Werkswohnungsbau bezeichnet die unternehmerische Tätigkeit des Wohnungsbaus für die eigene Arbeiterschaft auf werkseigenem Gebiet zur Gewinnung und Bindung von Arbeitskräften. Er entsteht in ländlichen Gegenden, deren Wohnkapazitäten für einen effizienten Betrieb nicht ausreichen, eine hohe Rohstoffkonzentration jedoch einen Standortwechsel in dichter besiedeltes Gebiert nicht sinnvoll macht. Er stellt also in erster Linie eine produktive Investitionen zur Gewinnsteigerung dar, kann daneben aber auch sozialpolitische oder ideologische Funktionen übernehmen. Als wichtiger Teil der Arbeiterwohnungsfrage mit der Sozialen Frage des 19. Jahrhunderts eng verbunden kam der unternehmerischen Wohnungsbauinitiative deshalb große Bedeutung zu, weil sie in einer Zeit des wachsenden Wohnbedarfs für Industriearbeiter die Unzulänglichkeit des privatwirtschaftlich initiierten Bauwesens auffing und damit nicht nur die Grundlagen für ihre Produktionssteigerung, sondern auch Vorbild für kommunalpolitische Wohnungsbauinitiativen war.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung und thematische Eingrenzung
II. Vom Schlafsaal zur gartenstädtischen Werkssiedlung
II.1. Anfänge des Werkswohnungsbaus
II.1.1. England
II.1.2. Frankreich
II.1.3. Preußen
II.2. Typen des Werkswohnungsbaus
II.2.1. Menage
II.2.2. Kaserne
II.2.3. Vierfamilienhaus mit Kreuzgrundriss
II.2.4. Einzel- und Doppelhäuser
II.2.5. Kleinhaussiedlung
II.2.6. Parksiedlung
III. Das Beispiel Ruhrgebiet
III.1. Die Firma Krupp
III.1.1. Anfänge des Kruppschen Werkswohnungsbaus
III.1.1.A. Menagen
III.1.1.B. Meisterhäuser
III.1.2. Werkswohnungen für Arbeiterfamilien
III.1.2.A. Westend
III.1.2.B. Schederhof
III.1.2.C. Altenhof
III.1.3. Ziele und Auswirkungen des Kruppschen Werkswohnungsbaus
III.1.4. Vor- und Nachteile des Kruppschen Werkswohnungsbaus
III.2. Die Harpener Bergbau AG
III.3. Die Menage des Bochumer Vereins
IV. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung und Funktion des Werkswohnungsbaus im Ruhrgebiet vor 1914, mit einem besonderen Fokus auf die Firma Krupp. Dabei wird analysiert, inwieweit diese Maßnahmen als wohlfahrtsorientierte soziale Fürsorge oder primär als unternehmerisches Instrument zur Bindung und Disziplinierung der Arbeiterschaft zur Produktionssteigerung zu bewerten sind.
- Anfänge und Vorbilder des Werkswohnungsbaus in Europa
- Differenzierung der verschiedenen Wohnhaustypen (z.B. Menagen, Werkskolonien)
- Fallstudie: Strategien des Werkswohnungsbaus bei der Firma Krupp
- Vergleichende Analyse mit anderen Unternehmen wie der Harpener Bergbau AG
- Bewertung des Einflusses auf Arbeitskraftbindung und soziale Kontrolle
Auszug aus dem Buch
III.1.2.B. Schederhof
Die zwischen 1872 und 1873 errichtete Kolonie Schederhof stand nicht auf werkseigenem Gelände der Firma Krupp, sondern wurde auf einem speziell zu diesem Zweck erworbenem Landstück gebaut. Dadurch bedingt weiter von der Fabrik entfernt als Westend büßte sie ein typisches Charakteristikum für Werkswohnungen ein, war dafür aber ein regelrecht kleinstädtisches Gebilde mit zentralem Marktplatz, Postamt, Park, Schule und „Konsumanstalt“. Im Gegensatz zu den Wohnungen in Westend waren die in Schederhof tatsächlich von einander separiert. Erstmalig traten gemeinschaftliche Zusatzgebäude und Erholungsflächen zu den Kruppschen Arbeiterwohnungen, was auf den ersten Blick den wohlfahrtsähnlichen Charakter unterstrich. Überwiegend war darin jedoch die Absicht zu erkennen, die Arbeiter über das Beschäftigungs- und Arbeitsverhältnis hinaus noch stärker zu binden (Konsumanstalt) und zu erziehen (Schulen). Mit der Anlage von Parks und Gaststätten wurde der Arbeiterfamilie zudem ein Erholungsfeld geboten, dass der Arbeitswelt der Bergleute konträr gegenüberstand, auch wenn das Motiv in der davon ausgehenden Anziehungs- und Bindungs- wie in der Absicht der Regenerationswirkung gelegen haben mochte, wie Baedeker ausführt: sie sollten „eine unstete Arbeitermasse in eine sesshafte Bevölkerung“ verwandeln.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung und thematische Eingrenzung: Definition des Werkswohnungsbaus als unternehmerische Investition zur Arbeitskräftesicherung sowie Abgrenzung der Forschungsfrage nach dem Wohlfahrtscharakter oder der Erziehungsfunktion.
II. Vom Schlafsaal zur gartenstädtischen Werkssiedlung: Darstellung der historischen Anfänge in Europa und Klassifizierung der unterschiedlichen baulichen Typen vom einfachen Schlafsaal bis zur komplexen Parksiedlung.
III. Das Beispiel Ruhrgebiet: Detaillierte Analyse der Kruppschen Wohnungsbaupolitik, unterteilt in Phasen und Haustypen, ergänzt durch Vergleiche mit anderen Bergbauunternehmen.
IV. Schlussbetrachtung: Synthese der Ergebnisse, die den Werkswohnungsbau vor allem als Motor der industriellen Produktionssteigerung einordnet, bei dem wohlfahrtsorientierte Aspekte hinter der Zielsetzung der Bindung einer Stammbelegschaft zurücktraten.
Schlüsselwörter
Werkswohnungsbau, Ruhrgebiet, Firma Krupp, Arbeiterwohnung, Industrialisierung, Sozialpolitik, Kolonie, Menage, Arbeitskraftbindung, Disziplinierung, Wohlfahrtseinrichtung, Schlafsaal, Werkssiedlung, Sozialgeschichte, 19. Jahrhundert
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Funktion und Entwicklung des Werkswohnungsbaus im Ruhrgebiet vor 1914, wobei insbesondere das Spannungsfeld zwischen unternehmerischem Kalkül und sozialer Wohlfahrt beleuchtet wird.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten gehören die historischen Vorbilder in England und Frankreich, die bauliche Typologie des Werkswohnungsbaus sowie eine detaillierte Fallstudie der Firma Krupp.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob der Werkswohnungsbau als wohlwollende Wohlfahrtseinrichtung oder eher als Instrument zur Erziehung, Disziplinierung und langfristigen Bindung von Arbeitskräften an ein Unternehmen zu verstehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine historische Analyse unter Auswertung zeitgenössischer Architektur- und Sozialberichte sowie einschlägiger wirtschaftshistorischer Literatur zum Ruhrgebiet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden neben den theoretischen Grundlagen der Gebäudetypen die spezifischen Ansätze der Firma Krupp (wie Westend, Schederhof und Altenhof) sowie Vergleichsbeispiele wie die Harpener Bergbau AG untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Werkswohnungsbau, Industriegeschichte, soziale Kontrolle, Arbeiterwohnverhältnisse und die spezifische Unternehmensentwicklung der Firma Krupp im 19. Jahrhundert.
Welche Rolle spielten die sogenannten „Menagen“ bei Krupp?
Menagen dienten als kostengünstige Massenunterkünfte für alleinstehende Arbeiter, unterlagen jedoch strengen Hausordnungen, die der Disziplinierung und Überwachung dienten, anstatt reine Wohlfahrtszwecke zu verfolgen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor bezüglich des Wohlfahrtscharakters?
Der Autor kommt zu dem Fazit, dass die Produktionssteigerung das primäre Motiv war, gefolgt von Erziehungsaspekten; ein echter Wohlfahrtscharakter rangiert in der Gewichtung erst an dritter Stelle.
- Arbeit zitieren
- Boris Kretzinger (Autor:in), 2007, Werkwohnungsbau vor 1914, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/113376