In der vorliegenden Hausarbeit wird der Frage nachgegangen, inwieweit Herders Italienerwartungen - und dadurch auch Erfahrungen - von Goethe geprägt und beeinflusst wurden. Um einen unmittelbaren Eindruck davon zu bekommen, werde ich vor allem anhand von Briefen untersuchen, mit welchen Vorstellungen und Erwartungen die Weimarer Freunde nach Italien kamen und welche Erfahrungen sie letztendlich machten.
Dazu werde ich zunächst zeigen, wie eine Italienreise im 18. Jahrhundert generell auszusehen hatte und was man sich davon erwartete. Da es Mitte des 18. Jahrhunderts durch Wickelmann einen Wechsel in der deutschen Italienwahrnehmung gab, werden wir uns die Situation davor und danach ansehen und ich werde zeigen, wie sich die Erwartungen an eine Italienreise durch Wickelmann veränderten.
Anschließend werde ich Goethes Italienreise beleuchten, indem ich die persönlichen Hintergründe, die Reisebedingungen und den Verlauf der Reise darlege, um dies später mit Herder in Vergleich setzten zu können. Dabei soll sich zeigen, welche Ähnlichkeiten aber auch Unterschiede dem Ganzen zugrunde liegen und wie sich bei Herder schon vor seiner Reise ein gewisser Druck bemerkbar macht. Es soll sich dadurch auch zeigen, dass schon diese gelegten Grundlagen Einfluss auf die Reiseerfahrungen Herders hatten und nicht nur Goethe allein diese beeinflusste.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das deutsche Italienbild im späten 18. Jahrhundert – fixierte Erwartungen
3. Goethes Italienreise 1786
3.1. Hintergründe zur Reise
3.2. Italien: Erwartungen und Erfahrungen
4. Herders Italienreise 1788
4.1. Hintergründe zur Reise
4.2. Italienerfahrung - Ein Gegenbild zu Goethe
5. Schlussfolgerung
Zielsetzung und Themenfelder
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss von Johann Wolfgang von Goethes Italienreise auf die Erwartungen und Erfahrungen von Johann Gottfried Herder während dessen eigener Italienreise. Ziel der Forschungsarbeit ist es, anhand von Briefkorrespondenzen aufzuzeigen, wie unterschiedliche Persönlichkeiten und Reisebedingungen zu gegensätzlichen Wahrnehmungen desselben Reiseziels führen können.
- Vergleich der Italienbilder von Goethe und Herder im späten 18. Jahrhundert.
- Analyse der Rolle von Winckelmanns Einfluss auf die deutsche Italienwahrnehmung.
- Untersuchung der Reisebedingungen als entscheidender Faktor für die Qualität der Italien-Erfahrung.
- Gegenüberstellung von Goethes künstlerischer Selbstfindung und Herders daraus resultierendem Enttäuschungsprozess.
Auszug aus dem Buch
3.2. Italien: Erwartungen und Erfahrungen
Goethe fühlt sich von Anfang an in Italien wie zu Hause und gesteht schon kurz hinter der italienischen Grenze: „Es ist mir als wenn ich hier geboren und erzogen wäre und nun […] zurückkäme.“ Vor allem in Rom sieht er die Träume seiner Jugend lebendig und wahrhaftig vor sich und sieht sich selbst auf „[s]ein ganzes Leben beruhigt.“ In seinen Briefen malt er ein Idealbild Italiens, in dem er seine positiven Eindrücke fast pathetisch schildert und alles Negative ausblendet.
Goethe erwartete sich von seinem Italienaufenthalt vor allem, seinen „heisen Durst nach wahrer Kunst zu stillen“ und von den „phisischen und moralischen Übeln zu heilen“, die ihn am Weimarer Hof quälten und auslaugten. Er erhoffte sich, wie schon hier deutlich wird, eine Revitalisierung und Erneuerung seines Selbst. Es war ihm ein individuelles Bedürfnis, die Lebensweise einer fremden Kultur zu erfahren, um sich dadurch weiterentwickeln und verändern zu können. Italien, mit seinem milden Klima und der fruchtbaren Natur, schien den geeigneten Rahmen zu bieten, um seine „Sehnsucht nach Sorglosigkeit, freier Sinnlichkeit und Naturnähe“ befriedigen zu können.
Aus dieser Betrachtungsweise scheint Deutschland nun nicht mehr in Analogie zu Italien zu stehen, sondern als komplementärer Gegensatz dazu, welcher die Erfahrung einer anderen, alternativen Lebensweise ermöglicht. Goethe stellte somit das kalte, sittliche Deutschland in Kontrast zum mediterranen, sinnlichen Italien. Er selbst sagt während seines Neapelaufenthalts, Italien hätte ihn wiederbelebt, aber er habe Angst, das nördliche Klima würde ihm seinen Lebensgenuss erneut rauben. Hier zeigt sich deutlich, dass er ganz im Sinne der Klimatheorie, wie unter anderem auch schon Winckelmann vor ihm, dem Klima eine besondere Bedeutung in der Entwicklung des Menschen zugestand und begründete damit auch zugleich die kulturellen Gegensätze zwischen Italien und Deutschland.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage, inwieweit Herders Italienreise und seine dortigen Erfahrungen durch Goethe geprägt und beeinflusst wurden.
2. Das deutsche Italienbild im späten 18. Jahrhundert – fixierte Erwartungen: Darstellung des kulturellen Wandels in der Italienwahrnehmung durch Winckelmann und des Übergangs von der Kavalierstour zur ästhetischen Bildungsreise.
3. Goethes Italienreise 1786: Untersuchung der Hintergründe von Goethes Reise sowie seiner persönlichen und ästhetischen Erfahrungen, die zu einer Erneuerung seines Selbst führten.
4. Herders Italienreise 1788: Analyse von Herders Reiseumständen, die durch externe Zwänge und persönliche Belastungen geprägt waren und Italien für ihn zum Gegenbild von Goethes Erfahrungen machten.
5. Schlussfolgerung: Synthese der Ergebnisse, die bestätigt, dass trotz ähnlicher Erwartungen aufgrund unterschiedlicher Voraussetzungen und Lebensentwürfe grundverschiedene Erfahrungen in Italien resultierten.
Schlüsselwörter
Italienreise, Johann Wolfgang von Goethe, Johann Gottfried Herder, Bildungsreise, 18. Jahrhundert, Italienwahrnehmung, Selbstfindung, Winckelmann, Kavalierstour, Reisebriefe, Kulturaustausch, ästhetische Erfahrung, Weimarer Klassik, Rom, Identitätssuche.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht den Vergleich zwischen der Italienreise von Goethe und der späteren Reise von Herder, um festzustellen, wie Goethes Erfahrungen das Bild von Herder prägten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit fokussiert sich auf das Italienbild des 18. Jahrhunderts, die Bedeutung von Reisebedingungen, den Einfluss von Johann Joachim Winckelmann und die unterschiedliche psychologische Verarbeitung der Reiseerfahrung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen den ähnlichen Erwartungen der beiden Freunde und ihren faktisch sehr gegensätzlichen Erfahrungen während des Italienaufenthalts aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse von Primärquellen, insbesondere Briefen, durchgeführt, um die subjektiven Wahrnehmungen und Entwicklungen der Reisenden nachzuvollziehen.
Was ist der Kerninhalt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Darstellung von Goethes Reise sowie die anschließende Analyse von Herders Reise, wobei besonders auf die individuellen Umstände und die Enttäuschung Herders eingegangen wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Italienreise, Bildungsreise, Selbstfindung, ästhetische Erfahrung, 18. Jahrhundert und der kulturelle Vergleich zwischen Goethe und Herder.
Warum empfand Herder Italien als „Grabmal des Altertums“?
Aufgrund seiner persönlichen finanziellen Probleme, der unglücklichen Gruppenzusammenstellung und seiner fehlenden Affinität zur sinnlichen Ästhetik wirkte das antike Rom auf ihn eher ermüdend als inspirierend.
Welchen Einfluss hatte Goethe auf die Reisevorbereitung von Herder?
Goethe beeinflusste Herders Erwartungen durch seine eigenen Berichte stark, was dazu führte, dass Herder mit einer vordefinierten Erwartungshaltung nach Italien reiste, die sich in der Realität nicht erfüllen konnte.
- Arbeit zitieren
- Lisa Schmidt (Autor:in), 2013, Herders Italienerwartung unter dem Einfluss von Goethe. Vorstellungen und Erfahrungen in den Briefen, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1146480