Worin besteht der Unterschied der Raumverfügbarkeit von/für Frau und Mann? Wie hat sich diese historisch entwickelt und wie sieht diese sowohl innerhalb der Kulturgeschichte, als auch in der geschlechtlichen Konstruktion sozialer Räume aus? Diese Arbeit thematisiert die historische Geschlechter- und Raumzuordung im privaten und öffentlichen Raum, die Hauptpraktiken des "caring" innerhalb des "domestic space", als angeblich natürlichen Trieb der Frau sowie die Stellung des weiblichen Architektenberufs im 21. Jahrhundert. Im Laufe von drei Kapiteln wird illustriert, wie sich Frau und Mann durch die Geschichtsschreibung "Raum" aneignen (Kapitel 1); den "Raum", den sie anschließend haben, pflegen (Kapitel 2) und auf welche Weise Architektinnen im 21. Jahrhundert "Raum" schaffen (Kapitel 3), während sie tradierte Vorurteile und verstaubte Klischees bereinigen. Dabei ist es wichtig, die binäre Beziehungskultur von Geschlecht und Raum, Identität und Konstruktion, Theorie und Praxis, Wunsch und Wirklichkeit herauszuarbeiten, und diese um eine feministische Ethik zu ergänzen.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1: ›Raum‹ aneignen.
1.1. Anfänge der Raumaneignung in ursprünglichen Gesellschaften
1.2. Oikos und Polis: Sie innen, Er außen.
1.3. Gendered spaces - Historische Reproduktion geschlechtlicher Raumzuordnung und binärer Hierarchie in der Architektur
Kapitel 2: ›Raum‹ haben, Räume pflegen.
2.1. Caring labour - Eine Ethik der räumlichen Fürsorge
2.2. “Produktive Arbeit” des Mannes und “Nichtarbeit” der Frau
2.3. Reinigen, Shoppen, die Welt reparieren - Die natürliche Arbeit der Frau? Oikos und Polis im 20.Jahrhundert
2.4. Kunst im domestic space: Kritik und Persiflage an der Rolle der ›Hausfrau‹ anhand feministischer Performance-Art
Kapitel 3: ›Raum‹ schaffen.
3.1. Berufsmythos “Der Architekt als männliches Genius”
3.2. Frauen in der Architektur. Frauenarchitektur?
3.3. Architektur als Spiegel gesellschaftlicher Werturteile
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historischen und gegenwärtigen Konstruktionen geschlechtlicher Asymmetrien in der Architektur sowie die unterschiedliche Raumverfügbarkeit von Frau und Mann. Ziel ist es, patriarchale Machtstrukturen im baulichen Umfeld zu dekonstruieren und eine feministische Perspektive auf Raumaneignung, Care-Arbeit und den Architektenberuf zu entwickeln.
- Historische Entwicklung der Geschlechterrollen und Raumnutzung (Oikos vs. Polis)
- Analyse von Care-Arbeit (Caring Labour) und deren räumlicher Verortung
- Kritik an der Dichotomie von produktiver Arbeit und unbezahlter Hausarbeit in der Architektur
- Reflexion des männlich geprägten Genius-Mythos im Architektenberuf
- Feministische Interventionen in Kunst und Architektur zur Infragestellung tradierter Rollenbilder
Auszug aus dem Buch
1.3. Gendered spaces - Historische Reproduktion geschlechtlicher Raumzuordnung und binärer Hierarchie in der Architektur
Wir machen nun einen ziemlichen Zeitsprung und befinden uns in der bürgerlichen Neuzeit des 19. Jahrhunderts. Im Prinzip wird der aristotelische Grundriss der geschlechtlichen Raumzuordnung, sowie die Aufteilung in Privatheit und Öffentlichkeit - trotz einiger signifikanter Veränderungen - übernommen. Die Geschlechterasymmetrie bildet weiterhin die politische Ordnung innerhalb des ›Hauses‹ und der Familie; es geht ferner um gesellschaftliche Wirkmacht und um die Bestimmung sozialer Positionen von Frau und Mann, sowie die Kultivierung der Funktionsrollen und die Ausgestaltung ihrer Funktionsräume. Dabei werden geschlechtlich titulierte Räume wie ›Herrenzimmer‹ ins Leben gerufen, welche Zimmer in wohlhabenden, bürgerlichen Haushalten bezeichnen, in denen der Hausherr seine männlichen Gäste in Empfang nimmt. Das Pendant, in dem die Hausdame ihre weiblichen Gäste empfängt, existiert, fällt jedoch unter den Begriff ›Frauenzimmer‹. Dieser Raum wird an adeligen Höfen bereits ab dem 15. Jahrhundert in Beschlag genommen, ab dem 17. wird er als Abwertung auf Frauen angewendet, indem er sich auf eine „liederlich, leichtfertig o. ä. angesehene weibliche Person“ bezieht. Des Weiteren gibt es Möbel und Einrichtungsgegenstände, die mit Geschlecht assoziiert werden, wie Näh- und Schminktisch, Herrendiener bzw. Stummer Diener, Sekretär, Herrenschreibtisch; obwohl die geschlechtlichen Strukturen jener nicht direkt, sondern erst anhand ihrer Kontextualisierung ablesbar sind.
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1: ›Raum‹ aneignen.: Dieses Kapitel beleuchtet die Ursprünge der geschlechtlichen Raumdichotomie seit der Antike und untersucht, wie Architektur soziale Identitäten durch binäre Hierarchien formt.
Kapitel 2: ›Raum‹ haben, Räume pflegen.: Hier wird die Rolle der Frau bei der Pflege von Räumen (Care-Arbeit) kritisch analysiert und die künstliche Trennung in produktive männliche und unbezahlte weibliche Arbeit hinterfragt.
Kapitel 3: ›Raum‹ schaffen.: Das abschließende Kapitel dekonstruiert den Mythos des „männlichen Genies“ in der Architekturgeschichte und diskutiert die strukturelle Exklusion und mangelnde Anerkennung von Architektinnen im 21. Jahrhundert.
Schlüsselwörter
Raumaneignung, Gender, Architekturgeschichte, Patriarchat, Care-Arbeit, Domestic Space, Geschlechterasymmetrie, Oikos, Polis, Feministisches Design, Raumverfügbarkeit, Machtstrukturen, Reproduktive Arbeit, Architekturtheorie, Soziale Konstruktion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselbeziehung zwischen Raum, Macht und Geschlecht, wobei sie aufzeigt, wie architektonische Strukturen patriarchale Rollenbilder über Jahrhunderte hinweg reproduziert und zementiert haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die historische Raumzuordnung, die ökonomische und soziale Abwertung von Care-Arbeit, die Architektur als Spiegel gesellschaftlicher Werte und die kritische Auseinandersetzung mit dem männlich dominierten Architektenberuf.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die binären Geschlechterstrukturen in der Architektur zu entlarven, die (unsichtbare) Arbeit von Frauen sichtbar zu machen und Ansätze für eine feministische Ethik in der Raumentwicklung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine interdisziplinäre Herangehensweise, die raumanalytische Praktiken, kulturwissenschaftliche Theorien, anthropologische Erkenntnisse und eine kritische Architekturgeschichte kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil ist in drei Kapitel gegliedert: die Aneignung von Raum in der Geschichte (Kapitel 1), die Rolle der Frau als Pflegende von Räumen und ihre Abwertung als „Nicht-Arbeiterin“ (Kapitel 2) sowie die Kritik am Geniekult im Architektenberuf (Kapitel 3).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselwörter umfassen Raumaneignung, Gender, Patriarchat, Care-Arbeit, Architekturgeschichte und die kritische Dekonstruktion von Raum-Geschlechter-Verhältnissen.
Inwiefern spielt das Konzept des "Oikos" eine Rolle?
Das Oikos-Konzept dient als theoretisches Modell für den privaten Innenraum, der traditionell der Frau zugeschrieben wird, um sie vom politischen öffentlichen Raum (der Polis) fernzuhalten und in häusliche Reproduktionsarbeit einzubinden.
Welche Rolle spielt die „Frankfurter Küche“ in der Untersuchung?
Die Frankfurter Küche dient als Fallbeispiel für die architektonische Rationalisierung im 20. Jahrhundert, die zwar eine Entlastung der Frau versprach, aber gleichzeitig ihre Zuweisung zum häuslichen „Raum der Frau“ unhinterfragt festigte.
- Arbeit zitieren
- Teresa Steiner (Autor:in), 2021, Die Raumverfügbarkeit der Frau und geschlechtliche Konstruktionen in der Architektur, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1149192