die Entwicklung der Transplantationsmedizin, die Kritik an Diagnoseverfahren sowie die psychischen Auswirkungen bei Organempfängern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der medizinischen Einstufung eines Patienten als "hirntot" und dem faktischen körperlichen Zustand zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine Literaturarbeit, die auf Basis soziologischer und medizinischer Fachliteratur sowie rechtlicher Grundlagen eine kritische Argumentation aufbaut.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Differenzierung von Todeskonzeptionen, die Verfahrensweisen bei Organentnahmen und die kritische Analyse der aktuellen Praxis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Medikalisierung, Hirntod, Transplantationsmedizin, ethische Verantwortung und der Status des Patienten.
Warum wird die Hirntoddiagnostik als kritisch angesehen?
Der Autor kritisiert, dass hirntote Patienten physisch noch lebendig erscheinen und der Diagnoseprozess durch Interessenkonflikte innerhalb der Transplantationsmedizin beeinflusst sein könnte.
Welche Folgen hat die Organtransplantation für Empfänger laut Autor?
Neben lebenslangen Nebenwirkungen durch Immunsuppression nennt der Autor psychische Belastungen wie Identitätskonflikte und das sogenannte "Phänomen der Überlebensschuld".
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- Samira Kluge (Author), 2019, Medikalisierung und Pathologisierung von Herz- und Hirntod. Spezifikation Transplantationsmedizin, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1152634