In der vorliegenden Hausarbeit soll die Frage behandelt werden, in wieweit es sich bei der ukrainischen Revolution der Jahre 1918 – 1921 um eine anarchistische Revolution handelte. In der einschlägigen Literatur wird im Zusammenhang mit dieser ukrainischen Revolution häufig von einer anarchistischen Revolution gesprochen, es gibt aber auch gegensätzliche Meinungen, die eine anarchistische Auslegung der Ereignisse für überzogen halten. „I am a revolutionary first and an anarchist second.“ Ob dieser Ausspruch Nestor Machnos, des Revolutionsführers in der Ukraine während der Jahre 1918-1921, auf die gesamte revolutionäre Bewegung in der Ukraine angewandt werden kann und somit eine allgemeine Aussagekraft besitzt, soll im Folgenden untersucht werden. Ist seine Aussage universal gültig, hatte die Revolution in der Ukraine insgesamt wirklich nur einen „anarchistischen Beigeschmack“? Oder war sie tatsächlich, wie stellenweise behauptet, „eine[..] der größten anarchistischen Bewegungen der Geschichte“?
Um diese Frage beantworten zu können, sollen verschiedene Aspekte geprüft werden, die einen Rückschluss auf eine mögliche anarchistische Prägung der Revolution geben können. In der Arbeit soll untersucht werden, inwiefern die Revolution mit anarchistischem Gedankengut theoretisch fundiert war, bis zu welchem Grad die praktische Durchsetzung der teils anarchistischen Ideale während der Jahre der Revolution gelang und in welchem Ausmaß tatsächliche Anarchisten darin involviert waren.
Um die historische Komponente der Arbeit nicht zu stark in den Vordergrund zu stellen, soll nur kurz auf die geschichtlichen Ereignisse eingegangen werden. Diese Eingrenzung soll es ermöglichen, die ideologische und somit politiktheoretische Betrachtung der Ereignisse in den Mittelpunkt der Arbeit zu stellen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die ukrainische Revolution 1918 – 1921 und der Anarchismus
2.1 Anarchokommunismus nach Kropotkin
2.2 Historie der Revolution
2.3 Anarchistische Theorie innerhalb der Bewegung
2.4 Die Umsetzung der Ideale in die Praxis
2.5 Involvierung von Anarchisten in die Revolution
3 Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische ukrainische Revolution zwischen 1918 und 1921 mit dem Ziel, ihre anarchistische Prägung politiktheoretisch zu analysieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit die Bewegung um Nestor Machno tatsächlich als anarchistische Revolution eingestuft werden kann, unter Berücksichtigung theoretischer Fundierung, praktischer Umsetzung sowie der Beteiligung aktiver Anarchisten.
- Theoretische Grundlagen des Anarchokommunismus nach Kropotkin
- Historischer Verlauf und militärische Rahmenbedingungen der Machno-Bewegung
- Analyse der anarchistischen Programmatik und deren praktische Implementierung
- Untersuchung der Rolle und Involvierung intellektueller Anarchisten
- Kritische Bewertung des anarchistischen Charakters der Bewegung in ihrer Gesamtheit
Auszug aus dem Buch
2.1 Anarchokommunismus nach Kropotkin
Als theoretischer Hintergrund zur ukrainischen Revolution von 1918 -1921 wird meist der Anarchokommunismus nach Kropotkin genannt, welcher sich seit Anfang der 1880er Jahre mehr und mehr unter den Anarchisten verbreitet hatte. Peter Kropotkin gilt als einer der wichtigsten Theoretiker des Anarchismus und gleichzeitig als führender Vertreter des Anarchokommunismus. Auch Machno selbst war ein Anhänger Kropotkins, weswegen hier die Grundideen des Anarchokommunismus vorgestellt werden sollen.
Peter Kropotkin errichtete seine Theorie des kommunistischen Anarchismus auf dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe (mutual aid). Überzeugt davon, dass gegenseitige Hilfe der dominante Faktor in der Evolution des Menschen ist, und nicht der gegenseitige Kampf, stellt er seine Kernthese auf: Er behauptet, dass das Naturgesetz kein Gesetz der Aggression, sondern ein Gesetz der friedlichen Kooperation ist. Aus diesem Grund seien auch weder Regierung noch Staat von Nöten, um die Menschen zu leiten. Altruistisches Verhalten bei Menschen sei auf natürliche Instinkte zurückzuführen, die auch bei Tieren zu finden seien. In jedem Menschen und in jedem Tier gäbe es den Instinkt zu gegenseitiger Unterstützung und Hilfeleistung. Dieser Gesellschaftsinstinkt ist laut Kropotkin der Ursprung aller Moral.
Seiner Vorstellung nach besteht die ideale Gesellschaft aus einem Netzwerk solidarischer Verbindungen zwischen allen Menschen. Erreicht werden könne diese Gesellschaft allerdings nur durch eine Kombination aus Wissenschaft und Revolution. Eine Revolution allein ist laut Kropotkin noch nicht ausreichend, es muss zugleich eine Bildungsinitiative unter den arbeitenden Bevölkerungsschichten initiiert werden, um diesen die anarchistischen Grundideen näher zu bringen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, inwieweit die ukrainische Revolution 1918-1921 als anarchistisch betrachtet werden kann, und grenzt die politiktheoretische Analyse von einer rein historischen Darstellung ab.
2 Die ukrainische Revolution 1918 – 1921 und der Anarchismus: Dieses Kapitel liefert den theoretischen Rahmen durch Kropotkins Anarchokommunismus und untersucht die historische Entwicklung, die anarchistische Programmatik, die Umsetzung in die Praxis sowie die Rolle realer Anarchisten innerhalb der Bewegung.
3 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die Revolution zwar anarchistische Aspekte aufwies, jedoch aufgrund des Mangels an theoretischen Kräften und des Überwiegens militärischer Zwänge in ihrer Gesamtheit nicht als rein anarchistisch bezeichnet werden kann.
Schlüsselwörter
Anarchismus, Ukrainische Revolution, Nestor Machno, Anarchokommunismus, Peter Kropotkin, Machnowstschina, gegenseitige Hilfe, soziale Revolution, Selbstverwaltung, Sowjets, Bauernkommunen, Bolschewisten, Militär, Ideologie, politische Theorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die ukrainische Revolution von 1918 bis 1921 und untersucht kritisch, inwieweit diese historisch und ideologisch als "anarchistische Revolution" klassifiziert werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen des Anarchokommunismus, die Geschichte der Machno-Bewegung, die praktische Umsetzung anarchistischer Ideale sowie die Rolle und Involvierung überzeugter Anarchisten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die politiktheoretische Einordnung der ukrainischen Ereignisse, um zu klären, ob die anarchistische Charakterisierung der Bewegung wissenschaftlich fundiert ist oder ob sie lediglich einen "anarchistischen Beigeschmack" hatte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politiktheoretische Analyse, die programmatische Dokumente und historische Abläufe der Revolution unter Einbeziehung relevanter Fachliteratur untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung durch Kropotkin, die historische Entwicklung der Machno-Bewegung, eine detaillierte Prüfung der anarchistischen Programmatik, deren praktische Umsetzung in Kommunen und Räten sowie die Analyse der personellen Beteiligung von Anarchisten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Nestor Machno, Anarchokommunismus, Machnowstschina, soziale Revolution und anarchistische Programmatik geprägt.
Warum konnte die anarchistische Programmatik langfristig nicht umgesetzt werden?
Die Umsetzung scheiterte primär an der militärischen Überlastung durch wechselnde Gegner, einer mangelhaften Bündnispolitik und einem Mangel an intellektuellen Theoretikern, die den sozialen Aufbau hätten verstetigen können.
Welche Rolle spielten die sogenannten freien Sowjets?
Die freien Sowjets dienten als Organe der direkten Demokratie, in denen Delegierte auf Kongressen Entscheidungen trafen, was die Umsetzung des anarchistischen Prinzips der Selbstverwaltung in der Praxis widerspiegelte.
Wie bewertet die Autorin die Rolle von Nestor Machno?
Machno wird als zentraler Revolutionsführer identifiziert, dessen Wirken zwischen dem Bekenntnis zum Anarchismus und dem militärischen Zwang als Feldherr hin- und hergerissen war.
Zu welchem Schluss kommt das Fazit der Arbeit?
Das Fazit schlussfolgert, dass die Revolution zwar starke anarchistische Züge trug, aber in ihrer vierjährigen Gesamtheit nicht als rein anarchistische Bewegung eingeordnet werden kann, da ideologische Ziele später gegenüber militärischen Notwendigkeiten in den Hintergrund traten.
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- Kathrin Aldenhoff (Author), 2006, Die ukrainische Revolution 1918 - 1921: Inwieweit handelt es sich um eine anarchistische Revolution?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/114636