Das weltweit bekannte Phänomen der informellen Siedlungen, d. h. solche, die ohne behördliche Genehmigung bzw. Planung entstanden sind, war bereits in den letzten 50 Jahren in entwicklungspolitischen Diskussionen zu finden. Durch die rasante Verstädterung und fehlende Steuerungsprozesse entwickelte sich bereits in den 1950er Jahren in vielen Großstädten in Ländern der Dritten Welt die Wohnraumversorgung einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen zum Problem. Die starke Land-Stadt-Migration und das hohe natürliche Bevölkerungswachstum in den 1960er Jahren sowie die ansteigende Verarmung der Mittelschichten und der Arbeiterschaft führte zunehmend zur Marginalisierung dieser Bevölkerungsgruppen, da der formelle Wohnungssektor der Nachfrage nach Wohnraum nicht nachkommen konnte und dieser ebenso für die Bevölkerungsmehrheit unerschwinglich und teilweise unangemessen war. Die einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen wurden zur Suche nach Wohnmöglichkeiten auf der informellen Seite gezwungen, die zumeist nur Behausungsprovisorien darstellten. Die Zunahme der Bevölkerung in den informellen Siedlungen, die damals bereits die Ränder der Metropolen und vieler Großstädte der Entwicklungsländer prägten und die Mehrheit der Bevölkerung dort beherbergten, hielt auch in den 1970er und 1980er Jahren an und stellte die offizielle Seite vor große Probleme. Informellen Siedlungen wurde vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt und Anfang der 1960er Jahre wurden sie zum ersten Mal von der UNO untersucht. Bis Mitte/Ende der 1960er Jahren wurde von den städtischen Behörden versucht, den informellen Siedlungen durch den am europäischen Vorbild orientierten sozialen Wohnungsbau (low cost housing) entgegenzuwirken. Die Unangemessenheit des konventionellen Wohnungsbaus zur Lösung des Wohnungsproblems in Städten der Dritten Welt wurde allerdings schnell erkannt und der Abriss der informellen Siedlungen, den viele Regierungen ebenso als konventionelle Maßnahme durchführten, wurde ebenso oftmals zu Gunsten von Sanierungs- und Konsolidierungsprogrammen aufgegeben. Als neuer Lösungsansatz wurde Anfang der 1970er Jahre die unterstützte Selbsthilfe im Wohnungssektor eingeführt, die eine wichtige Komponente der non conventional housing policies darstellte.
Inhaltsverzeichnis
1.0 Einleitung
1.1 Hinführung zum Thema
1.2 Aufbau der Arbeit
2.0 Klärung der Begriffe informelle Siedlung und squatting
3.0 Entwicklung von Lusaka und Entstehung der squatter unter Einbezug der wohnungspolitischen Maßnahmen
4.0 Das Lusaka Squatter Upgrading and Sites and Services Project der Weltbank
4.1 Voraussetzungen für das Weltbankengagement in Lusaka
4.2 Ziele des Projektes
4.3 Partizipation der squatter
5.0 Die Entwicklung der informellen Siedlungsstrukturen in George
5.1 Entstehung und Demographie von George
5.2 Strukturen in George vor der Modernisierung
5.2.1 Bauformen und Baumaterial
5.2.2 Besitzverhältnisse
5.2.3 Bebauungsmuster und Dichte
5.2.4 Technische Infrastruktur
5.2.5 Soziale Infrastruktur
5.2.6 Organisation im squatter
5.3 Erwartungen der Bewohner hinsichtlich der Modernisierung
5.4 Upgrading in George
5.4.1 Auswirkungen auf die Behausungen und die Siedlungsstrukturen
5.4.2 Auswirkungen auf die Besitzverhältnisse
5.4.3 Einrichtung technischer und sozialer Infrastruktur
5.4.4 Bereitstellungsgebühr und Kostendeckung
5.4.5 Errichtung von George overspill und die Folgen
6.0 Auswertung des Projektes
6.1 Hausbau in Selbsthilfe und Besitzverhältnisse
6.2 Geschäfte zur Materialversorgung und Materialdarlehen
6.3 Infrastrukturelle Maßnahmen
6.4 Auswirkungen auf die Beschäftigung und gewerbliche Nutzung
6.5 Erschwinglichkeit für die Bewohner und Kostendeckung
6.6 Partizipation der Bevölkerung bei der Planung und Durchführung
6.7 Verwaltung des Projektes
6.8 Einfluss des Projektes auf die Wohnungspolitik
7.0 Schlussbetrachtung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Magisterarbeit untersucht die Wirksamkeit von Modernisierungsmaßnahmen (Upgrading-Projekten) in informellen Siedlungen am Beispiel der sambischen Hauptstadt Lusaka, mit einem Fokus auf die Siedlung George. Die zentrale Forschungsfrage zielt darauf ab, zu evaluieren, ob die durchgeführten Maßnahmen der Weltbank die Lebensbedingungen der einkommensschwachen Bevölkerungsmehrheit tatsächlich nachhaltig verbessern konnten.
- Entwicklung informeller Siedlungsstrukturen im urbanen Raum
- Die Rolle der Weltbank bei Wohnungsbauprojekten in der Dritten Welt
- Sozioökonomische Auswirkungen von Upgrading-Maßnahmen
- Partizipation der lokalen Bevölkerung an Planungs- und Umsetzungsprozessen
- Herausforderungen bei der Kostendeckung und Instandhaltung von Infrastruktur
Auszug aus dem Buch
5.1 Entstehung und Demographie von George
Die squatter-Siedlung George befindet sich ca. 6 km nord-westlich der Innenstadt Lusakas, westlich der Schwerindustriezone. Den Namen erhielt die Siedlung von einem britischen Grundbesitzer, der sein Land unbeaufsichtigt zurückgelassen hatte. Die Behausungen der ehemaligen Angestellten des Landwirtes bildeten den Kern der entstehenden dorfähnlichen Siedlung, die außerhalb der damaligen Stadtgrenze und ohne Kontrolle der Behörden rapide anwuchs (SCHLYTER & SCHLYTER 1979:19). „When George expanded it was mainly on unprotected freeholds with absentee landlords.“ (SCHLYTER 1984:25).
Fast alle ersten Siedler in George kamen ursprünglich aus dem ländlichen Raum und sind später nach Lusaka gekommen. Vor der Ansiedlung in George hatten einige Bewohner schon über mehrere Jahre in städtischen Gebieten in Sambia bzw. in Lusaka gelebt, nur wenige kamen direkt nach George. Squatter, die ursprünglich aus der selben Region stammten, lebten in der Siedlung nicht zwangsläufig auch in nächster Nähe zueinander. Nur wenige Haushalte fanden ihre Verwandten in direkter Nachbarschaft, dennoch oft innerhalb der Siedlung. Während die Siedlung 1957 nur 92 Wohneinheiten umfasste, war die Zahl bis 1962 schon auf 160 Behausungen und 1965 auf 300 angestiegen (SCHLYTER & SCHLYTER 1979:20). Das stärkste Wachstum erfuhr die Siedlung in den späten 1960er Jahren. Nach der Unabhängigkeit erhob kein Grundbesitzer das Recht, sich in George anzusiedeln. Stattdessen übernahm die UNIP die Organisation und Kontrolle der Siedlung, wodurch die Bewohner sich relativ sicher und vor Vertreibung beschützt fühlten. Die Autorität der Parteivorsitzenden wurde nie hinterfragt, was dazu führte, dass die meisten Bewohner ihre Behausung als legal und vollständig akzeptiert ansahen (SCHLYTER 1984:25).
Zusammenfassung der Kapitel
1.0 Einleitung: Einführung in das globale Phänomen informeller Siedlungen und Darlegung der Zielsetzung sowie der Struktur der Arbeit.
2.0 Klärung der Begriffe informelle Siedlung und squatting: Definition der zentralen Konzepte, Abgrenzung von Begriffen wie Slum und Begründung der Terminologiewahl.
3.0 Entwicklung von Lusaka und Entstehung der squatter unter Einbezug der wohnungspolitischen Maßnahmen: Historischer Rückblick auf die koloniale Stadtentwicklung und die restriktive Wohnungspolitik bis zur Unabhängigkeit 1964.
4.0 Das Lusaka Squatter Upgrading and Sites and Services Project der Weltbank: Analyse der Rahmenbedingungen, Zielsetzungen und der geplanten Partizipation der Weltbank-Finanzierung in Lusaka.
5.0 Die Entwicklung der informellen Siedlungsstrukturen in George: Detaillierte Darstellung der Siedlung George vor der Modernisierung und Analyse der durchgeführten Upgrading-Maßnahmen.
6.0 Auswertung des Projektes: Kritische Evaluierung der verschiedenen Projektkomponenten, deren Erfolg, Schwachstellen und Auswirkungen auf die Stadtentwicklung.
7.0 Schlussbetrachtung und Ausblick: Zusammenfassendes Fazit der Ergebnisse und Reflexion über die langfristige Entwicklung und Nachhaltigkeit des Ansatzes.
Schlüsselwörter
Lusaka, Sambia, Squatter, Informelle Siedlung, Upgrading, Weltbank, Stadtentwicklung, Selbsthilfe, Wohnungsbaupolitik, Partizipation, Infrastructure, Soziale Segregation, Gentrifizierung, George, Kostendeckung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die stadtentwicklungspolitischen Maßnahmen der sambischen Regierung in Kooperation mit der Weltbank, die darauf abzielten, informelle Siedlungen (Squatter) in Lusaka aufzuwerten und zu legalisieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Wohnraumproblematik in afrikanischen Großstädten, der historische Kontext kolonialer Siedlungspolitik, die Konzepte von Upgrading-Projekten sowie die sozioökonomischen Bedingungen der Bewohner von informellen Siedlungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist die Überprüfung, ob die durchgeführten Infrastruktur- und Modernisierungsmaßnahmen die Lebensbedingungen der betroffenen einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen in Lusaka tatsächlich nachhaltig verbessert haben.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Literatur- und Sekundärdatenanalyse, insbesondere basierend auf Feldstudien, die in den 1970er und 1980er Jahren in der Siedlung George durchgeführt wurden.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse der Siedlungsgenese, eine detaillierte Beschreibung des Weltbank-Projekts sowie eine spezifische Fallstudie zur Siedlung George, gefolgt von einer evaluierenden Auswertung der Projektergebnisse.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Squatter, Upgrading, Lusaka, informelle Siedlung, Partizipation und Stadtentwicklung in Entwicklungsländern charakterisieren.
Warum war die Kostendeckung bei den Upgrading-Projekten so problematisch?
Die Kostendeckung scheiterte primär an den sehr geringen verfügbaren Einkommen der Bewohner, mangelnden administrativen Mechanismen zur Gebühreneintreibung und einer fehlenden Bereitschaft der Nutzer, für unzureichende oder verspätet gelieferte Infrastruktur zu zahlen.
Welche Auswirkungen hatte die "de-densification"-Strategie in der Siedlung George?
Die Strategie führte zur Umsiedlung von Bewohnern in sogenannte "overspill areas", was zwar eine geordnetere Siedlungsstruktur schuf, aber auch soziale Netzwerke störte und langfristig zur Gentrifizierung des Gebiets beitrug.
Wie bewerten die beteiligten Akteure den Erfolg des Projekts rückblickend?
Die Bewertung ist ambivalent: Während die Weltbank und offizielle Stellen das Projekt als innovativ und erfolgreich einstuften, betrachteten Kritiker und Teile der Bevölkerung es aufgrund der mangelnden Nachhaltigkeit und der hohen Kosten als gescheitert oder überbewertet.
- Quote paper
- Magistra Artium Maren Geller (Author), 2008, Squatting in Lusaka, Sambia - Zur Entwicklung informeller Siedlungsstrukturen in einer afrikanischen Großstadt, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/114206