Der Roman Menschen im Hotel (1929)1 von Vicky Baum ist nach längerer Missachtung durch die zeitgenössische deutsche Kritik und Germanistik2 erst gegen Ende der 80er Jahre als‚Prototyp neusachlicher Romane’3 wiederentdeckt worden. Literaturwissenschaftlich wurde er schon unter diversen Gesichtspunkten als Werk der Trivialliteratur4, der (gehobenen) Unterhaltungsliteratur5, als group novel6, oder auch als Vorlage seiner Verfilmungen7 analysiert. Eine Untersuchung der zeitgeschichtlichen Authentizität von Menschen im Hotel
jedoch steht noch aus. Die Autorin, selbst jüdischstämmige Wienerin und seit 1916 in Deutschland lebend, kam 1926 ins kulturelle Zentrum der Republik, Berlin, um als ‚allround-Redakteurin’ und Romanautorin8 exklusiv für den Ullstein-Verlag tätig zu werden. Zu dieser Zeit konnte Vicky Baum schon auf Erfahrungen als Journalistin (seit 1908)9 Romanautorin (seit 1920) und Dramatikerin zurückblicken, hatte in der Vorkriegszeit Einblicke in die Wiener Kaffeehaus-Boheme gewonnen und als erfolgreiche Konzertmusikerin und Gattin des Dirigenten Richard Lert jahrzehntelang aktiv am kulturellen Leben in Deutschland und Österreich partizipiert. Die zweifache Mutter verkörperte auch mit ihrer Lebensführung die ‚Neue Frau’, die unabhängig und gut ausgebildet ihren eigenen Weg ging und für ihre publizistische Karriere auch die zeitweilige Trennung von ihrer Familie, die weiterhin in Mannheim lebte, in Kauf nahm. In dieser Arbeit soll der Dissens von Kritik, Literaturwissenschaft und Erfolg des Romans Menschen im Hotel Anlass zu einer Überprüfung der Bewertung der literarischen Qualität des Textes geben, die sich hauptsächlich der bisher kaum in Betracht gezogenen Einordnung des Textes als Zeitroman widmen wird. Nach einer kurzen Überschau der zeitgenössischen Kritik im In- und Ausland und der heutigen literaturwissenschaftlichen Bewertung im ersten Kapitel, wird im zweiten Kapitel zu klären versucht werden, ob und wie sich Menschen im Hotel als Zeitroman betrachten lässt und inwiefern die Darstellung der Kriegsfolgen im Roman Anspruch auf Realismus und Aktualität hat. Darüber hinaus soll die Ausgestaltung der sozialen Milieus und des sozialen Wandels anhand von exemplarischen Aspekten hinterfragt werden.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Menschen im Hotel (1929) im Spiegel der Kritik
2. Menschen im Hotel (1929) als Zeitroman
2.1 Das Phänomen des Zeitromans in der Weimarer Republik
2.2 Zur sozialgeschichtlichen Authentizität von Menschen im Hotel
2.2.1 Gesellschaftliche Nachwirkungen des Krieges
2.2.2 Die soziale Mobilität der Nobilität in Menschen im Hotel
3. Resümee
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Roman "Menschen im Hotel" von Vicky Baum im Hinblick auf seine literarische Qualität und seine Eignung als Zeitroman der Weimarer Republik. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, inwiefern die Darstellung gesellschaftlicher Umbrüche und Kriegsfolgen einen Anspruch auf Authentizität und Realismus erheben kann.
- Kontroverse zeitgenössische Rezeption von Vicky Baums Werk
- Der Zeitroman als literarische Gattung der Neuen Sachlichkeit
- Sozialgeschichtliche Authentizität der Darstellung von Kriegsfolgen
- Die Dekonstruktion des Adels-Topos und der soziale Wandel
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Gesellschaftliche Nachwirkungen des Krieges
Zur Zeit der Veröffentlichung von Menschen im Hotel im März 1929 waren seit dem Ende des 1. Weltkrieges, besiegelt durch den Waffenstillstand vom 11. November 1918, schon über zehn Jahre vergangen. Eine der nicht zu übersehenden Folgen des Krieges war die Gegenwart der Kriegsinvaliden im Alltag. Die Reichsregierung hatte einige Anstrengungen unternommen, um den Invaliden eine Integration in den Arbeitsmarkt und damit die Unabhängigkeit von der staatlichen Fürsorge zu ermöglichen.
Das Phänomen der Kriegsversehrten findet sich im Roman an prominenter Stelle in Form einer der Hauptfiguren, Dr. Otternschlag, wieder: „Die andere Gesichtshälfte war nicht vorhanden.“, er hat nach eigener Aussage: „Die große Schweinerei mitgemacht als Arzt bis zum Schluß.“.
Die mehrfache Erwähnung eines der „Einarmigen, der den Lift bediente“ lässt sich gleichsam als Bestätigung der schon erwähnten Reintegrationsbemühungen der Gesellschaft lesen, denn unabhängig von solchen Intentionen ließe sich wohl kein einleuchtender Grund für die Beschäftigung von ‚Krüppeln’ in der Welt der ‚Schönen und Reichen’ benennen.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Problematik des Romans ein, der zwischen literarischer Missachtung durch die Kritik und großem Publikumserfolg steht, und formuliert die Zielsetzung der Untersuchung.
1. Menschen im Hotel (1929) im Spiegel der Kritik: Hier wird die ambivalente Rezeption des Werks in Deutschland im Kontrast zu der positiveren Aufnahme im englischsprachigen Raum analysiert.
2. Menschen im Hotel (1929) als Zeitroman: Dieses Kapitel prüft, ob Vicky Baums Werk die Kriterien eines Zeitromans der Neuen Sachlichkeit erfüllt, wobei die Darstellung von Kriegsfolgen und sozialem Wandel kritisch untersucht wird.
3. Resümee: Die Arbeit schließt mit einer vorläufigen Verortung des Romans als Zeitroman, wobei die gelungene Gesellschaftsanalyse gegenüber der kritisch zu betrachtenden Darstellung des Adels abgewogen wird.
Schlüsselwörter
Vicky Baum, Menschen im Hotel, Weimarer Republik, Zeitroman, Neue Sachlichkeit, Sozialgeschichte, Kriegsfolgen, Literaturkritik, Kolportageroman, Adel, soziale Mobilität, Authentizität, Gesellschaftsanalyse, Exilliteratur, Rezeption.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Vicky Baums Roman "Menschen im Hotel" aus dem Jahr 1929 und untersucht dessen Einordnung als Zeitroman unter Berücksichtigung der zeitgenössischen Literaturkritik.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Darstellung von Kriegsfolgen, dem sozialen Wandel in der Weimarer Zeit sowie der kritischen Analyse des Adels-Topos im Roman.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Es soll geklärt werden, ob und wie sich "Menschen im Hotel" als Zeitroman einstufen lässt und inwieweit die Darstellung gesellschaftlicher Realitäten Anspruch auf Authentizität erheben kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Untersuchung basiert auf einer textnahen, exemplarischen Analyse des Romans in Gegenüberstellung mit historischen Fakten der Geschichtsschreibung und rezeptionsanalytischen Ansätzen.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Einordnung in das Genre des Zeitromans sowie der sozialgeschichtlichen Dekonstruktion der Figuren, insbesondere der männlichen Protagonisten in Bezug auf ihre Kriegserfahrungen.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind "Neue Sachlichkeit", "sozialgeschichtliche Authentizität", "Kriegsinvalidität" und die "Debatte um die Trivialliteratur".
Wie bewertet die Arbeit die Figur des Dr. Otternschlag?
Dr. Otternschlag wird als prominentes Beispiel für die physische und psychische Versehrtheit durch den Krieg analysiert, der die Unwirklichkeit der Situation im Grand Hotel unterstreicht.
Welche Rolle spielt die Figur des Baron Gaigern?
Baron Gaigern dient der Autorin als Beispiel für den sozialen Abstieg des Adels, wobei seine Deklassierung und seine moralische Indifferenz als Kontrast zur bürgerlichen Welt herausgearbeitet werden.
- Arbeit zitieren
- stud. paed. Jöran Miltsch (Autor:in), 2008, Über Vicky Baums "Menschen im Hotel" (1929), München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/114758