Die Covid-19-Pandemie war das größte Thema im Jahr 2020 und wird die Bevölkerung mit hoher Wahrscheinlichkeit auch noch eine Weile beschäftigen. Nicht nur die von der Regierung erlassenen Beschränkungen gaben und geben immer wieder Anlass zur Diskussion, sondern auch ein weiteres Problem, das in Deutschland in diesem Ausmaß
nie präsent war: Die Triage – im schlimmsten Fall eine Entscheidung darüber, wer leben darf und wer sterben muss. Um die Ärzte, die in Triage-Situationen entscheiden müssen, zu entlasten, publizierte die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, kurz DIVI, zu Beginn der Pandemie ein Dokument mit klinisch-ethischen Empfehlungen für die Entscheidung über die Zuteilung intensivmedizinischer Ressourcen.
In dieser Hausarbeit sollen die Empfehlungen der DIVI aus deontologischer und konsequentialistischer Sicht betrachtet und kritisiert werden. Dabei steht vor allem die Frage im Vordergrund, ob es nachvollziehbare Kritikpunkte an den DIVI-Empfehlungen gibt und wie diese aus deontologischer und konsequentialistischer Sichtweise begründet werden.
Zunächst wird das Dokument der DIVI in groben Zügen vorgestellt, um die Verfahren und Kriterien der Priorisierungsentscheidungen nachvollziehen zu können und um eine Grundlage zu schaffen. Im Anschluss werden dann kurz die Grundzüge der Deontologie und des Konsequentialismus dargestellt, um die Inhalte der beiden Richtungen
unterscheiden zu können. Darauffolgend sollen die verschiedenen Kritikpunkte behandelt werden, die an den DIVI-Empfehlungen geäußert werden könnten. Dazu gehört die Annahme, auf der das Dokument beruht, die Gleichheit, die durch die Empfehlungen untergraben wird, die additive Rechenweise des Leids und das Hauptkriterium in den DIVI-Empfehlungen, die klinische Erfolgsaussicht. Abschließend soll ein Fazit gezogen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Triage-Empfehlungen der DIVI
3. Konsequentialismus und Deontologie
4. Kritik an den DIVI-Empfehlungen
4.1 Die Voraussetzung der Zustimmung
4.2 Die Untergrabung der Gleichheit
4.3 Die Addition des Leids
4.4 Das Kriterium der klinischen Erfolgsaussicht
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die ethischen Grundlagen der DIVI-Empfehlungen zur Triage während der Covid-19-Pandemie. Ziel ist es, diese Empfehlungen aus deontologischer und konsequentialistischer Perspektive kritisch zu hinterfragen, um zu prüfen, ob die zugrunde liegenden Annahmen und Priorisierungskriterien philosophisch begründbar sind.
- Ethische Bewertung der gesellschaftlichen Zustimmung in Triage-Situationen
- Analyse des Spannungsfeldes zwischen Gleichheit und Nutzenmaximierung
- Kritische Betrachtung der additiven Rechenweise von menschlichem Leid
- Evaluation des Kriteriums der klinischen Erfolgsaussicht im Kontext der Ressourcenknappheit
Auszug aus dem Buch
4.1 Die Voraussetzung der Zustimmung
Der erste Aspekt, der sich an den Empfehlungen der DIVI kritisieren lässt, ist die Voraussetzung der gesellschaftlichen Zustimmung. Das oberste Ziel wird im Dokument deutlich hervorgehoben: Es sollen so viele Menschen wie möglich gerettet werden, was dem konsequentialistischen Maximierungsprinzip entspricht. Man geht davon aus, alle Menschen sind damit einverstanden, dass man sie im Notfall sterben lässt, um das Leben einer oder mehrerer anderer Personen zu retten, um somit das Leid zu minimieren. Es ist vermutlich richtig, dass viele Menschen es befürworten, dass so viele Menschenleben wie möglich gerettet werden sollten, da sie einen guten sozialen und gesundheitlichen Status haben und nicht selbst betroffen sind. Würde der Mensch jedoch ohne Wissen über sein eigenes Leben über die Ressourcenverteilung entscheiden, ist es denkbar, dass man dem Maximierungsprinzip nicht zustimmen würde, sondern gleiche Chancen für alle fordert.
Eine interessante Theorie dazu ist die Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls. John Rawls ist einer der bekanntesten Vertreter der deontologischen Ethik und dies nicht zuletzt aufgrund seiner Gerechtigkeitstheorie. Der Hauptgedanke seiner Theorie im Kapitel Gerechtigkeit als Fairness ist, dass die Menschen, die sich zu einer gesellschaftlichen Zusammenarbeit zusammentun wollen, die Grundrechte und -pflichten sowie die Verteilung der Güter und Ressourcen gemeinsam bestimmen. Die Gemeinschaft bestimmt also die Grundsätze der Gerechtigkeit, wobei absolute Gleichheit eine wichtige Voraussetzung ist. Keiner der Menschen kennt seinen sozialen Status, körperliche und geistige Voraussetzungen und ähnliches, um so keine Vorteile für sich und sein Leben aushandeln zu können. Somit können Grundsätze vereinbart werden, die allgemein fair sind. Natürlich ist diese Vorstellung nur eine Art Gedankenexperiment und in der Realität schwer umsetzbar, jedoch geht Rawls hier von einer „Festlegung vor dem Schleier des Nichtwissens“ aus, sodass subjektgebundene Konsequenzen ausgeschlossen sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Triage-Problematik während der Pandemie ein und stellt die DIVI-Empfehlungen sowie die ethische Fragestellung vor.
2. Die Triage-Empfehlungen der DIVI: Dieses Kapitel erläutert die Grundsätze der DIVI, insbesondere die patientenzentrierte Entscheidung und das Kriterium der klinischen Erfolgsaussicht bei Ressourcenknappheit.
3. Konsequentialismus und Deontologie: Es werden die begrifflichen Grundlagen der beiden ethischen Hauptrichtungen definiert, die für die nachfolgende Kritik zentral sind.
4. Kritik an den DIVI-Empfehlungen: Hier werden die vier Kernkritikpunkte – Zustimmung, Gleichheit, Leids-Addition und klinische Erfolgsaussicht – systematisch und philosophisch analysiert.
5. Fazit: Die Arbeit fasst zusammen, dass die Annahmen der DIVI kritisch zu sehen sind und die ethische Begründbarkeit der Priorisierung aus deontologischer Sicht nicht vollständig überzeugt.
Schlüsselwörter
Triage, Covid-19-Pandemie, DIVI-Empfehlungen, Konsequentialismus, Deontologie, Ethik, Ressourcenknappheit, klinische Erfolgsaussicht, John Rawls, John M. Taurek, Gerechtigkeit, Maximierungsprinzip, Gleichheit, Leid, Patientenwohl.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die ethische Vertretbarkeit der klinisch-ethischen Empfehlungen der DIVI zur Triage während der Covid-19-Pandemie.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themen umfassen die ethischen Prinzipien der Deontologie und des Konsequentialismus sowie deren Anwendung auf reale medizinische Priorisierungsentscheidungen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, nachvollziehbare Kritikpunkte an den DIVI-Empfehlungen zu identifizieren und diese auf Basis philosophischer Theorien zu begründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-philosophische Auseinandersetzung, die Literaturrecherche und ethische Argumentationsanalyse kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der kritischen Prüfung der Annahmen zur gesellschaftlichen Zustimmung, der Gleichheit aller Menschen, der additiven Sichtweise von Leid und der klinischen Erfolgsaussicht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Triage, Konsequentialismus, Deontologie, klinische Erfolgsaussicht und ethische Priorisierung.
Wie bewerten Rawls und Taurek die DIVI-Kriterien?
Beide lehnen die konsequentialistische Logik der DIVI ab: Rawls kritisiert die Verletzung der Gleichheit (Gerechtigkeit als Fairness), während Taurek die Unzulässigkeit der Addition von Leid betont.
Was ist das zentrale Argument der Kritik an der "klinischen Erfolgsaussicht"?
Die Kritiker führen an, dass dieses Kriterium faktisch vulnerable Gruppen benachteiligt und nicht zwingend den gesellschaftlichen Gesamtnutzen maximiert, wenn man alternative Konzepte wie QALYs einbezieht.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2021, Kritik an den DIVI-Empfehlungen in der Covid-19-Pandemie, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1147657