Judith Butler, eine US-amerikanische Philosophin, Philologin und Gendertheoretikerin, stellt in ihrer Lektüre Gender and Education aus dem Jahr 2012 folgende These auf: „[…] we are also educated into having a gender, wich means that we get an education in gender before we arrive at any school". Diese frühe Geschlechtererziehung soll mimetisch erfolgen, was heißt, dass sie unbewusst und ohne explizite Anweisungen verläuft.
In diesem Essay möchte ich einen Interpretationsversuch dieser kontrovers diskutierten These Butlers wagen: wie kann eine frühkindliche Geschlechtererziehung verstanden werden, die unbewusst verläuft und wie wird sie im Konkreten bei der Bildung von Männern und Frauen vollzogen? Für ein erkenntnisbringendes Fazit, werde ich mich zum Teil an Erklärungen stützen, die Butler selbst in ihrer Lektüre liefert und versuchen, allgemeine Aspekte von Bildung und Erziehung, die Einfluss auf die Entwicklung eines Individuums nehmen, heranzuziehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erörterung zu der These Judith Butlers
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Dieses Essay setzt sich kritisch mit der These Judith Butlers auseinander, dass Geschlecht ein durch Sprache und soziale Normen konstruiertes Produkt ist, anstatt ein biologisch determiniertes Evolutionsergebnis. Ziel ist es, die unbewussten Mechanismen der frühkindlichen Geschlechtererziehung und deren Auswirkungen auf die soziale Rolle von Männern und Frauen zu analysieren.
- Die Rolle der Mimesis und sozialer Normen bei der Geschlechterbildung.
- Einfluss von Sprache, Symbolik und Körpersprache auf die Identitätskonstruktion.
- Sozialisation als Prozess der gesellschaftlichen Einordnung und Rollenzuweisung.
- Kritische Analyse von Machtstrukturen und deren Manifestation in ökonomischen und rechtlichen Systemen.
Auszug aus dem Buch
Erörterung zu der These Judith Butlers
Soziale Normen: „[…] we find ourselves acting on the model of some set of others, who may not exist. […] Mimesis is what I take from others without knowing that I have taken it“ (Butler, 2012, S. 20). Mimesis meint das Lernen durch Nachahmung beziehungsweise durch Vorbilder, die Verkörperer sozialer Normen sind. Diese Normen definieren sozial erwünschtes Verhalten und sind dabei keineswegs neutral, da das verkörperte Geschlecht durch sie einem sozialen Feedback unterliegt, das entweder verstärkend oder strafend, das heißt mit dem Ziel der Löschung, ausfällt. Mimesis meint nun, dass dieses Feedback keineswegs aus rein explizit formulierten Anweisungen besteht, sondern dass auch jedes vielleicht unbewusste Naserümpfen, Augenbrauen hochziehen sowie Nicken oder jede unbedachte Äußerung oder Handlung einen kollektiven Wert zum Ausdruck bringt und zur Bildung der Moral und den Einstellungen des Beobachters beiträgt. Es sind also auch Mimik und Gestik und das menschliche Gebärden an sich, die Normen sprechen lassen und somit als positives oder negatives Feedback wirken können, wodurch sie maßgeblich dazu beitragen, ob die Verkörperung Nachahmer findet oder nicht. Ein Geschlecht zu erlernen ist also auch immer ein kognitiver Prozess, da es durch Beobachtung erfolgt und ganz im Sinne des Lernens am Modell die Analyse und Bewertung des beobachteten Verhaltens erfordert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Kernthese von Judith Butler ein, dass Geschlechtererziehung bereits vor dem Schuleintritt durch unbewusste mimetische Prozesse stattfindet.
2. Erörterung zu der These Judith Butlers: Dieses Hauptkapitel analysiert, wie soziale Normen, Sprache, Symbole und Sozialisationsprozesse das Individuum formen und zur Konstruktion geschlechtsspezifischer Identitäten und Rollenbilder führen.
3. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Annahme einer "natürlichen" Geschlechterordnung lediglich ein Resultat gesellschaftlicher Machtstrukturen ist und plädiert für eine kritische "De-Bildung" zur Erreichung mündiger Bürgerschaft.
Schlüsselwörter
Judith Butler, Gender, Sozialisation, Mimesis, soziale Normen, Geschlechterkonstruktion, Sprache, Machtsysteme, Patriarchat, Identität, Schemata, Selbsterfüllende Prophezeiung, Feminismus, Diskriminierung, Bildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die philosophische und soziologische These, dass Geschlecht nicht biologisch gegeben, sondern gesellschaftlich konstruiert ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Wirkmächtigkeit von Sprache, die Bedeutung der Sozialisation und der Einfluss sozialer Normen auf die Ausformung individueller Geschlechtsidentitäten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie unbewusste Erziehungsprozesse und gesellschaftliche Strukturen zur (Re-)Produktion eines "schwachen Geschlechts" beitragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um einen interpretativen Essay, der sich primär auf eine literaturbasierte Analyse der Thesen von Judith Butler stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Rolle der Mimesis, der Macht der Sprache und Symbole sowie den ökonomischen und psychologischen Mechanismen, die traditionelle Rollenbilder festigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Gender, Sozialisation, Machtsysteme, Mimesis und soziale Konstruktion charakterisiert.
Wie beeinflusst das Ehegattensplitting laut der Autorin die Geschlechterrollen?
Es wird angeführt, dass durch das Ehegattensplitting finanzielle Anreize für eine ungleiche Verteilung der Erwerbsarbeit gesetzt werden, was Frauen oft in eine wirtschaftliche Abhängigkeit führt.
Was versteht die Autorin unter dem Begriff "De-Bildung"?
"De-Bildung" bezeichnet die kritische Distanzierung von gesellschaftlich verinnerlichten Mustern und Beobachtungen erster Ordnung, um zu einer bewussteren, reflektierten Lebensführung zu gelangen.
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- Nessa Ahmadkhani (Author), 2018, Judith Butlers' These zur Geschlechtererziehung. Eine Interpretation, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1139000