Fremdländische Pflanzen und Tiere wurden schon immer wahrgenommen und als neuartig und unerwartet in den jeweiligen Heimatländern einer einheimischen Flora und Fauna registriert. Mit dem Beginn der Erschließung bisher unbekannter Kontinente und Territorien, besonders seit dem Jahr 1492, haben sich Mittel, Distanzen und Wege des Transports für fremdländische Organismen verändert. Zunächst wurden jedoch lediglich spektakuläre Einzelfälle vermerkt und mancher Neuling sogar aus wirtschaftlichen, garten- oder landschaftsbaulichen oder rein ästhetischen Gründen importiert bzw. exportiert. Pflanzen und Tiere wurden oftmals als Kuriosa von Entdeckungsreisen mitgebracht und galten als Sensation in den botanischen und zoologischen Gärten (KINZELBACH 2001, KOWARIK 2003, NIETHAMMER 1963). Im letzten Drittel des 20. Jh. bekam das Phänomen einen anderen Stellenwert. Die Zahl der registrierten Fälle vor allem unbeabsichtigt transportierter Arten verdichtete sich weltweit. Mit dem Beginn des Zeitalters der Globalisierung von Wirtschaft, Wissenschaft, Handel und dem Einsetzen des Massentourismus hatte die Überführung von Lebewesen aus ihren Heimatarealen in andere Regionen der Erde eine neue Dimension erreicht. In einigen Ländern (z. B. Hawaii, Australien, Neuseeland) führten „invasive Arten“ zu erheblichen ökologischen Schäden, mitunter zum Verlust von Arten bzw. ganzer Artengemeinschaften (KEGEL 1999). Seit der Konferenz von Rio de Janeiro (1992) zum Schutz der globalen Artenvielfalt ist klar, dass die Vermischung exotischer Flora und Fauna mit jeweils einheimischen Beständen eine Kaskade von negativen Auswirkungen nach sich zieht. Die Einbringung von „neobiotischen“ Organismen gilt neben der Habitatzerstörung als eine der schwerwiegendsten Bedrohungen der globalen Artenvielfalt (BUNDESAMT FÜR NATURSCHUTZ (BFN) 2001, EHLERS (WWF) 2001, GROSVENOR et al. 2002, HURKA 2000, KINZELBACH 1995, WILSON 1992 u. 2002). Aufgrund dieser Tatsache stellt das Phänomen der „Neobiota“ oder der „Invasiven Arten“ (vgl. Kap. 2.1 u. Glossar) eine für das Ökosystem und den wirtschaftenden Menschen sehr praktische und greifbare Bedrohung dar. Es handelt sich nicht länger um ein Phänomen, das lediglich von der Fachwissenschaft registriert und behandelt wird, sondern tritt zunehmend in das Blickfeld der Öffentlichkeit. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Neobiota oder Invasive Arten? – Ein Überblick
2.1 Definition der Begriffe „Neobiota“, „invasive Arten“ und „Exoten“
2.2 Die Entwicklung der Wahrnehmung und Darstellung von Neobiota
2.3 Zur Auswirkung der Neobiota auf die Artenvielfalt
2.3.1 Neobiota als Ursache für die Veränderung der globalen Artenvielfalt
2.3.2 Veränderungen heimischer Flora und Fauna durch Neobiota
2.3.3 Die Vielfalt der Vorstellungen zu Neobiota
3 Material und Methoden
3.1 Gewinnung der Materialien
3.2 Auswertung der Materialien
4 Zur Präsentation der Neobiota in den deutschen Medien
4.1 Häufigkeit der Medienbeiträge zu Neobiota
4.1.1 Häufigkeit der Beiträge in allen Medien
4.1.2 Häufigkeit der Beiträge differenziert nach Medien
4.1.2.1 In Tages- und Wochenzeitungen
4.1.2.2 In Magazinen
4.1.2.3 Im Radio
4.1.2.4 Im Fernsehen
4.1.2.5 Im Internet
4.1.3 Zusammenfassung
4.2 Die zeitlichen Ursachen für Medienbeiträge zu Neobiota
4.2.1 Zufall als Zeitfaktor
4.2.2 Wissenschaftliche, wirtschaftliche und politische Ereignisse als Zeitfaktor
4.2.3 Aktuelle Agenturmeldungen als Zeitfaktor
4.2.4 „Sommerloch“ als Zeitfaktor
4.2.5 Mediennutzer als Zeitfaktor
4.2.6 Zusammenfassung
4.3 Die Vorstellungen von Neobiota in den Medienbeiträgen
4.3.1 Allgemeine Berichterstattung über Neobiota als Gesamtphänomen
4.3.1.1 Verhältnis Allgemeine Berichterstattung zu Beiträgen über einzelne Arten
4.3.1.2 Verhältnis der Berichterstattung über Neobiota in Deutschland und über Neobiota im Ausland
4.3.2 Spezielle Berichterstattung über einzelne neobiotische Arten
4.3.3 Zusammenfassung
5 Zum Inhalt der Medienbeiträge über Neobiota
5.1 Wie glaubwürdig bzw. sachlich sind die Medienberichte?
5.1.1 Richtigkeit der Information im Vergleich mit dem Kenntnisstand der Wissenschaft
5.1.2 Art der Darstellung
5.1.3 Inhaltliche Darstellung
5.1.4 Zusammenfassung
5.2 Zur Inhaltsanalyse von Medienbeiträgen
5.2.1 Methoden der inhaltlichen und stilistischen Analyse
5.2.2 Inhaltsanalyse am Beispiel einzelner Arten
5.2.2.1 Inhaltsanalyse zum Waschbär
5.2.2.2 Inhaltsanalyse zum Marderhund
5.2.2.3 Inhaltsanalyse zum Riesenbärenklau
5.2.2.4 Inhaltsanalyse zur Schiffsbohrmuschel
5.2.2.5 Inhaltsanalyse zu Afrikanisierten Bienen
5.2.3 Zusammenfassung
5.3 Der Adressat
6 Schlussfolgerungen und Ausblick
6.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
6.2 Schlussfolgerungen
6.2.1 Optimierung der Rechtsprechung
6.2.2 Verstärkung der öffentlichen Aufklärungskampagnen
6.2.3 Ausweitung der Fachinitiativen
6.2.4 Durchführung interdisziplinärer Fachtagungen und Seminare
6.2.5 Verstärkte Aufklärung an Schulen
6.2.6 Optimierung der Öffentlichkeitsarbeit an den Forschungseinrichtungen
6.2.6.1 Sprache
6.2.6.2 Zugänglichkeit und Verständlichkeit der Literatur
6.3 Fazit
7 Kurzfassung
8 Summary
9 Literatur
9.1 Literaturverzeichnis
9.2 Internet-Quellen
9.3 Quellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die mediale Präsenz des Phänomens "Neobiota" in Deutschland systematisch zu untersuchen. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, wie dieses Phänomen in den verschiedenen Medien wahrgenommen und dargestellt wird, inwieweit diese Darstellung von wissenschaftlichen Erkenntnissen abweicht und welche Rolle die Medien als Vermittler zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit dabei spielen.
- Analyse der Häufigkeit und zeitlichen Verteilung von Medienbeiträgen über Neobiota.
- Untersuchung der inhaltlichen Qualität und der Art der Darstellung (neutral vs. reißerisch).
- Identifikation von metaphorischen Mustern und rhetorischen Strategien in der Berichterstattung.
- Vergleich der medialen Wahrnehmung zwischen Deutschland und Ländern mit stärkerer Neobiota-Problematik.
- Ableitung von Empfehlungen zur Optimierung der Wissenschaftskommunikation.
Auszug aus dem Buch
Die Akklimatisationsgesellschaften
Die erste Akklimatisationsgesellschaft entstand 1854 in Paris, gefolgt von weiteren Gründungen in anderen Ländern Europas und in Übersee (Australien, Neuseeland, USA) (HOMMA 2000, GEITER & KINZELBACH 2002, NIETHAMMER 1963). Ihr Wirken setzte einerseits den Export europäischer Organismen während der Auswanderungswellen fort und systematisierte ihn, andererseits wurden gezielt fremdländische Pflanzen und vor allem Nutztiere nach Europa verbracht, dort in Gehegen gehalten oder ausgewildert. Neben dem unmittelbaren Nutzen (Jagd, Ernährung, Materialnutzung) spielten bei nicht direkt nutzbaren Tieren (z. B. Star, Haussperling, Rauchschwalbe, Rotkehlchen) auch Emotionen mit: Die in den neu besiedelten Ländern vorgefundene Flora und Fauna wurde von den europäischen Siedlern spontan, aber auch verstärkt durch die Akklimatisationsgesellschaften, als „ökonomisch und kulturell mangelhaft“ empfunden und daher mit Arten aus der Heimat „bereichert“ und stabilisiert (KEGEL 1999, KOWARIK 2003). Die neue Heimat sollte der alten so ähnlich wie möglich gemacht werden (CLARK 1949, FLANNERY 1994, HOMMA 2000).
Die meist kommerziell ausgerichteten Akklimatisationsgesellschaften nahmen somit konsequent zwei Aufgaben wahr:
Die Einführung europäischer Flora und Fauna in neu besiedelte Länder vor allem zu ökonomischen Zwecken für Jagd, Fischerei und Nutztierhaltung (KINZELBACH 2001, KOWARIK 2003, NIETHAMMER 1963). Zuweilen veränderte sich der Umgang mit altbekannten Tieren und Pflanzen; so war z. B. in Australien Jagd auf solche Tiere erlaubt, die in der alten Heimat England nur wenigen Privilegierten zustand (CLARK 1949, FLANNERY 1994, HOMMA 2000, ROYAL ZOOLOGICAL SOCIETY OF NSW – INTERNET-QUELLEN 2).
Die Einführung von exotischen Arten zur materiellen Nutzung oder als besondere Attraktion („emotionale Nutzung“) in die jeweiligen Heimatländer (KINZELBACH 2001, KOWARIK 2003, NIETHAMMER 1963). Die Nutzung bestand z. B. im Pelzhandel oder für die Ernährung der einheimischen Bevölkerung.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in das globale Phänomen der Neobiota ein und beleuchtet den Wandel von der wissenschaftlichen Randnotiz zur öffentlich diskutierten Bedrohung für die Biodiversität.
2 Neobiota oder Invasive Arten? – Ein Überblick: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe wie "Neobiota", "invasive Arten" und "Exoten" und zeichnet die wissenschaftsgeschichtliche Entwicklung der Wahrnehmung dieser Arten nach.
3 Material und Methoden: Hier werden die methodischen Ansätze der Untersuchung beschrieben, insbesondere wie Medienberichte gesammelt, klassifiziert und qualitativ hinsichtlich ihrer Sprachnutzung analysiert wurden.
4 Zur Präsentation der Neobiota in den deutschen Medien: Dieses Kapitel analysiert quantitativ die Häufigkeit der Berichterstattung in verschiedenen Medien und untersucht, welche zeitlichen Faktoren und redaktionellen Kriterien die Medienberichte beeinflussen.
5 Zum Inhalt der Medienbeiträge über Neobiota: Hier wird der inhaltliche Gehalt der Medienbeiträge geprüft, wobei ein besonderer Fokus auf der Frage liegt, ob und wie die Berichterstattung wissenschaftlich sachlich bleibt oder emotional eingefärbt wird.
6 Schlussfolgerungen und Ausblick: Das abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und gibt konkrete Empfehlungen für eine bessere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Medien sowie für eine optimierte Öffentlichkeitsarbeit.
Schlüsselwörter
Neobiota, Invasive Arten, Neozoa, Neophyta, Medienanalyse, Biodiversität, Artenvielfalt, Wissenschaftskommunikation, Naturschutz, Öffentlichkeitsarbeit, Terminologie, Sprachanalyse, Artenkenntnis, Interdisziplinarität, Umweltschutz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das wissenschaftliche Phänomen der „Neobiota“ (gebietsfremde Arten) in den deutschen Medien dargestellt wird und welche Rolle Medien bei der gesellschaftlichen Wahrnehmung dieser Arten spielen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Definition und Einordnung invasiver Arten, die Analyse der Medienberichterstattung über verschiedene Medientypen hinweg sowie die sprachliche Untersuchung, wie Arten als „Nützlinge“ oder „Schädlinge“ gerahmt werden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Kommunikationsfluss zwischen Biologen als Informationsquelle und den Medien zu verstehen, um Fehlinterpretationen zu identifizieren und Empfehlungen für eine sachlichere Berichterstattung zu geben.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt Methoden der Medienwissenschaften sowie der Literatur- und Sprachwissenschaften, um Medienbeiträge (Print, TV, Radio, Internet) qualitativ und quantitativ zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Häufigkeit der Berichterstattung, die zeitlichen Ursachen (z.B. „Sommerloch“), die inhaltliche Qualität der Berichte und die stilistische Analyse spezifischer Arten wie Waschbär oder Schiffsbohrmuschel detailliert untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Neobiota, Biodiversität, Medienanalyse, Invasionsbiologie, Sprachstil (Metaphorik) und Wissenschaftskommunikation.
Wie beeinflusst die Wortwahl die Darstellung in den Medien?
Die Medien verwenden häufig metaphorische Kriegsrhetorik oder Begriffe aus dem Verbrechermilieu, um Arten als „Bedrohung“ zu framen, was beim Publikum oft stärkere Emotionen auslöst als eine sachliche Darstellung.
Warum werden einige Arten häufiger thematisiert als andere?
Arten wie der Waschbär oder die Schiffsbohrmuschel werden häufiger erwähnt, weil sie entweder durch ihre Größe leichter darstellbar sind oder durch direkte wirtschaftliche Schäden eine hohe mediale Relevanz besitzen.
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- Dr. Sandra Blömacher (Author), 2006, Präsentation der Neobiota in den deutschen Medien, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/114715